Ansprache beim Parkgebet am 8.12.2016 von Dorothea Ziesenhenne-Harr

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Liebe Freundinnen und Freunde des Parks und des Kopfbahnhofs,
es ist eine ganze Weile her, dass ich die Andacht beim Parkgebet gehalten habe. Genau gesagt ein Jahr und sieben Monate ist das her.
In dieser Zeit wurde das Unrecht, die Geldverschwendung, die Lügen, die Umweltzerstörungen weiter fortgesetzt. Als gäbe es kein Recht, als gäben es keine klaren und guten Alternativen, als gäbe es nicht die Aufdeckung der Lügen und die Schritt für Schritt Bestätigung der Gefahren und der technisch dauerhaften Unmöglichkeiten bei diesem Kellerbau.
Nächste Woche Mittwoch, am 14.12., werden wir wieder miterleben, ob der Aufsichtsrat der Bahn tatsächlich seinen Auftrag erfüllt und die Bahnvorstände mit ihren Bauvorhaben kontrolliert. Oder ob die Aufsichtsräte erneut die Augen und Ohren zumachen und so tun, als gäbe es das letzte Gutachten nicht, in dem mal wieder das bestätigt wird, was wir seit mindestens 6 Jahren sagen.
Wir sind hier, um uns Kraft und Zuversicht in der Gemeinschaft, im Gebet und im Vertrauen auf Gott zu erbitten. Gerade auch für diese Zeit.
Um das in Worte zu fassen, habe ich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, die ich euch heute Abend mitgebracht habe. Dabei dreht es sich nicht um den Kellerbau, sondern darum, wie sich Wut über Unrecht und zerbrochene Vorstellungen in Zuversicht und Hoffnung wandeln kann.

Ein fast zerbrochenes Weihnachtsfest (2016)
von Dorothea Ziesenhenne-Harr
Ihre Vorstellung vom Weihnachtsfest war zerbrochen. Es geschah in dem Moment, als sie das grässliche Knacksen hörte.
Sie war gestürzt, die Straße war vereist.
Jetzt liegt sie im Krankenhaus.
Alle sind freundlich zu ihr. Sie ist unfreundlich zu allen.
Sie ist wütend. Auf das Eis. Auf die Kälte, auf die Stadtverwaltung, die am Streudienst spart. Auf die Polizei, die keine Warnschilder aufgestellt hat. Auf die Nachbarn, die den Schnee vom Bürgersteig auf die Straße geschippt haben. Dort wurde er dann von den Autos verteilt. Und dann gefror er zu Eis.
Im Prinzip ist sie auf alle stockend sauer.
Sie haben mir mein Weihnachtsfest kaputt gemacht, wie meine Knochen.
Damit haben sie auch etwas in mein Leben zerstört. Wer weiß, ob ich je wieder so laufen kann wie vorher. Vielleicht kann ich das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Es ist so ungerecht. Jetzt muss ich für die Fehler der anderen büßen.
Frau Kolbin verliert sich in dunklen Gedanken.
Im Flur des Krankenhauses warnen sich die Pflegerinnen gegenseitig: „Wenn du zu Frau Kolbin rein musst, mach dich auf dicke Luft gefasst“, sagt Schwester Inge. Schwester Ayshe schließt sich an:“ wir haben sie extra in ein Einzelzimmer verlegt, damit sie andere Patientinnen nicht mir ihrer üblen Laune ansteckt.“
Stationsschwester Fatma seufzt: „Ja, es ist schwierig mit ihr. Sie ist so wütend auf alles und jeden. Ich glaube, es liegt daran, dass sie über Weihnachten im Krankenhaus bleiben muss. Für sie ist das Weihnachtsfest ganz wichtig. Dabei hat sie nicht mal Kinder und Enkel, mit denen sie zusammen feiern könnte. Sie ist ganz alleine und das ist ja schon schlimm genug.“
Am nächsten Tag ist wieder Treffen im Flur wegen Frau Kolbin. „Es wird schlimmer mit ihr“ stöhnt Ayshe. „Jetzt verweigert sie sogar das Essen, weil es ihr nicht schmeckt.“
Stephanie ist dazu gekommen und meint: „Ich habe Frau Kolbin laut schimpfen gehört, als ich in ihrem Zimmer war. „Kein Mensch wird jetzt den Stollen backen. Niemand wird sich um die Kerzen und die Tischdekoration kümmern. Außer mir macht ja keiner was. Niemand setzt sich heute noch wirklich für andere ein. Die Menschen drehen sich nur noch um sich selbst und ihr eigenen Pläne, ohne dabei an die Folgen für andere zu denken,“ hat sie vor sich hin gewütet. Die Pflegerinnen nicken sich wissend und etwas genervt zu.
Während dessen liegt Frau Kolbin in ihrem Bett und weint.
Aus der Wut ist Trauer geworden.
Der Glanz des Weihnachtsfestes hat ihr immer für das ganze Jahr Mut und Hoffnung gegeben. Ja, ihr Leben erhellt. Nun ist alles tief schwarz.
Sie hatte so viel Freude beim Vorbereiten der Feier am Heiligen Abend für alle Einsamen, für Leute, die keine Familien haben und nicht wissen, wohin.
Mit großer Sorgfalt und voller Eifer hat sie für alle kleine Geschenke gebastelt.
Das ganze Jahr über.
Wenn dann die Kerzen am Weihnachtsbaum leuchteten und sie das: „Ah und Oh, wie ist das schön“ hörte und die stille Freude all der Menschen im Gemeindesaal wahrnahm, dann wurde ihr warm ums Herz. Sie fühle sich selbst geborgen und getröstet in der Gemeinschaft mit den anderen.
Und jetzt? Alles umsonst! Und das nur wegen der anderen, die alles falsch gemacht haben. Die einfach ihren Aufgaben nicht richtig nachgekommen sind.
Die nicht sorgfältig überprüft haben, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen für andere Menschen haben. Frau Kolbin ist verzweifelt.
Alles kaputt, zerbrochen, wie ihre Knochen. Woher sollte sie ohne das Fest am Heiligen Abend die Kraft für das neue Jahr herbekommen? In diesem öden grässlichen Krankenhaus etwa, wo alle über sie lästern und hinter ihrem Rücken über sie flüstern. Sie ist ja nicht blöd. Und schon kommt die Wut wieder hoch. Es ist unerträglich, wenn die eigenen Vorstellungen durch das falsche Verhalten von anderen kaputt gemacht werden.
Die Luft in Zimmer 24 vibriert regelrecht vor Zorn, Wut und Trauer. Da schmeckt wirklich kein Essen mehr.
Am Heiligen Abend tut das Bein von Frau Kolbin besonders weh. Statt dass der Bruch heilt, schein er immer größer zu werden. So fühlt es sich für sie an.
Frau Kolbin liegt im Dunkeln. Sie will nichts mehr sehen und hören. Es ist eh schon alles vorbei. Sie spürt nur die kochende Wut und das Gefühl: niemand versteht sie. Niemand berücksichtigt sie und nimmt ihre Wünsche ernst. Sie ist allen egal.
Da öffnet sich die Tür. Schwester Stephanie und Schwester Inge halten Kerzen in den Händen. Sie singen: „Alle Jahre wieder, kommt das Christus Kind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“
Schwester Ayshe und Schwester Fatma treten auch ein. Sie tragen Tabletts, auf denen Schalen stehen mit duftendem Gebäck, Tee und Mandarinen. Sie summen die Melodie mit.
Hinter ihnen drängen Patienten/innen mit in das Zimmer.
Da ja nur ein Bett darin steht, ist Platz für alle. Immer mehr singen das Lied mit. Und dann noch „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“
und „Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg“.
Frau Kolbin merkt plötzlich, dass sie mitsingt, sogar am lautesten von allen.
Einfach so. Sie kennt ja alle Lieder auswendig.
Die Pflegerinnen haben Stühle herbeigeholt. Das Zimmer erstrahlt im Kerzenlicht. Der Tee wird herumgereicht und die Leckereien gekostet.
Und mitten drin Frau Kolbin, eifrig erzählt sie von vielen Heiligen Abend Feiern im Gemeindehaus.
Da merkt sie mit einem Mal: ihr Krankenzimmer ist jetzt das Gemeindehaus.
Bei dieser Erkenntnis wird sie still und ruhig, geradezu friedlich.
Alle um sie herum auch. Mitten in diese Stille hinein erzählt Frau Kolbin die Weihnachtsgeschichte, natürlich auswendig.
Da wird das Kommen des Sohnes Gottes lebendig. Und wie seine Geburt im Stall alle Vorstellungen von diesem sehnlichst erwarteten Ereignis zerbrochen hat. Statt im Königspalast wird dieses besondere Kind bei Ochs und Esel geboren. So kommt Gott in diese Welt und bringt dadurch etwas Neues mit. Er zeigt, wie wir unsere Erwartungen und Vorstellungen loslassen können. Um offen zu werden für das, was stattdessen geschieht. Verbunden mit der Hoffnung, dass alles gut werden kann, auf eine andere Weise als gedacht.
Während Frau Kolbin spricht, strahlt sie eine friedliche Zuversicht aus und lässt damit allen an der Hoffnung teilhaben, dass Gott in unsere Dunkelheiten leuchtet, unsere zerbrochene Vorstellungen mit neuen, unerwarteten Erfahrungen heilt und unser Leben hell macht.

Sonntagsruhe – Landesbischof July kritisiert S21-Bauarbeiten

„Der Sonntag ist eines der schönsten Geschenke, die Gott uns gemacht hat. Ich sehe mit Sorge auf die Aushöhlung des Sonntagsschutzes durch wirtschaftliche Interessen. Dazu gehören nicht nur die ausufernden verkaufsoffenen Sonntage, sondern zum Beispiel auch der sonntägliche Betrieb einer Großbaustelle wie Stuttgart 21.“

Mit diesen Worten wendet sich der württembergische Landesbischof in seiner „Neujahrsbotschaft 2017“ an die evangelischen ChristInnen. Angesichts der üblichen Leisetreterei der hiesigen Landeskirche ist das ein starkes Votum, mit dem Frank Otfried July die unhaltbare Situation in der Landeshauptstadt geißelt: Seit Jahren – und in letzter Zeit vermehrt – bohrt und sprengt die Bahn auch sonntags und feiertags auf ihren Tunnel-Baustellen.

Behörden spielen Schwarzer Peter

Zahllose Beschwerden und Anzeigen dagegen sind bislang fruchtlos geblieben, weil – vom Rathaus Stuttgart über Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenministerium bis hin zum Eisenbahnbundesamt – eine Behörde die Verantwortung auf die andere verschiebt. Und auch zahllose Klagen bei der Kirchenleitung und Bitten an sie, diesem rechtsbrecherischen Treiben entgegenzutreten, sind bislang fruchtlos geblieben.

Sonntag ist für alle da

Nun endlich wird die Landeskirche deutlich: Es kann nicht sein, dass ein Betrieb – und schon gar nicht ein staatlicher wie die Bahn – aus wirtschaftlichen Gründen fortgesetzt das Feiertagsgesetz bricht. Dabei geht es nicht nur um das Interesse der Kirchen am geschützten Sonntag, sondern auch um das Recht der Anwohner auf Ruhe und um das Recht der Arbeitskräfte auf gemeinsame freie Tage.

Bahn unter Druck

Für die Bahn ist das besonders unangenehm, hat sie doch angekündigt, in nächster Zeit im 24-Stunden-7-Tage-Betrieb arbeiten zu wollen, um eine absehbare Verlängerung der Bauzeit und entsprechende zusätzliche Kosten zu sparen. Das wird nun schwieriger.

Der Geist ist aus der Flasche

Da wird es jetzt sicherlich ein paar eilige Telefonate geben, und möglicherweise auch ein paar Dementis. Aber der Geist ist aus der Flasche: Landesweit wird von nun an genau beobachtet, wie die Bahn mit dem Feiertagsgesetz umgeht – und ob sie nun endlich das tut, wovor sie offenbar bislang zurückgeschreckt ist: eine offizielle Genehmigung zu beantragen, bei der dann auch die Landeskirche gehört werden muss. Die aber hat sich nun selbst in Zugzwang gesetzt: Sie kann nun nicht mehr ohne weiteres ihr Einverständnis geben. Und das ist gut so.

Wieder ein Mosaikstein fürs Ziel

Denn alles, was der Bahn bei S21 Schwierigkeiten bereitet, ist hilfreich für unser großes Ziel: Baustopp und Umsteuern auf Modernisierung des Kopfbahnhofs (www.umstieg-21.de).

Danke, Frank Otfried July! Oben bleiben!

http://www.elk-wue.de/news/28122016-zur-sprache-bringen-was-dem-leben-dient/

http://www.focus.de/regional/stuttgart/kirche-bischof-july-sonntag-muss-besonders-geschuetzt-bleiben_id_6415935.htm

Der Weihnachts-Gottesdienst im Schlossgarten am 26.12.2016 in Ton und Bild

Alle Videos des Weihnachtsgottesdienstes im Schlossgarten 2016:

Alle Videos in der Playlist: https://www.youtube.com/playlist?list=PLq3Z8p9t1o14TmShmOkgXGpWMULy3IJrg

Einstimmung mit Parkblech
https://youtu.be/IoqgO8eiajY

Begrüßung (Jutta Radicke)
Lied „Es ist ein Ros entsprungen (Begleitung: Parkblech)
„Lobgesang der Maria“
https://youtu.be/TP4wsPpip0Y

Eingangsgebet (Friedhelm Vöhringer)
https://youtu.be/sTx8iI8XDmo

Lesung: Lk 2, 1-20 „Weihnachtsgeschichte“ (Martin Poguntke)
https://youtu.be/szGKlRHrZLM

Lied „Freu dich, Erd und Sternenzelt“ (Begleitung: Parkblech)
https://youtu.be/nm5PT-wy7HE

Predigt (Friedrich Gehring)
https://youtu.be/RorSq6yGYuY
Text: https://s21-christen-sagen-nein.org/2016/12/26/predigt-zu-lk-2-1-14-26-12-2016-im-stuttgarter-schlosspark-von-pfr-i-r-friedrich-gehring/
pdf: Predigt als pdf-Datei

Lied „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“ (Begleitung: Parkblech)
https://youtu.be/-den_LTYIKA

Fürbitten (Jutta Radicke, Friedhelm Vöhringer),
Vater Unser
Ankündigung Agape: Mandarinen und Datteln (Jutta Radicke)
https://youtu.be/2IN0_AQC4bQ

Ankündigung Agape: Mandarinen und Datteln (Gunther Leibbrand)
https://youtu.be/gxlDiM6cIhM

Musikstück „Hallelujah“, Leonard Cohen (Parkblech)
https://youtu.be/1yWkdE7nFEs

Lied „Oh du fröhliche“ (Begleitung: Parkblech)
Nachruf auf Bettina Boksch (Jutta Radicke)
Segen (Friedrich Gehring)
Schlußlied „We shall overcome“ (Begleitung: Parkblech)
https://youtu.be/2ZDrwJr_1ZU

Nachspiel (Parkblech)
https://youtu.be/yrzpA_XYJO8

Nachspiel (Parkblech)
https://youtu.be/ge0ZTWeybDs

Predigt zu Lk 2, 1-14, 26.12.2016 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Wie soll das gehen? Die Hoffnung der alttestamentlichen Frommen lag auf dem erhofften Messias, dem von Gott gesalbten König, dessen Regentschaft Frieden bringen sollte. Das konnten die Regierten nur abwarten, selbst dazu beitragen konnten sie nichts. Jesus, das Kind in der Krippe, wird als Erwachsener mit dieser Hoffnung konfrontiert. Aber weder gibt er sich für eine militärische Erhebung gegen die römische Kolonialmacht her noch zaubert er den Frieden für das Volk herbei. Er sammelt Friedensstifter und verspricht ihnen: „Glücklich sein werden die Friedfertigen, denn sie werden Kinder des barmherzigen Gottes genannt werden“ (Mt 5,9). Wie das Reich Gottes nicht von außen in die Welt hereinbrechen wird, sondern aus der Mitte der Jüngerschar heraus wachsen wird (Lk 17,20-21), so kommt auch der Friede nicht wie der winterliche Schnee vom Himmel, sondern aus den Menschen, an denen der barmherzige Gott Wohlgefallen hat. So sagen es die Engel in der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,14).

Die Frage, wie Frieden wird, fällt also auf uns, die Fragenden, zurück: Wie werden wir zu friedfertigen Menschen, die dem barmherzigen Gott wohlgefallen? Der Dreh- und Angelpunkt für die Antwort auf diese Frage liegt für mich in dem drastischen Bildwort Jesu vom Balken im eigenen Auge und dem Splitter im Auge des Bruders: „Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken jedoch in deinem Auge nimmst du nicht wahr? … Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst.“ (Mt 7,1-5). Jesus durchkreuzt damit das allseits beliebte Gesellschaftsspiel, von eigenen Fehlern oder Bösartigkeiten abzulenken, indem auf die der anderen gezeigt wird. Verhängnisvoll ist dabei oft, dass das Böse der anderen die Aggression auf dieses Böse rechtfertigt. Je mehr das eigene Böse auf die anderen projiziert und dann noch gewalttätig abgestraft wird, umso mehr entsteht scheinbar gerechtfertigte Gewalttätigkeit. Diesem Unfrieden stiftenden Verhalten setzt Jesus den Bußruf entgegen, mit dem seine Wirksamkeit beginnt (Mk 1,15). Wenn alle zuerst vor der eigenen Türe kehren und sich dann bemühen, die alten Fehler nicht mehr zu begehen, werden sie auch mit den Fehlern der anderen gnädiger umgehen. Das führt zur Solidarität der Sünder, sie ist die Keimzelle für christliche Vergebung und gemeinsamen Neuanfang zum Besseren. So kann Frieden wachsen.

Nicht nur in unseren Familien, Nachbarschaften und Vereinen führt Selbstkritik zum Frieden untereinander, auch in der großen Weltpolitik. Eines der krassesten Negativbeispiele bot der fromme fundamentalistische Christ G.W. Bush. Als Präsident der USA, die große Mengen von Massenvernichtungswaffen besitzen und damit gelegentlich drohenden Gebrauch machen, ließ er verlogenerweise solche dem Irak andichten und nahm dies als Rechtfertigungsgrund, in den Irak einzumarschieren gemeinsam mit anderen willigen Nationen. Auch Deutschland leistete dabei logistische Unterstützung. Der Krieg forderte schätzungsweise eine Million Tote. Die entmachteten Sunniten wurden vom neuen schiitischen Regime so benachteiligt, dass die brutalen IS-Kämpfer leichtes Spiel hatten, als angebliche Retter der benachteiligten Sunniten große Territorien zu erobern und ihr Terrorregime zu installieren. Nun soll z. B. die Stadt Mossul durch gute Truppen von den bösen IS-Terroristen zurück erobert werden und es ist abzusehen, dass es gehen wird wie in Aleppo. So entsteht immer mehr Unfrieden, den wir oft erst bemerken, wenn immer mehr Flüchtlinge bei uns Asyl beantragen.

Auch in diesen furchtbaren Kriegen gilt der Bußruf Jesu, zuerst den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen und diesen herauszuziehen. Statt über Flüchtlinge und Abschiebungen zu streiten sollten wir in Deutschland die enorme Waffenproduktion in friedliche Produktion umwandeln. Als Exportnation sollten wir uns eingestehen, wie viele Existenzen etwa unsere Geflügelabfälle in Westafrika vernichten oder wie unsere billigen Kleiderimporte Textilarbeiterinnen in Asien und Lateinamerika in Hunger und Elend treiben. Auch unsere Wirtschaftsmacht tötet, um Papst Franziskus zu zitieren. Statt Waffen sollten wir z.B. solar betriebe Anlagen exportieren, die Meerwasser zu Trinkwasser entsalzen, um in Dürregebieten das Überleben der Selbstversorger zu sichern. Dies könnte unser Beitrag zum Frieden auf Erden sein.
Wenn wir uns auf diese Weise in der Welt profiliert haben, dann können wir auch die so oft beschworene Verantwortung in Krisengebieten übernehmen, nicht mit Soldaten, die sowieso immer schwerer zu rekrutieren sind, sondern als nichtmilitärische humanitäre Vermittler. Frieden stiften ist möglich. So haben einige wenige Christen in Mosambik 1992 nach Jahrzehnten eines brutalen Bürgerkriegs mit einer Million Toten Friedensverhandlungen, einen Waffenstillstand und einen Friedensvertrag ermöglicht, weil sie keinerlei militärische oder wirtschaftliche Macht besaßen, aber auf beiden Seiten humanitäre Hilfe geleistet hatten. In ähnlicher Weise ist ein Friedensprozess in Kolumbien im Gang, weil auch dort eingestanden wird, dass nicht nur die Rebellen, sondern auch die Regierungstruppen mit furchtbarer Grausamkeit gewütet haben. Wenn es den Vermittlern gelingt, auf beiden Seiten die Balken in den eigenen Augen bewusst zu machen, kann Frieden werden.

Wie die Friedensstifter in Mosambik stehen auch wir als Gegner des zerstörerischen Projekts Stuttgart 21 ohne äußere Machtmittel da. Das war und ist bisweilen schmerzhaft, ganz besonders z. B. im Blick auf den „Schwarzen Donnerstag“. Nicht nur dort haben wir die Arroganz der Macht erfahren. Aber diese äußere Machtlosigkeit war die große Chance der Friedensstifter in Mosambik und das ist auch unsere große Chance. Wir stehen mit nichts da als der blanken Macht der Argumente und neuerdings auch mit der Überzeugungskraft der besseren Alternative. Wir vermitteln nicht zwischen Kriegsparteien, sondern zwischen Projektpartnern, die gegen einander prozessieren um höheres Schmiergeld zum Schaden der Bevölkerung. Wir bieten den Zerstrittenen wie in Mosambik die bessere Lösung an. Dies ist unser humanitärer Einsatz, weil unsere Alternative den Menschen in unserer Region wirklich dient. Auf diese gewaltlose Kraft können wir vertrauen. Das Kind in der Krippe ist der extreme Ausdruck von äußerer Machtlosigkeit, aber dieses Kind verändert die Welt, wenn immer mehr Menschen sich auf den Weg in seine Nachfolge machen, wenn sie nicht mehr die eigenen Fehler den anderen andichten und sie dann hassen, sondern umkehren und neu anfangen. So wird an einer besseren Welt, dem Reich des barmherzigen Gottes, gearbeitet. Lassen wir uns an diesem Weihnachtsfest neu Mut dazu machen. So wird Frieden. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 24.11.2016 zu Johannes 14,6;16,12 von Pf.i.R. Hans-Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

Joh 14,6: Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Joh 16,12: Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.

  1. Die „gefühlte“ Temperatur

wenn ich mein Smartphone nach der Temperatur von morgen frage, so kommt da z.B. die Angabe 9 Grad Celsius, drunter steht dann: gefühlt wie 6 Grad. Eigentlich wollte ich nicht wissen, wie irgendein Wetterfrosch sich fühlt, sondern wie kalt oder warm es wirklich wird. Das hat sich bei uns irgendwie eingebürgert, von einer gefühlten Wirklichkeit zu sprechen. Eigentlich ist das banal, kaum der Rede wert, Nebensache. Aber könnte es nicht auch Ausdruck einer ganz neuen Denkweise sein? Ein Denken jenseits der Wirklichkeit, jenseits aller Wahrheit? Auf Neudeutsch heißt das dann „postfaktisches Zeitalter“?

  1. Das postfaktische Zeitalter

Liebe Parkgemeinde, ehrlich gesagt, vor ein paar Monaten kannte ich diesen furchtbarbaren Begriff noch nicht: „postfaktisches Zeitalter“. Aber plötzlich las ich ihn immer wieder und stellte fest, er hat es bis in das Feuilleton seriöser Zeitungen geschafft.

Und jetzt las ich in der Zeitung: Es ist das Wort des Jahres. Die Jury begründete es so: „Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde. Angetrieben von dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen.“

Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen: Die Menschen machen sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihnen gefällt, wie sie sich gerade fühlen. Für sie zählt Wahrheit, zählen Fakten nicht, sondern nur eine gefühlte Wirklichkeit. Man muss sie nur häufig genug behaupten und wiederholen, es wird genügend Menschen geben, die sie glauben. Schlimmer noch, es wird immer genügend Menschen geben, die sie glauben wollen, weil diese Art der Wirklichkeit ihren eigenen Illusionen entspricht. Es zählen nicht die besseren Argumente. Es zählt nur der starke Auftritt, die perfekte Inszenierung. Fakten sind weder richtig noch falsch, richtig sind sie nur, wenn sie der eigenen Sache dienlich sind.

Und wer auf Fakten besteht, der wird noch als Verlierer verhöhnt: „Fakten sind die Krücke der Verlierer, mit denen sie durchs Leben humpeln.“ (Zeit, 29.9.2016 S. 48) Sieger brauchen keine objektiven Fakten, sie schaffen sich ihre Welt, wie es ihnen gefällt. Wahr ist allein das Faktum der Macht, die ist echt. Und es gibt viele Menschen, denen das gefällt, die darauf reinfallen. Oder sollen wir lieber sagen; die gerne darauf reinfallen wollen?

  1. Postfaktische Zeitalter, leider auch unsere Wirklichkeit in Stuttgart

Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Wir müssen gar nicht nach Amerika schauen, wo Donald Trump das gerade perfekt und mit viel Beifall praktiziert hat und damit zum Entsetzen der ganzen Welt auch einen Wahlsieg erzielt hat.

Das erleben wir hier in Stuttgart zur Genüge, seit Jahr und Tag. Jüngstes Beispiel: Beharrlich weigerte sich der Oberbürgermeister, gestützt von der Mehrheit des Stadtrates, einen Faktencheck zu S21 zu machen. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 10.11.2016 zu Mk 10, 42-44 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jesus sprach: Ihr wisst, dass diejenigen, die als Beherrscher der Völker gelten, sie gewaltsam unterwerfen und die Mächtigen ihnen gegenüber ihre Macht missbrauchen. Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Knecht aller.

Das griechische Wort für „Macht missbrauchen“ kommt nur im neutestamentlichen Griechisch vor, im übrigen griechischen Sprachraum fehlt das Bewusstsein dafür. Aber Jesus, der in der Tradition der gesellschaftskritischen Propheten Israels zu Hause ist, kann die Dinge beim Namen nennen. Der Kaiser in Rom lässt Widerständler am Kreuz zu Tode foltern wie Erdogan die Oppositionellen, und hätte der Kaiser Nagelbomben oder chemische Waffen gehabt wie Assad, er hätte sie eingesetzt. Die römische Politik lebt vom gewaltsamen Niederhalten, vom Machtmissbrauch. Diesem setzt Jesus den rechten Gebrauch der Macht gegenüber. Sie muss zum Dienst an allen genutzt werden.

Das ist eine klare Vorgabe für die Christenheit. Wie ist diese Vorgabe umgesetzt worden? Bis zur konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion wurde, durften die Christen in dem römischen Unterdrückerstaat nicht als Beamte oder Soldaten dienen. Als aber das Christentum in Rom an die Macht gekommen war, ging diese Vorgabe Jesu unter. Zwar prangerte Luther den Machtmissbrauch des Papstes am Beispiel des Ablasses an, deshalb feiern wir seit 11 Tagen das Reformationsjubiläum. Aber bereits 1520 missbrauchte Luther selbst das vierte Gebot zur Forderung nach Untertänigkeit im Feudalismus seiner Zeit. Das 4. Gebot fordert die Sorge um die alten Eltern, damit die Jungen später auch lange leben dürfen. Luther schreibt dazu 1520 im Kleinen Katechismus lapidar: „ williger Gehorsam, demütickeit, undertenickeit umb gottis wolgefallen willen“. 1524 missbraucht Luther seine Macht, indem er den anders denkenden Kollegen Karlstadt durch den Fürsten des Landes verweisen lässt, obwohl dessen Frau hochschwanger ist. Nach 1525 werden auf lutherisches Betreiben Mennoniten umgebracht, weil sie sich gegen den Kriegsdienst wehren. So wurden die lutherischen Kirchen zu Duckmäuserkirchen, in denen es unmöglich oder gar tödlich war, den Machtmissbrauch anzuprangern, wie Jesus das vorgelebt hat. Besonders verhängnisvoll wurde, dass die lutherische unausweichliche Forderung nach dem Kriegsdienst in den beiden Weltkriegen zur kirchlichen Kriegshetze geführt hat. Selbst die „Bekennende Kirche“ hat beim Erntedankfest 1939 nicht nur für die Ernte, sondern auch für den schnellen Sieg in Polen gedankt und beten lassen: „Und bitten dich droben, du Lenker der Schlachten, mögst stehen uns fernerhin bei“. Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ vom Oktober 1945 sprach von der Schuld des deutschen Volkes, nicht von der der lutherischen Kirchen. Es wird höchste Zeit, am Erntedankfest des Jubiläumsjahrs einen Bußgottesdienst zu feiern, der zur Friedensbotschaft Jesu zurückführt. Das wäre die angemessene Reformation des Reformationsjubiläums.

Christen, die sich gegen Stuttgart 21 engagiert haben, waren von Anfang an schwer enttäuscht über die Haltung der Kirchenleitung der Württembergischen Ev. Landeskirche im Konflikt um dieses Großprojekt. Die Prägung der lutherischen Kirchen als Untertanenkirchen dürfte ein Hauptgrund sein für diese Unfähigkeit, den Machtmissbrauch im Rahmen der Durchsetzung dieses unsinnigen Projekts zu benennen. Nicht einmal der Schwarze Donnerstag hat hieran etwas geändert. Immerhin glichen die Szenen im Stuttgarter Schlosspark sehr stark denen im Gezipark von Istanbul. Dort wird in unserem Land von Presse und Regierung sehr wohl wahrgenommen, wie Erdogan seine Macht missbraucht in einer Weise, die dem Vorgehen Hitlers nach dem so genannten „Röhmputsch“ ähnelt. Immerhin bestellte Außenminister Steinmeier den türkischen Botschafter ein, nachdem Erdogan dieser Tage kritische Journalisten und Oppositionspolitiker verhaften ließ. Aber von Seiten lutherischer Kirchen war zum „Schwarzen Donnerstag“ keine nennenswerte Kritik am Machtmissbrauch hier im Schlossgarten zu hören, auch nicht, nachdem die Unrechtmäßigkeit gerichtlich festgestellt war.

Wir sind hier beim Parkgebet zusammen, weil wir nicht bereit sind, uns damit abzufinden. Wir beharren darauf, den Machtmissbrauch im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 anzuprangern. Dabei geht es nicht nur um den „Schwarzen Donnerstag“. Die gesamte herrschende neoliberale Politik, für die Stuttgart 21 ein Schlüsselprojekt darstellt, missbraucht Macht, weil sie nicht mehr allen, sondern nur ein paar wenigen dient zum Schaden der großen Mehrheit. Wie Rom setzt die neoliberale Elite auf die Strategie „Brot und Spiele“. Das Zauberwort für Brot heißt „Arbeitsplätze“, die blutigen Spiele in den römischen Arenen sind ersetzt durch entsprechende Computerspiele, und eine hoch korrupte FIFA macht auch ihren Teil. Mit dem Versprechen von mehr Brot wird bei CETA und ähnlichen Projekten verschleiert, dass es um ein Ermächtigungsgesetz für Konzerne zu deren endgültiger Machtergreifung geht, um einen Staatsstreich. Der Widerstand gegen diese angeblichen Handelsverträge wird mit aller Macht von den Eliten klein geredet und eine Unterzeichnung inszeniert, als ob CETA nun in Kraft wäre. Das ist noch lange nicht ausgemacht. Der Widerstand gegen diesen Staatsstreich ist strukturell vergleichbar dem Widerstand gegen Stuttgart 21. Deshalb ermutigt es uns, dass nicht nur die Wallonen, sondern z. B. auch die Bundesverfassungsrichter erkannt haben, wie CETA unsere Demokratie gefährdet, und Forderungen aufstellen, die die Akteure im internationalen Handel, speziell die marktbeherrschenden Großkonzerne, demokratisch einhegen.

Wir sind durch Jesus selbst aufgerufen, unbeirrt zu fordern, dass die Mächtigen in Wirtschaft und Politik der Allgemeinheit zu dienen haben und nicht umgekehrt. Wir werden uns nicht ablenken lassen durch angebliches Brot und brutale oder sonstige Spiele. Wir sind nicht allein. Und vor allem, wir engagieren uns auf der richtigen Seite, auf der Seite Jesu und seines barmherzigen Vaters.
Amen.

Parkgebet, 27. Oktober 2016, Pf.i.R. Gunther Leibbrand

(über Losung und Lehrtext zum Tage: Sacharja 7,10 und 1Kor 12,21f)
als pdf-Datei: hier klicken!

Liebe Parkgemeinde,
wir sind hier versammelt, um uns vom Wort Gottes her sagen zu lassen, was Sache ist. Orientierung von dem, der Himmel und Erde gemacht hat. Der auch der Herr der Geschichte ist. Das zeigt Er uns an seinem Verhältnis zu dem Volk, das Er sich auf besondere Weise erwählt hat. Ich sage solche Dinge, weil ich von der Losung für den heutigen Tag her spreche: „Keiner ersinne in seinem Herzen Unheil gegen seinen Bruder“. (Sacharja 7,10)

Diese bis in die persönliche Herzensregung hineinreichende Empfehlung steht direkt nach der Empfehlung, Witwen und Waisen zu schützen, steht im Zusammenhang der Ablehnung jeglichen Gottesdienstes, der auf die rein religiöse Handlung beschränkt bleibt und sich eben nicht auch auf die skrupulöse Beachtung des Rechts ausdehnt. Dieses intime Wort an das Gewissen eines Menschen, seinem Bruder kein Unheil zu wünschen, steht in einem Prophetenbuch, das sozusagen die Lehre aus der totalen äußerlichen wie kulturellen Vernichtung eines Landes zieht: Diese Vernichtung wird hier bedacht und verarbeitet. Ergebnis: Die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels und die fast 50 Jahre dauernde Deportation seiner Intelligenz und Führungsschicht nach Babylon im 6. vorchristlichen Jahrhundert sind eingegangen in die biblische Überlieferung als Strafe Gottes für die andauernde Missachtung Seines Willens. Aus ihr werden nun die Konsequenzen gezogen – bis hinein in die persönlichsten Dinge.

Der Lehrtext, in dem Paulus über die Beziehung aller Glieder und Organe eines Leibes nachdenkt, nimmt den Gedanken der Rücksichtnahme auf die – anscheinend schwächsten Glieder und Organe auf: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen, ich brauche dich nicht, auch nicht der Kopf zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind eben jene Glieder des Leibes, die als besonders schwach gelten, umso wichtiger.“ Im Hintergrund steht der Streit in der Gemeinde in Korinth zwischen reichen und armen Christen in der Gemeinde. diese Geschichte hat ja dazu geführt, dass es traditionell beim Abendmahl im Gottesdienst nur Brot und Wein gibt – wenn überhaupt –, weil damals die Reichen ihr gutes mitgebrachtes Essen nicht teilen wollten. Deshalb sind hier auch Auge und Kopf als wichtige Organe und Hand und Füße als weniger wichtige vorgestellt!

Liebe Freundinnen und Freunde im anhaltenden Protest gegen „Stuttgart 21“:
Es hat mich angerührt, als ich vor einiger Zeit in Esslingen bei einem Vortrag von Klaus Gebhard zu „Umstieg 21“ (siehe: http://www.umstieg-21.de) die Bemühung um das Ganze spürte. Es hat mich die darin deutlich werdende Versöhnung ganz unmittelbar angesprochen. Es war da keine Arroganz über die Fehler unserer politischen Gegner, sondern ich spürte, sah und konnte überzeugt werden von seinem Bemühen, dass aus dem, was da inzwischen gegraben und gebohrt worden ist, dennoch etwas zu machen sei, was für die echten Verkehrsprobleme unserer ganzen Region einen Schritt nach vorne bedeuten könnte.

Heute Morgen schrieb ich diese Andacht, nachdem ich die dreiviertels Seite in der Stuttgarter Zeitung zum Bericht aus dem gestern tagenden Unterausschuss des Gemeinderates gelesen hatte: „OB Kuhn verteidigt S 21: Kein Rückbau“. Natürlich müssen sich diejenigen unter uns besonders ärgern, ihm damals ihre Stimme gegeben zu haben, als vor seiner Wahl er gelobte, S 21 kritisch begleiten zu wollen. Aber, meine Lieben, da ist mehr als diejenigen, die uns enttäuschen. Wir befinden uns unter den Augen Gottes, der uns danach beurteilt, wie inbrünstig wir unsere Feinde lieben, d.h., uns um sie bemühen, sie nicht aufgeben. Nicht unsere Freunde. Diese zu lieben, ist eigentlich keine Kunst.

Was ich sagen will: Was „Umstieg 21“ vorgelegt hat, ist ein ungemein sachlicher Beitrag zum Gemeinwohl. Für Leute, die ihrer Zeit voraus waren, war das Leben nie einfach, es war vielleicht sogar schwer bis gelegentlich unerträglich, zum Hinschmeißen schwer. In den allermeisten Zeiten hätte es für Leute wir uns keinen Platz gegeben. Wenn ich mir überlege, wie lange ein Mann wie Werner Wölfle gebraucht hat, bis er endlich bereit war, als Krankenhausbürgermeister an der ehemaligen Kinderklinik in der Türlenstraße ein Schild zu erlauben, dass hier in der Nazizeit Kinder ermordet worden sind vom Klinikpersonal, nach über 71 Jahren nach der Befreiung von der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft, wie es auch ganz staatstragend seit dem 8. Mail 1985 heißen darf. Erst 71 Jahre nach 1945 fängt es recht mühsam an zu dämmern – in Sachen des Hitlerreiches.

Wenn ich mir solche Sachen klarmache, dann grenzte es ja an ein Wunder, wenn der Herr Oberbürgermeister sich bei Stuttgart 21 in weniger Opportunismus ergehen würde. Eigentlich schlechterdings nicht zu erwarten!?

Aber wir hier sind nicht der Herr Oberbürgermeister.
Unser Geschäft ist es, aus unserem Glauben und Wissen heraus, es mit dem Herrn aller Herren zuerst zu tun zu haben, auf sachdienliche Weise Wege in die Zukunft zu suchen und zu finden. Dass „Umbau 21“ hier ganz Außerordentliches vorgelegt hat, wird die Zukunft erweisen – so oder so.

Im Übrigen: Es waren nur manchmal die gut bestallten und dafür bezahlte Menschen, die die Welt vorangebracht haben. Im Normalfall musste der Fortschritt hart erkämpft werden.

Also: Was da alles noch kommen mag: Wir bleiben weiterhin friedlich, bringen unsere exzellenten Umstiegsüberlegungen in Gesprächen und Versammlungen unter die Leute und warten ab, bis man uns ruft. Was nicht geschehen wird! Oder irgendwann doch? Eher wird geschehen, dass die entsprechenden Damen und Herren klammheimlich abschreiben und abkupfern werden. Gewusst haben sie ja noch nie etwas. Ich wünsche uns das Bewusstsein, ein Zentimeter im Roten Faden zu sein, der nach Ernst Bloch (Atheismus im Christentum) die Geschichte durchzieht. Dazu gehört zu wissen, dass der Hass auf die Juden vor allem daher kommt, weil aus ihrer Tradition das herkommt, was man „Selbstkritik“ nennt. Die Einsicht, dass es Gründe dafür gab, warum die Dinge schiefgegangen sind. Und die jüdische Überlieferung selbst davon berichtet, dass kaum jemand im Volk das hören wollte. Nur einige wenige sogenannte Propheten des einzig Lebendigen und Ewigen haben es, obwohl es auch ihnen schwerfiel, gesagt und immer wieder gesagt.

Was macht man denn mit Leuten, die den Finger in die Wunde legen und sie als eine Strafe Gottes erklären? Wer will hören, dass er etwas falsch macht, dass er umkehren muss, damit es nicht noch schlimmer wird?
Wenige! Aber, wem sage ich das!?

Wenn etwas in diese Welt Licht bringt, dann sind es Worte dieses Einzig Lebendigen und Ewigen – und diejenigen, die diese Worte für das Allerwichtigste halten – und sich entsprechend verhalten. Und es gibt auch kein Recht, das diesen Namen auch nur annähernd verdiente, das nicht den Kriterien für Recht dieses Einen entspräche.

Wir haben also die wichtigste Aufgabe, die es überhaupt auf der Welt gibt: Die anderen Menschen, die Tiere und auch die Pflanzen an unseren Worten und an unserem Verhalten abspüren zu lassen, dass wir uns stets vor diesem Ewigen wissen.

„Umstieg 21“ weist Wege aus den Sackgassen. Wir sollten sie kennen und jederzeit in‘s Gespräch bringen können. Auch dann haben die Leute, die ein Jahr lang dafür sich den Kopf zerbrochen haben, nicht umsonst gearbeitet. Aber nicht nur dann: Allein schon, dass sie sich Gedanken über Wege aus der Gefahr gemacht haben, wäre es wert gewesen. Sie haben etwas Gute versucht und geschafft – erst auf dem Papier, aber das ist nicht wenig, sondern zunächst das Entscheidende.
Das bleibt, auch wenn die direkten Adressaten davon noch lange nichts werden wissen wollen.

Aber der Ewige ist auch Herr der Zeit dieser Leute, vergessen wir das nicht. Dann verzweifeln wir auch nicht. Sondern sind dankbar darüber, dass wir nicht so versucht werden wie diese, die meinen, nur sich selber bzw. ihren kurzfristigen Profitinteressen verpflichtet sein zu können.

Amen und oben bleiben!

Liste der umnutzbaren Stuttgart 21-Baulose: hier klicken!