Ansprache zum 7-jährigen Jubiläum des Parkgebets am Donnerstag, 10.08.2017 im Schlossgarten von Guntrun Müller-Enßlin

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Ich lese aus der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21. Dort entwirft der Apostel Johannes die kühne Vision einer Modellstadt, des neuen Jerusalem:

Und ich sah die heilige Stadt, schreibt er, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Sie hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall; sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich die Namen der zwölf Stämme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden drei Tore, von Süden drei Tore, von Westen drei Tore. Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.
Und der mit mir redete, hatte einen Messstab, ein goldenes Rohr, um die Stadt zu messen und ihre Tore und ihre Mauer. Und die Stadt ist viereckig angelegt und ihre Länge ist so groß wie die Breite.
Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen. Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und der Marktplatz der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.
Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie. Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. Und man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie bringen. Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge.
Und der mit mir redete, zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall. Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, stehen Bäume des Lebens. Zwölfmal tragen sie Früchte, jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets!

Lang lang ist‘s her. 7 Jahre ist’s her, um genau zu sein, da träumten wir von einer neuen Stadt. Bei einem Gottesdienst am Ostermontag 2010 mit über tausend Menschen im Oberen Schlossgarten habe ich diesen Text, den ihr gerade gehört habt, auch vorlesen lassen. Was ist das für eine Stadt, von der der Seher Johannes redet? Wodurch zeichnet sie sich aus? Sammeln wir kurz ein paar ihrer Qualitäten. Zunächst einmal fällt das rein Äußerliche auf: es ist eine schöne, eine geschmackvolle Stadt mit einer besonderen Architektur, die freilich für etwas steht. Durch und durch einladend ist sie, die Stadt, zu erkennen an der Zahl ihrer Tore, die nie geschlossen werden. Ein Zeichen dafür, dass bei Gott alle Ausgrenzungen aufhören, alle dürfen teilnehmen am Leben in dieser Stadt und an ihren Geschicken. Die Stadt Gottes ist eine kommunikative Stadt. Die kommunalen Belange haben Vorrang vor den Privaten, Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Es ist eine begrünte Stadt mit einem Fluss, an dem Bäume wachsen, deren Blätter und Früchte den Menschen zur Lebengrundlage und zur Gesundheit dienen. Die Stadt Gottes ist eine wirklich demokratische Stadt, in der die Regierenden einhergehen wie jedermann, alle, auch und besonders die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger dürfen sich einbringen und werden gehört; ihre Anliegen haben Gewicht. Und schließlich: In dieser Stadt kommen alle kriminellen Machenschaften an ihr Ende: „Nichts Böses dringt in sie ein, obwohl sie absolut offen ist.“

Sieben Jahre ist’s her, liebe Parkgebetler. Einen Sommer lang haben wir geträumt. Vielleicht nicht gerade davon, dass sich die Modellstadt, die uns der Seher Johannes präsentiert, 1 zu 1 und in Gänze hätte umsetzen lassen in unserem Stuttgart, aber doch die eine oder andere Facette davon. Wir glaubten an Demokratie und unsere Möglichkeiten, die Geschicke der Stadt, in der wir leben, mitbestimmen oder doch beeinflussen zu können. Wir haben davon geträumt, dass ein unsinniges milliardenschweres Prestigeprojekt, das nur wenigen nützt und vielen schadet, nicht gebaut wird. Wir haben davon geträumt, dass unser Schlossgarten mit seinen herrlichen uralten Bäumen stehen bleiben darf und den Bewohnern dieser Stadt Grünoasen und gute Luft erhalten wird, die man atmen kann. Wir haben davon geträumt, dass gemeinnützige Interessen wichtiger gehandelt werden als eigennützige Kapitalinteressen von Finanzeliten. Wir haben davon geträumt, dass wir Lug und Trug und die kriminellen Machenschaften, mit denen das Projekt Stuttgart 21 durchgesetzt werden sollte, die Stirn bieten und ihnen ein Ende bereiten könnten. Wir haben darauf vertraut oder doch gehofft, dass wir gehört werden mit unseren Anliegen und dass unser Einsatz zum Erfolg führt: Erhalt einer lebbaren Stadt für alle, zuallererst und insbesondere für die, die in ihr wohnen und arbeiten. Wir haben davon geträumt und darauf vertraut, dass IRGENDETWAS in unserer Stuttgarter Community mit rechten Dingen zugeht.

Unsere Träume haben sich nicht erfüllt. Es kam zu einer beispiellosen Machtprobe zwischen Bevölkerung und Teilen der Politik, zwischen Projektgegnern und Wirtschaftslobby, zwischen Normalbürgern und Konzern. Letzterer saß am längeren Hebel, hat mit unlauteren Methoden und skrupellosem Agieren den Sieg davongetragen, war sich für keine Schurkerei zu schade, nun wird gebaut, wir haben das Nachsehen. Die Stadt, von der wir träumten, eine Stadt nach dem Modell des Sehers Johannes, scheint in weite Ferne gerückt.

Hier in Stuttgart bleibt kein Stein bleibt auf dem anderen, das Unterste wird zuoberst gekehrt, ohne dass irgendetwas besser wird. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Blick auf das, was in dieser Stadt derzeit läuft oder auch nicht, darauf, wie sie sich präsentiert und mit ihren Bürgerinnen und Bürgern umgeht, zum Abgewöhnen.

Viel von dem, was wir 2010 prophezeit haben, ist eingetreten; ein Problem gibt das andere: Überhöhte Abgaswerte und Feinstaub belasten Luft und Lebensqualität; klar – es fehlen Bäume und Grünschneisen. Die Stadt appelliert, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, gleichzeitig werden die Fahrpreise erhöht. Es wird appelliert, aufs Fahrrad umzusteigen, aber man knausert beim Geld, um Fahrradwege zu bauen. Es entsteht eine großmaulige Mooswand, gleichzeitig wird jeder Baum, der irgendeinem Bauvorhaben im Weg steht, gefällt, jeder Quadratmeter Freifläche zubetoniert mit noch mehr Ladenfläche, wir haben ja in Stuttgart noch nicht genügend davon. Einkaufszentren schießen wie Pilze aus dem Boden. Im Gegenzug fehlt es dann an Wohnraum, vor allem an Bezahlbarem. Bei dem, was gebaut wird, regiert das fette Geld, der Protz und die Einfallslosigkeit; keine schöne fantasievolle Architektur, wie sie der Seher Johannes für die Modellstadt Jerusalem schildert, sondern Eintöniges, Liebloses, Geschmackloses, dessen man sich schämen möchte; jedes Mal, wenn ich am Dorotheenquartier vorbeikomme, frage ich mich, wie kann man dort so einen Boden legen, hunderte von Quadratmetern aus dem gleichen hellen Stein, der einem in den Augen wehtut, wenn die Sonne darauf scheint; da gibt’s kein Muster, keinen Baum, keine grüne Insel oder sonst eine Abwechslung. Was sind das für Kräfte, die hier am Werk sind? Das fragt man sich nicht nur, wenn man im Gemeinderat einen AFD-Stadtrat schwadronieren hört, der Marktplatz solle wieder Parkplatz für Autos werden, oder für Parkplätze müsse das gleiche Prinzip gelten wie für Bäume: So wie für jeden Baum ein neuer gesetzt werden müsse, so müsse für jeden Parkplatz, der in der Stadt wegfällt, ein neuer geschaffen werden.

Was sind es für Kräfte, die in dieser Stadt am Werk sind? Das fragt man sich auch, wenn derzeit als Interim für die Oper wieder der Eckensee im Gespräch ist. Ja, Sie haben richtig gehört, liebe Parkgebetler, eine Mehrheit der Gemeinderatsfraktionen hat sich dafür ausgesprochen, dass der Eckensee im Oberen Schlossgarten als Standort für eine Ersatzoper geprüft werden soll, die dann während der Zeit der 300–600 Millionen Euro schweren Opernsanierung betrieben werden soll. Damit würde dann die letzte Grünoase im Herzen Stuttgarts wegfallen – und die Majorität der Bevölkerung scheint es nicht zu kümmern. Man fragt sich – geht’s eigentlich noch?

Stuttgart – nicht Modellstadt sondern Schilda. Es könnte lustig sein, wenn wir nicht alle in dieser Stadt irgendwie leben müssten. Die Kommunalpolitik reibt sich darin auf, am kleinkleinen oder auch großgroßen Symptom rumzudoktern, übergreifende Stadtentwicklungs- und Verkehrskonzepte, die nicht nur einseitig an Wirtschaftsinteressen und deren Gewinnen orientiert sind, fehlen.

Und doch ginge es auch anders. Das zeigt der Blick über den engen kleinkarierten Horizont Stuttgarts hinaus auf andere Städte. Ja, tatsächlich, es gibt Stadtbevölkerungen, die gehen an die Entwicklung des Raums, in dem sie leben, anders heran und setzen damit Aspekte jener visionären Stadt Gottes, wie sie der Seher Johannes beschreibt, in Realität um.

Ein Beispiel ist die Stadt Münster.

Münster legt auf die starke Durchgrünung der Stadt allergrößten Wert. Während das grüne U in Stuttgart kaputt gemacht worden ist, gibt es in Münster einen geschlossenen Grünring um die Altstadt. Die Stadt betreibt intensiv den Ausbau von Fahrradwegen. Sie verfolgt verschiedene innovative, nachhaltige Wohnbaukonzepte, zum Beispiel gibt es eine autofreie Wohnsiedlung Weißenburg mit Mietwohnungen, die auch für sozial schwächere Familien erschwinglich sind. Es gibt auch eine Solarsiedlung. Was den Verkehr angeht, setzt die Stadt auf Intensivierung, gute Taktung und Vernetzung des Nahverkehrs. Das wichtigste Potenzial der Stadt ist die aktive Bürgerschaft, ohne deren Engagement viele Erfolge der Stadtentwicklung undenkbar wären.

Aber diese aktive Bürgerschaft die hätten wir ja in Stuttgart auch.

Anderes Beispiel: Wien ist bereits 2009 unter 215 Metropolen zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität avanciert. Das liegt an verschiedenen innovativen Wohnbaukonzepten aber auch am konsequenten Umbau der Verkehrsinfrastruktur. In Wien gibt es das 365 Euro Ticket – das ist die Jahresnetzkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Zum Vergleich Stuttgart: Jahresnetzkarte für 2 Zonen kostet 976 Euro.

Man fragt sich immer: Warum gehen solche Dinge woanders, aber nicht in Stuttgart? Warum bekommen andere Städte Prädikate wie „Fahrradhauptstadt“, „Klimaschutzhaupstadt“, während sich mit Stuttgart Schlagworte wie „Staustadt Nummer 1“ und „Feinstaubmetropole“ verknüpfen?

Liebe Parkgebetgemeinde, lang, lang ist’s her. Sieben Jahre ist es her, dass wir miteinander von einer neuen Stadt geträumt haben.

Ich weiß, angesichts der aktuellen Entwicklung in Stuttgart ist die „Er-Mutigung“ weiterzuträumen, eine „Zu-Mutung“. Ich weiß es, weil ich es selber so empfinde. Weil mich oft anstelle des Muts die Wut packt über die Betonköpfe, die aus allem anderen hier in Stuttgart auch Beton machen wollen, so lange, bis alles zubetoniert ist. Mich packt die Wut über die Dummheit, die Borniertheit, den Geiz, den Eigennutz derjenigen, die in dieser Stadt Entscheidungen treffen und derjenigen, die sie wählen. Ich bin oft entmutigt, möchte abwinken, mich zurückziehen und Privatier werden. Und doch stehe ich heute Abend hier bei Euch, Menschen, denen, wie mir selber, das Wohl dieser Stadt am Herzen liegt und die sich mit all dem Katastrophalen und den Aporien nicht abfinden wollen. Wir haben letztlich keine Wahl. Wollen wir nicht dorthin zurückgehen, wo viele von uns damals 2009 hergekommen sind, einschließlich mir selber – aus der politischen inneren Emigration – wollen wir dorthin nicht zurückkehren, dann müssen wir weitermachen, weitermahnen, weiterstreiten, weiterkämpfen für eine andere Stadt. Wir tun es – dickköpfig, unverbesserlich, mit jenem Mut, der manchmal ein Mut der Verzweiflung ist. Wir tun es gemeinsam, denn zusammen sind wir stärker. Und wir tun es mit der Zusage Gottes, der dem Seher Johannes einst diese Bilder der neuen Stadt zugespielt hat. Die Vision dieser Modellstadt gilt auch uns und unserer Stadt Stuttgart, nach wie vor und gegen allen Augenschein. Amen.

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Eine Antwort zu “Ansprache zum 7-jährigen Jubiläum des Parkgebets am Donnerstag, 10.08.2017 im Schlossgarten von Guntrun Müller-Enßlin

  1. Liebe Guntrun
    Ja, auch ich habe 2010 mitgeträumt – bei allen Veranstaltungen lagen Leichtigkeit und Freude in der Luft. Heute, nach 7 Jahren, habe ich, zumindest äußerlich, resigniert. Die knallharte Konfrontation beider Lager, die ich damals mit meiner Arbeit glaubte auflösen zu können, hat unentwegt neue Nahrung bekommen. So arbeite ich heute „im Stillen“ an einer besseren Zukunft – ob in 10 oder in 100 Jahren …
    Dir danke ich für Deinen großartigen Beitrag von der Neuen Stadt !
    Mit herzlichen Grüßen
    Hartmut

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