Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten? Ich denke, wir begreifen, worum es da geht, am ehesten, wenn wir für das Wort „Teufel“ das Geld, das Kapital, kurz: den Mammon einsetzen. Wer den anbetet, der kann es in der Welt zu Macht und Einfluss bringen. Allerdings: Der Mammon braucht die Anbetung, um Macht zu entfalten und Macht zu vermitteln. An das Geld muss geglaubt werden, wenn das Vertrauen auf das Geld schwindet, verliert es seine Macht. Deshalb wird unterschieden zwischen harten und weichen Währungen, denn auf die weichen wird weniger, auf die harten mehr vertraut. Entsprechendes gilt für das Wirtschaftswachstum. Auch daran muss geglaubt werden. Ich denke da an den Bettler, der mir am Weihnachtsfest 2011 am Backnanger Bahnhof sagte, Stuttgart 21 bringe doch Kaufkraft in die Region. Auf meine Frage, wer denn dort arbeiten werde, merkte er, dass da vermutlich ausländische Billiglöhner beschäftigt werden, und plötzlich war sein Wachstumsglaube erschüttert. Wir geben also den Währungen und den Wachstumspredigern die Macht durch unseren Glauben und entmachten sie, wenn wir unser Vertrauen verweigern.

Seit wir das Projekt Stuttgart 21 mit theologischen Argumenten angreifen wird uns vorgehalten, das sei doch nur ein Bahnhof und keine Glaubenssache. Aber wir müssen umgekehrt darauf verweisen, dass wer hier von einem Bahnhof spricht, den kühnen Glauben ausdrückt, diese Haltestelle sei ein Bahnhof, was aufgrund des Gleisneigung von über 15 Promille tatsächlich nicht stimmt. Die      S 21-Gläubigen glauben also gegen die Realität. Wenn wir konsequent von der Haltestelle Stuttgart 21 sprechen, durchkreuzen wir die Sprachregelung der Befürworter und zeigen, dass wir ihren Glauben nicht teilen und nicht vor dem scheinbaren Wachstumsprojekt niederfallen.

Noch schlimmer als dieser Bahnhofsglaube wirkt sich derzeit der Glaube an den Wachstum bescherenden Euro aus. Mit einer noch kaum dagewesenen Einigkeit hat Ende letzter Woche der deutsche Bundestag an den Euro geglaubt und behauptet, damit Griechenland zu helfen. Aber es sind nicht, wie immer behauptet, die Griechen, die hier gerettet werden, sondern der Glaube an den Heil bringenden Euro. Die Griechen sind vielmehr die Leid tragenden, denn sie bekommen nichts geschenkt, sie erhalten nur weiter Kredite, für die sie Zinsen zahlen sollen, ihre Verschuldung steigt dadurch, das geliehene Geld geht nicht an sie, sondern an die Kreditgeber und Zinsnehmer. Drei Millionen Griechen sollen weiterhin auf Gesundheitsfürsorge verzichten. Ein Drittel der Bevölkerung ist ohne Sozialhilfe. Über die Hälfte der jungen Leute sollen arbeitslos bleiben.
Dieser Tage wurde durch journalistische Recherchen belegt, dass Griechenland bereits 2010 bankrott war. Die Fachleute des Internationalen Währungsfonds erkannten dies klar und befürworteten ein Insolvenzverfahren mit Schuldenerlass. Aber der Direktor des IWF, Strauss-Kahn, wollte in Frankreich Präsident werden und stimmte dem Verfahren nicht zu, weil französische Banken dabei 20 Mrd. € verloren hätten, was seine Wahlchancen verschlechtert hätte. Es nützte nichts, Strauss-Kahn stolperte über seine Sexaffären, aber die griechischen Schulden stiegen weiter, die Troika schrieb diktatorisch die Verarmungsgesetze in Griechenland. Sie zwang die griechische Regierung, die bankrotten griechischen Banken zu verstaatlichen, d.h. Deren Schulden zu übernehmen. Danach mussten sie die Banken wieder billig verkaufen, wodurch die griechischen Staatsschulden um 30 Mrd € stiegen. Die faulen Staatsanleihen der französischen und deutschen Banken sind inzwischen in staatlichen Händen, sodass wir Steuerzahler zur Bad Bank wurden. Wir werden bei der Insolvenz bezahlen. Das ganze wurde gestützt auf den Glauben, Griechenland werde durch die Spardiktate ein jährliches Wachstum von vier Prozent erreichen, ein Glaube gegen jede Realität, der die Illusion nährt, Griechenland bleibe weiterhin ausbeutbar.
Wenn die Griechen aufhören, vor dem Euro niederzufallen und ihn anzubeten, und ihr Vertrauen auf die Drachme setzen, wird das zwar gewiss kein leichter Weg, aber sie können auf einen Schlag die Schulden von über 170 Mrd. € abwerfen, an denen sie noch 100 Jahre abzahlen würden. Wenn sie auf die selbst gedruckte Drachme vertrauen und sie als Zahlungsmittel allgemein akzeptieren, können alle wieder Krankenversorgung und Sozialhilfe bekommen, durch die Inlandsnachfrage kommt der Handel wieder in Schwung, durch eine Abwertung der Drachme gegenüber dem Euro wird der Urlaub bei Griechen für Nordeuropäer billiger, wird boomen und viele Euro für Importgüter erwirtschaften. Das Beispiel kann die Spanier, die auch noch in diesem Jahr wählen, ermutigen, um sich von der Diktatur der Troika zu befreien, die demokratisch völlig unkontrolliert aus dem Glauben an das neoliberale Dogma handelt, Kaputtsparen bewahre vor dem Staatsbankrott. Es kommt also darauf an, wie viele Länder nicht mehr vor dem Euro niederfallen und ihn anbeten. Ebenso wird es darauf ankommen, dass immer weniger Politiker durch Investitionsabkommen wie CETA, TTIP oder TISA vor den transnationalen Anlegern niederfallen und das Wachstum anbeten, das sie uns angeblich bringen sollen, während sie nichts anderes tun als uns auszubeuten. Jesus hat sich geweigert, vor dem Teufel niederzufallen, und warnt uns alle: Wir können nicht dem Mammon und zugleich dem barmherzigen Gott dienen (Mt 6,24). Wir können uns entweder vor den Ausbeutern niederwerfen oder für die Barmherzigkeit gegenüber den Verarmten eintreten. Unser Herr Jesus Christus schenke uns den Mut, seinem Vorbild nachzufolgen. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 19.2.2015 von Eberhard Dietrich

1. Einleitung
Liebe Parkgemeinde wir hatten vorhin schon das Thema unseres heutigen Parkgebetes genannt: Die Tiere. Was aber haben die Tiere in unserem Parkgebet verloren? Viele Christen tun sich ja schwer, zum einen überhaupt mit ihrem Verhältnis zu den Tieren und doppelt schwer, den Gedanken zu denken, dass sie mit unserem Glauben etwas zu tun haben sollen.
In unserer christlichen Tradition herrschte eher Tiervergessenheit als die Liebe und Zuwendung zu unseren Mitgeschöpfen, den Tieren. Aber, es hat sich am Ende des letzten Jahrhunderts die theologische Erkenntnis durchgesetzt, dass christliche Ethik, ja der ganze Glaube sich nicht nur auf das eigene Heil oder auf die Mitmenschen beschränken darf. Und das ist gut so. Auch im Glauben gibt es Fortschritte, Gott sei Dank. Das neue Verhältnis zur Natur gehört dazu.

Von einem solchen legitimen Platz im Glauben spricht auch unser Psalm 36:

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. (V. 6)
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. Herr, du hilfst Menschen und Tieren. (V. 7)
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Licht sehen wir das Licht.
(V. 10)

Der Beter(die Beterin) rühmt die Güte Gottes, bei dem er (sie) sich geborgen fühlt und mit den Gütern des Lebens reich beschenkt weiß. Was mir bei diesem Psalm so gefällt, ist die Tatsache wie genial hier Gott, Mensch und Tiere in ganz wenigen Versen zusammengefügt und zusammengesehen werden, insbesondere Mensch und Tier auf einer Ebene. Und das kann so sein, weil es die Güte Gottes ist, die über die ganze Welt sich ausbreitet und alle erreicht. Die Güte Gottes, die Leben schafft, ja geradezu die Quelle des Lebens ist. Und es kann so sein, wenn auf dieser von Gottes Güte erfüllten Erde Recht und Gerechtigkeit die Verhältnisse ordnet und qualifiziert.

2. Welche Schritte zu dieser Erkenntnis führten
Ich sprach davon, dass es früher kaum und auch heute noch nicht für alle diese Selbstverständlichkeit gilt, dass Tiere im Glauben ihren legitimen Platz haben. Und wie gesagt, da haben die Christen, zumindest sehr viele, etwas dazu gelernt.

Wie es dazu kam? Da war zum einen die Umweltproblematik. Sie ließ die Einsicht reifen: Ethik kann sich nicht länger nur auf zwischenmenschliche Bereiche beschränken. Sie muss auch die belebte und unbelebte Natur einbeziehen, die bisher ethisch als unerheblich, indifferent angesehen wurde. Die rasante technische Entwicklung, die ungeheuren technischen Möglichkeiten, die Reichweite menschlichen Handelns, legen dem Menschen neue Pflichten und eine ganz neue Verantwortung auf, eine Verantwortung, die die Natur und die Tiere mit einschließt. So konnte ein zweiter Schritt gemacht werden, die leidende Kreatur wahrzunehmen und Empathie ihr gegenüber zuzulassen und zu entwickeln.

Noch etwas kam hinzu: Viele lasen die Bibel intensiver und stellten fest:
Das ganze biblische Zeugnis von der ersten bis zur letzten Seite der Bibel spricht von den Tieren, spricht davon, dass wir Menschen mit ihnen barmherzig, gerecht, verantwortlich umgehen müssen. Die Verse des Psalmes 36 sind nur einer von unendlich vielen Bibelstellen, die davon sprechen, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass das Verhalten zu den Tieren, vom Glauben her unverstellt betrachtet, vorkommen muss.

Und das ist völlig unabhängig davon, ob wir persönlich Tiere mögen oder nicht, ob wir ein Haustier halten oder nicht. Tiere begegnen uns im Alltag auf Schritt und Tritt, z.B. in unseren Nahrungsgewohnheiten, Stichwort: Massentierhaltung oder in der Medizin, Stichwort: Tierversuche. Unwillkürlich werden wird ständig herausgefordert Stellung zu beziehen, uns eine Meinung zu bilden zu der Frage: Wollen wir tatenlos und ohne Empathie zusehen wie Tiere unendlich leiden? Das alles hat doch mit unserem Glauben zu tun. Es fokussiert sich in unserem Verhalten zu den Tieren wie in einem Brennspiegel zugleich unsere Haltung gegenüber dem Schöpfer dieser Kreaturen.

Liebe Parkgemeinde: Diese Predigt bis hierher könnte eigentlich in jedem Gottesdienst in jeder Kirchengemeinde gehalten werden. Deshalb noch einmal die Fragen:

3. Was aber haben die Tiere im Parkgebet zu suchen? Geht es hier nicht um etwas ganz anderes?
Was aber haben die Tiere im Parkgebet zu suchen? Geht es hier nicht im Wesentlichen um ein Gebet für die Stadt und ihre Bewohner, für den Frieden untereinander?
Und geht es denn nicht um unsere Kritik an dem Kellerbahnhof mit allen seinen schlimmen Auswirkungen, und letztlich um einen Protest gegen das Prinzip Stuttgart 21, ein Begriff, der sich innerhalb unserer Bewegung durchgesetzt hat und der die immense politische Bedeutung unseres Protestes umschreibt,

Um nur ein paar Stichworte zu nennen: Das Prinzip S21 steht für Machtmissbrauch und Menschenverachtung, es steht für Größenwahn und Verlogenheit, für Intransparenz und Skrupellosigkeit, für Ignoranz und Korruption.

Sind denn angesichts dieser Ungeheuerlichkeiten die Tiere und wie man mit ihnen umgeht, hier im Schlossgarten und an den vielen anderen Baustellen der Stadt, überhaupt noch wichtig?

4. Die Antwort: Gerechtigkeit und Recht
Der Psalm 36 führte uns hier auf die rechte Spur, wenn er Gott, Mensch und Tier in einem Atemzug nennt, Mensch und Tier sind auf der gleichen Ebene von Gottes Güte und seinem Leben erfüllt. Aber diese Fülle des Lebens kann sich nur entfalten, wenn Recht und Gerechtigkeit herrschen.
„Herr, deine Gerechtigkeit steht fest wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe”, gemeint ist hier nach den kosmologischen Vorstellungen der Alten Welt, dass die Welt als Scheibe auf großen Säulen ruht, die fest gegründet in einem Urmeer, die große Tiefe, ruhen.

Recht und Gerechtigkeit sind also ein fester Bestandteil des göttlichen Wirkens. Aber sie wollen hineinwirken in unsere Welt, in unsere menschlichen Verhältnisse und in unser kleines Leben.
Das Wort Gerechtigkeit ist geradezu ein Schlüsselwort der Bibel und unseres Glaubens.
Sie ist nicht teilbar und gilt auf vielen Ebenen.
+ Sie gilt auf der Ebene von Mensch zu Mensch. Ob hier Recht und Gerechtigkeit auch in der Justiz geübt werden. Oder wir sprechen auch von sozialer Gerechtigkeit, dass jeder genug zum Leben hat.
+ Als protestantische Christen ist uns sehr geläufig die reformatorische Entdeckung Luthers die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, d.h. so viel wie: Wir bekommen unser Heil, das ewige Leben geschenkt, ohne eigene Verdienste.
+ Oder das Trachten nach dem Gottesreich und seiner Gerechtigkeit als vornehmste Sorge der Christen.(Matth. 6,33)
+ Und es gibt noch eine weitere Ebene: Gerechtigkeit gilt auch gegenüber allen Kreaturen. Das ist eigentlich selbstverständlich, weil sich aus der Nächstenliebe ableitet die Pflicht gegenüber Hilflosen, Unterdrückten und allen, die selber ihr Recht auf Leben und Unversehrtheit wegen ihrer Unterlegenheit nicht wahrnehmen können. Und dazu gehören heute auch die Tiere.

5. Die Verbindung zu S21
Wir sprachen vorhin vom Prinzip S21, gegen das sich unser Protest und unser Widerstand richtet. Und diesem Prinzip S21 liegt zugrunde eine Ideologie, die nur die Vermehrung des Kapitals kennt und Mensch und Natur diesem Ziel rücksichtslos opfert.
Genau an dieser Schnittstelle liegt die Antwort auf die Frage: Was haben denn die Tiere im Parkgebet verloren.
Ihnen geht es wie den Bäumen an den Kragen.
Viele, vielleicht die meisten in unserer Bewegung sind ja wach geworden und angetreten mit dem Ziel, sich der Zerstörung des Schlossgartens, des Rosensteinpark und vielen anderen mehr in den Weg zu stellen. Und viele haben ihn ja Tag und Nacht bewacht. Aber wir konnten die Zerstörung vor 3 Jahren, und auch die immer weiter fortschreitende Zerstörung in der Stadt heute nicht verhindern.

Das aber heißt ja nicht, dass unsere Einstellung sich ändern müsste. Dieser Einsatz für das Leben muss weiterhin ein starkes Motiv unseres Engagements gegen S21 bleiben.

Und dieser Einsatz für die Natur, für Bäume und Tiere hat seinen Grund darin, dass wir Menschen die wunderbare menschliche Möglichkeit und Gabe der Empathie haben, also des Mitfühlen mit Freud und Leid anderer Lebewesen Der Einsatz für alles Leben um uns herum ganz im Sinne von Albert Schweitzer: „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.“

Alles was lebt, ist gleichermaßen wertvoll, Da muss es uns geradezu widerstreben z.B. zu sagen: Ach, es sind ja nur Juchtenkäfer in den Bäumen, die man meist gar nicht zu Gesicht bekommt. Ich glaube, das sollten wir in unserem Denken schon weiter sein. Da dürfen wir die Natur, die Pflanzen und Tiere nicht allein unter dem Gesichtspunkt betrachten, was nutzen sie uns Menschen. Alles, was lebt hat ein Recht auf Leben und muss sich nicht erst seine Lebensberechtigung durch Nützlichkeit unter Beweis stellen.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Mensch, Natur und Kreatur ist tief in unserem Glauben eingepflanzt, und es bleibt, so hoffe ich für uns alle, auch weiterhin ein wichtiger Beweggrund gegen S21.

Amen.

Montagsdemo 16.2.2015: Ethikstunde bei Lehrer Kretschmann von Friedrich Gehring

Grüß Gott, liebe Kinder, ihr wundert euch vielleicht, dass der Ministerpräsident am Rosenmontag mit dieser Mütze verkleidet zu euch in den Ethikunterricht kommt, aber wenn ich 2016 nicht wiedergewählt werde, dann muss ich wieder in die Schule, Lehrer sollen ja künftig länger arbeiten. Deshalb wollte ich heute mal probieren, ob ich immer noch spannend unterrichten kann. Das Thema dürft ihr selbst bestimmen. Ja bitte! Lüge und Wahrheit. Das ist ja ein tolles Ethikthema. Wie kommt ihr denn da drauf? Ach, ihr wollt wissen, warum die Leute bei den Montagsdemonstrationen immer „Lügenpack“ schreien? Ja da müsste man die Leute am besten selbst fragen. Soso, deine Oma sagt, wegen den verlogenen Kosten bei der Volksabstimmung. Ja hinterher ist man halt oft schlauer. Ach, deine Oma meint, man hätte schon vorher genau gewusst, dass die 4,5 Mrd. € gelogen waren. Also ich sage immer: Kosten sind Glaubenssache. Die einen glauben an die Berechnungen, die andern nicht, das kommt ganz auf den Einzelnen an.
Ja wenn Deine Oma sagt, jetzt sei es keine Glaubenssache mehr, da hat sie schon recht, die Bahn glaubt ja jetzt selbst nicht mehr an die 4,5 Mrd., sondern an 6,8 Mrd.. Aber bei der Volksabstimmung hat eben die Mehrheit noch anders geglaubt und in der Demokratie entscheidet eben nicht die Wahrheit, sondern die Mehrheit. Und im übrigen sagt schon Thaddäus Troll, dass der Schwabe, vor allem der katholische Schwabe, wenn er lügt, dass er dann das glaubt, was er lügt. Und ihr wisst ja, ich bin katholischer Schwabe.
Ja bitte! Du meinst, heute müsste man nicht mehr über die Lüge abstimmen, sondern über die Wahrheit. Das ist schwierig. Da wäre z. B. die Firma Herrenknecht furchtbar enttäuscht, die ginge dann vielleicht in ein anderes Land mit noch mehr Lügen und noch weniger Löhnen, dann fallen bei uns die Arbeitsplätze weg. Das versteht ihr doch. Ach, das versteht ihr nicht, ihr meint also, der Herr Herrenknecht soll Tunnel bohren, die wir in Wahrheit brauchen? Ja da müsst ihr wissen, für solche vernünftigen Tunnel ist eben kein Geld da, Geld gibt es nur für Stuttgart 21, weil Stuttgart 21 das Lieblingsprojekt der Kanzlerin ist. Wie bitte? Du meinst, das Projekt ist unwirtschaftlich? Ja darauf kommt es der Kanzlerin nicht an. Sie ist ja nicht gewählt worden, weil sie vernünftig wirtschaften könnte, das hat sie ja in der DDR nie lernen können. Sie schwärmt ja gerade deshalb immer so von der schwäbischen Hausfrau, weil sie selbst keine ist. Sie wird gewählt, weil es uns allen gut geht.
Ach, du meinst, das ist eine Lüge, weil deine Oma aus ihrer Wohnung fliegt wegen Hartz IV. Ja wisst ihr, wenn die Kanzlerin sagt „uns allen“, dann meint sie einen kleinen Kreis von Politikern und Steinreichen, von denen die Politiker später Pöstchen bekommen. Wie bitte? Ja natürlich ist das schon ein bisschen verlogen. Aber ohne Lügen kommt man eben im Leben nur schwer voran. Ihr wisst ja alle, was eine Notlüge ist. Und wir Regierungspolitiker sind ja praktisch immer in Not. Ach du meinst, auch Notlügen haben kurze Beine? Ja, aber wir Politiker hoffen halt, dass die Lügen nicht so schnell rauskommen, also erst nach den Wahlen. Wie bitte? Die Leistungslüge sei schon vor der Volksabstimmung rausgekommen durch das Gutachten von Vieregg und Rössler? Sapperlott, ihr wisst von euren Großeltern ja unheimlich viel. Ja, das Gutachten war gefährlich. Aber da hat das Redaktionsteam für die Informationsbroschüre der Landesregierung ganze Arbeit geleistet. Die haben einfach behauptet, es wäre schon Redaktionsschluss. So haben sie die Wahrheit erfolgreich unter der Decke gehalten.
Da ist noch eine Frage: Ob ich Herrn Gastel kenne? Ja natürlich. Der verhindert nämlich als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag einen Untersuchungsausschuss zu Stuttgart 21. In so einem Ausschuss wird das Lügen sehr teuer und da entscheidet nicht mehr die Mehrheit, sondern die Wahrheit. Das wäre eine Katastrophe. Wie ich das als Christ sehe? Ja das wäre dann schon eher eine Frage für den Religionsunterricht und außerdem ist jetzt dann gleich Pause, ich danke euch jedenfalls für diese ganz tolle Ethikstunde.

Zwei Pfarrer und ein Bahnhof

Martin Poguntke und Johannes Bräuchle im Interview:

Zum 5-jährigen Jubiläum der feierlichen Prellbock-Anhebung als versuchtem Projektstart von Stuttgart 21 am 2. Februar 2010 führte die schweizerische evangelisch-reformierte Wochenzeitschrift „doppelpunkt“ ein Interview mit den beiden Theologen.
Hier der Artikel, der daraus entstanden ist – ergänzt durch einen Artikel über den ehemaligen Bahnhofsvorsteher des Stuttgarter Hauptbahnhofs Egon Hopfenzitz.

Zum Ausdrucken und Lesen als pdf-Versionen:
– Original-Artikel komplett: doppelpunkt, Hopfenzitz, Poguntke, Bräuchle
– „Zwei Pfarrer und ein Bahnhof“ (nur Text): doppelpunkt, Zwei Pfarrer und ein Bahnhof, Text
– Egon Hopfenzitz (nur Text): doppelpunkt, Hopfenzitz, Text

Zwei Pfarrer und ein Bahnhof
Vor fünf Jahren – am 2. Februar 2010 – begannen die offiziellen Bauarbeiten des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21. Die Gegner beweisen einen langen Atem und protestieren immer noch gegen den geplanten Tiefbahnhof Zu ihnen gehört Pfarrer Martin Poguntke, der sich in der Gruppe «Theologinnen und Theologen gegen Stuttgart 21» gegen das Milliardenprojekt engagiert. Das gefällt Johannes Bräuchle, ebenfalls evangelischer Pfarrer, gar nicht. Denn er ist für Stuttgart 21.
von Eva Mell
«Meinungsfreiheit war schon immer anstrengend – für beide Seiten!» Pfarrer Johannes Bräuchle spricht diesen Satz als Kämpfer. Er will es seinen Gegnern so schwer wie möglich machen. Aber in seinen Worten schwingt mit, dass die vergangenen fünf Jahre auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen sind. Der Theologe ist für Stuttgart 21. Und sein Satz zeigt, dass es bei dem Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des geplanten Stuttgarter Tiefbahnhofs um viel mehr geht als um einen Bahnhof. Es stehen sich zwei Lager gegenüber, die auch um demokratische Grundwerte wie die Meinungsfreiheit streiten. Zwei Lager, die für ihre Überzeugungen kämpfen, die dabei nicht weiter weg voneinander stehen könnten – und einander aufgrund ihrer grossen Entfernung auch mal anschreien müssen. Das ist auf die Dauer anstrengend.
Die 257. Montagsdemo
Vor fünf Jahren war der Baubeginn des umstrittenen, milliardenschweren Bahnhofsprojekts. Ein Jahr zuvor haben die Gegner mit ihren wöchentlichen Montagsdemonstrationen gegen Stuttgart 21 begonnen. Ein Jahr später votierte das baden-württembergische Stimmvolk mehrheitlich dafür, dass sich die Landesregierung weiterhin an den Kosten beteiligen soll (eine umfassende Chronologie der Ereignisse um Stuttgart 21 und die Kostenentwicklung finden Sie auf den folgenden Seiten). Wer aber glaubt, nach dem Volksentscheid wäre Ruhe in Stuttgart eingekehrt, irrt sich. An diesem Montag fand die 257. Montagsdemo gegen den Tiefbahnhof statt, im Dezember haben die Gegner dem Stuttgarter Oberbürgermeister 20 000 Unterschriften für ihr Bürgerbegehren «Storno 21» übergeben. Die Wutbürger sind immer noch wütend, und ihnen scheint keine Anstrengung zu gross zu sein, ihre Meinungen und Argumente zu verkünden. Einer von ihnen ist Martin Poguntke. Auch er ist Pfarrer – und gehört zur Gruppe «Theologinnen und Theologen gegen Stuttgart 21», die seit Ende 2010 theologisch gegen die Bahnhofspläne argumentiert. Pfarrer Bräuchle sagt, er werde von dieser Gruppe als Verräter betrachtet. Stuttgart 21, so scheint es, hat tatsächlich die ganze Stadt gespalten und damit auch die Stuttgarter Pfarrschaft. Und jede Seite tritt mit voller Überzeugung auf. Pfarrer Bräuchle: «Stuttgart 21 wird definitiv gebaut!» Pfarrer Poguntke: «Stuttgart 21 kann ganz sicher noch scheitern!»
Stuttgart 21– ein Glaubenskrieg?
Wenn solche Überzeugungen aufeinanderprallen – besonders wenn zwei Theologen sprechen – liegt die Frage nahe, ob es sich bei Stuttgart 21 um einen Glaubenskrieg handelt. Immer wieder haben deutsche Medien in den vergangenen Jahren mit diesem Begriff gespielt und damit den emotionalen Charakter des Streits unterstrichen. Martin Poguntke schüttelt den Kopf. «Es ist kein Glaubenskrieg. Aber ich beobachte, dass die Befürworter versuchen, die Diskussion von den Fakten fernzuhalten.» Denn die Fakten, betont er, sprechen gegen Stuttgart 21 – und das wüssten die Befürworter. «Weil sie aber die Fakten heraushalten, wird die Diskussion mit ihnen tendenziell zu einer Meinungsauseinandersetzung. Und das hat etwas von einem Glaubenskrieg.» Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 22.1.2015 zu Mt 5,43 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Liebe Parkgebetsgemeinde,
kurz vor dem Weihnachtsfest überfielen Taliban eine pakistanische Schule und ermordeten etwa 150 Menschen, vorwiegend Kinder und Jugendliche. In Nordnigeria löschten dieser Tage die Mörder von Boko Haram eine ganze Ortschaft mit 2000 Menschen aus. Die westliche Welt ist entsetzt seit den Mordtaten an 17 Menschen in Paris. Es werden Vorschläge zur Terrorabwehr gemacht. Marine Le Pen von den französischen Nationalisten fordert die Todesstrafe. Sie scheint nicht zu wissen, dass Selbstmordattentäter bei ihren Anschlägen den eigenen Tod in Kauf nehmen. Die deutschen Konservativen rufen erneut nach der Vorratsdatenspeicherung. Sie haben nicht mitbekommen, dass diese in Frankreich praktiziert wird, aber die Morde in Paris nicht verhindert hat. Die EU- Außenminister beraten über eine bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste, als wüssten wir nichts über den Verfassungsschutz und den Nationalsozialistischen Untergrund. Ministerpräsident Kretschmann fordert mehr muslimischen Religionsunterricht. Er hat vermutlich nie Ethik bei gewaltbereiten Rechtsradikalen unterrichtet. Als ich vor Jahren in einer solchen Klasse Religionsunterricht hielt, war nicht das Christentum Thema, sondern die Gewalt. Die Schüler waren nicht gewalttätig, weil in der Bibel vom Heiligen Krieg die Rede ist, sondern weil sie Wut angesammelt hatten.

Wie können wir auf die terroristischen Mordtaten als Christen angemessen reagieren? Ich habe als Bibeltext das Gebot der Feindesliebe gewählt und bin mir dabei bewusst, dass dies eine Provokation darstellt. Aber ich stehe zu dieser Provokation. Billiger ist echtes Christentum in der Nachfolge Jesu nicht zu haben. Ich will also ernsthaft der Frage nachgehen, wie heute Feindesliebe gelingen kann. Als erstes fällt mir dazu ein der Satz der damals 17-jährigen Enkelin von Jitzchak Rabin ein nach dessen Ermordung durch einen fanatischen Zionisten. Sie sagte, der Schmerz über den Tod ihres Großvaters sei so groß, dass in ihrem Herzen kein Platz sei für Rache. Nur wenn wir dem Schmerz standhalten und ihn nicht durch Hass und Rache schnell betäuben, werden wir einem schädlichen Aktionismus entgehen. Wir werden stattdessen die Ursachen von Gewalttaten reflektieren können, um das Übel der Gewalt von seinen Wurzeln her zu überwinden.
Als zweites fällt mir dazu ein, was Jesus über den Balken im eigenen Auge sagt, um den wir uns kümmern sollen, bevor wir auf den Splitter im Auge anderer deuten (Mt 7,1-5). Dabei bin ich erinnert an die Feststellung von Jürgen Todenhöfer, dass die Kriege der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten Zuchtprogrammen für Terroristen zu vergleichen seien. Nur wenn wir uns bewusst machen, dass die Taliban ursprünglich amerikanische Verbündete waren, als es in Afghanistan gegen die russischen Eindringlinge ging, und dass die Irakkriege die Region so destabilisiert haben, dass die ISIS-Terroristen dort Fuß fassen konnten, erst dann wird unser Aufschrei über die Mordtaten von Paris zu Konsequenzen führen, die den Zulauf für terroristische Gruppen erfolgreich eindämmen. Wenn wir uns eingestehen, dass es in diesen Kriegen vor allem um unser Öl und um unser neoliberales Wachstum ging, dann erst nehmen wir unsere Verstrickung in das Problem des Terrorismus wahr. Jesus warnt uns: „Wer zum Schwert greift, der wird durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Das spüren wir jetzt. Und wenn wir auf unseren Schlosspark blicken, können wir dieses Wort Jesu auch hier anwenden: Wer zu Wasserwerfern gegen Kinder greift, wird selbst in Wasserwerferprozessen untergehen, auch wenn Gottes Mühlen und die der Stuttgarter Justiz langsam mahlen.

Was ergibt sich daraus konkret im Blick auf die Terrorismus züchtende neoliberale Politik? Als feindesliebende Christen müssen wir aller selbstgerechten Empörung der westlichen Welt entgegenhalten, was sie selbst zum Terrorismus beiträgt und was sich an unserer westlichen Politik ändern muss. Die vorrangige Option für militärische Problemlösungen muss der Suche nach einem gerechten Frieden weichen. Die wachsende Waffenproduktion und Rüstungsforschung muss in friedliche Produktion und Forschung umgewandelt werden. Die rücksichtslose Gier nach wirtschaftlichem Wachstum, von dem vor allem Reiche profitieren, muss aufgegeben werden zugunsten eines Wachstums an Lebensqualität für alle.
Im konkreten Umgang mit Menschen, die versucht sind, gewaltbereiten Ideologien zu folgen, müssen wir wahrnehmen lernen, was sie auf diesen Weg gebracht hat. Langsam tritt ins öffentliche Bewusstsein, dass französische Dschihadisten vorzugsweise in Gefängnissen von Salafisten für die Sache des Terrors gewonnen werden. Hier gewinnt die Klage Jesu eine aktuelle Bedeutung: „Ich bin gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht“ (Mt 25, 43). Wir denken dabei meist eher an unschuldig Gefangene. Aber gerade auch die schuldig Gefangenen brauchen unsere Zuwendung. Als Jesus sich bei Zachäus eingeladen hat, ist er auch nicht bei einem Unschuldigen eingekehrt (Lk 19,1-10). Jesus sagt uns: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“.

Das müsste schon in unseren Schulen beherzigt werden. Dort wird auch heute vielfach noch aussortiert statt gefördert. In der schon erwähnten Klasse von gewaltbereiten Rechtsradikalen habe ich gelernt zuzuhören. Da habe ich von so mancher auch schulischer Demütigung erfahren, die wütend gemacht hat. Das soll nicht heißen, dass ich die jungen Männer von der Verantwortung freispreche, dass sie es selbst sind, die sich für oder gegen die Gewalt entscheiden. So habe ich Geschichten für sie geschrieben und Filme mit ihnen angeschaut, bei denen die Sackgasse von Hass und Gewalt zu Ende gegangen wurde unter der Frage: Hat sich dein Leben durch Hass und Gewalt verbessert? Ich habe ihnen Alternativen zu Hass uns Gewalt vorgelegt, einige konnten darauf sehr schnell eingehen, bei anderen hat es länger gedauert. Am Ende des Schuljahrs war einer der besonders Gewaltbereiten voll Vorfreude auf den Schluss eines Films, den er kannte und der einen Gewaltexzess darstellte. Als die Szene dann kam, musste er allerdings wegsehen. Er hatte in diesem Augenblick von der Identifikation mit den Gewalttätern zurückgefunden zur Identifikation mit den Opfern. Dies ist für mich der Inbegriff des Auswegs aus der Gewaltspirale.
Wenn ich wie Joachim Gauck diese jungen Rechtsradikalen als Spinner bezeichnet hätte und ihnen auch so begegnet wäre, hätte ich nichts bei ihnen erreicht, sondern sie aufgegeben. Aber die Feindesliebe Jesu gibt nicht auf. Niemals und niemand. Amen.

“Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit”

Herzliche Einladung zu der Kundgebung
“Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit”
am Montag, 5. Januar, um 17 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz!
(angemeldet ist vorsichtshalber eine Kundgebungszeit von 17 bis 20 Uhr).

Diese Kundgebung wurde ganz kurzfristig angesetzt, weil offenbar die PEGIDA-Bewegung nun auch in Stuttgart Fuß fassen will und dazu eine Kundgebung für denselben kommenden Montag, 19 Uhr in Stuttgart plant.

Die PEGIDA-Aktionen haben äußerlich Ähnlichkeiten mit den Aktionen gegen Stuttgart 21: die “Montags-Demonstrationen” und die Zielrichtung gegen eine “Lügenpresse” und gegen Parteien, die uns verraten (und damit zwar nicht zu einer offiziell beklagten Politik-Verdrossenheit, aber zu einer Politiker-Verdrossenheit beitragen).

Dem steht aber eine grundsätzlich andere Ausrichtung gegenüber: Während die PEGIDA-Anhänger nach “unten” treten (gegen Flüchtlinge, Migranten, Muslime), wenden wir uns ganz bewusst und ausschließlich nach “oben”: Wir klagen die politische und wirtschaftliche Elite an.

Insofern besteht eine innere Verbindung zwischen der Gegnerschaft gegen Stuttgart 21 und der gegen die PEGIDA: Wir setzen uns dafür ein, dass die wirklich Verantwortlichen und die Nutznießer verfehlter Politik zur Verantwortung gezogen werden, nicht deren Opfer.
Wenn es also in der Bevölkerung berechtigte Abstiegsängste gibt und die Sorge, zu kurz zu kommen, dann sagen wir: Lasst eure Sorgen, Opfer zu werden, nicht an den andern Opfern raus, sondern an den Tätern! Die sind nämlich zwar z.B. mühelos in der Lage, Milliarden dafür einzusetzen, um einen der besten Bahnhöfe Deutschlands zu einem leistungsschwachen Kellerbahnhof mit zahllosen weiteren Risiken zusammenzuschlagen. Sie sehen aber angeblich keine Möglichkeit, dass in einem der reichsten Länder der Welt Flüchtlinge in ausreichender Zahl (verglichen mit vielen armen Ländern, die beschämend viel mehr von ihnen aufnehmen) menschenwürdig und mit Zukunftsperspektive untergebracht und versorgt werden.

Deshalb an dieser Stelle auch die Bitte: Unterzeichnen Sie bitte die Petition gegen die PEGIDA und für ein buntes Deutschland:

https://www.change.org/p/1-mio-unterschriften-gegen-pegida-nopegida?utm_source=action_alert&utm_medium=email&utm_campaign=209256&alert_id=fJNiGzXtIQ_o3YlDShn2IWVsiyEwJtZyn83UZ%2FKRhpRD9iuFhEUD0tGyoPD%2F6C6sqevt5dFDr7Y

Martin Poguntke

Predigt zu Lk 2, 1-14 am 26.12.2014 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Das war eigentlich nicht nötig, denn es herrschte kein Krieg. Es war Frieden, allerdings ein ganz bestimmter. Es war der so genannte römische Friede. Sein Grundsatz lautete: “Si pacem vis, bellum infer”, zu deutsch: “Wenn du Frieden willst, trag Krieg ins Land”. Diese Definition von Frieden ist geprägt vom Geist römischer Kolonialherrschaft, die Frieden schafft durch das militärische Niederhalten fremder Völker zum Zweck der bestmöglichen wirtschaftlichen Ausbeutung. Diese Friedensvorstellung prägt seit Jahrzehnten auch die Politik der USA und Putin scheint derzeit von den USA zu lernen. Über die Nato ist Deutschland in diese Machtgier verstrickt. An deutschen Hochschulen wird an neuen Atombomben mitgearbeitet. Auch unsere Kirche trägt ihr Teil bei: Die Befürwortung des Atomkriegs durch unseren Bischof von Keler im Jahr 1983 ist noch nicht bereut. Wenn du Frieden willst, wirf Atombomben aufs Land. In diesem Frieden ist die Ruhe des Bürgers erste Pflicht, er soll sich widerstandslos der Kolonialmacht beugen, dann kann er damit rechnen, „friedlich“ leben zu dürfen.

Aus dieser Sorte Frieden hat einst der Gott Israels seine Kinder in Ägypten befreit und einen neuen Begriff von Frieden geprägt, den Schalom, in dem die Bedürfnisse aller befriedigt werden, nicht nur die der Unterdrücker. Zwar hat sich auch in Israel später eine herrschende Schicht von wirtschaftlich Mächtigen herausgebildet, die Schwächere ausgebeutet haben, aber die vom Gott Israels gesandten Propheten haben immer wieder an den ursprünglichen Schalom erinnert und diesen auch eingefordert. Witwen, Waisen und Fremdlinge wurden als Inbegriff der Schwachen unter den besonderen Schutz der Gemeinschaft gestellt, und Schuldenerlassanordnungen haben die Verarmung einzelner oder ganzer Teile der Bevölkerung ebenso verhindert wie die Monopolmacht wirtschaftlich Übermächtiger.

Diesen Frieden in Verteilgerechtigkeit verkünden die himmlischen Scharen über der Krippe des neugeborenen Jesus. Dieser Friede ist die frohe Botschaft für die Amen, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Diesen Frieden feiern wir am Weihnachtsfest. Dieses Feiern ist allerdings kein bloßes frommes Zuschauen, sondern eine Selbstverpflichtung, zu diesem Schalom unseren Teil beizutragen. Was bedeutet das für uns heute und hier im Schlosspark?

Ich denke, wir haben eine spezifische Beziehung zum römischen Frieden, denn wir haben sattsam zu hören bekommen, Ruhe sei unsere erste Bürgerpflicht nach der demokratischen Entscheidung bei der Volksabstimmung über den Finanzierungsbeitrag Landes für Stuttgart 21. Es war zwar keine militärische, aber eine ähnlich schmerzliche Abstimmungsniederlage, nach der wir als Verlierer uns den Siegern beugen sollten, um unsere Ausbeutung durch die Profiteure des Projekts zu akzeptieren. Wenn wir heute den Schalom feiern, den uns das Kind in der Krippe bringen will, dann bedeutet das, dass wir den Scheinfrieden der Ausbeuter weiterhin beim Namen nennen, die Machenschaften seiner Drahtzieher anprangern und die Unsinnigkeiten dieses Projekts öffentlich machen, die von Tag zu Tag immer mehr sichtbar werden. Beim Feiern des Schalom bestärken wir uns gegenseitig in unserem Eintreten für eine gerechtere Welt nicht nur im Blick auf Stuttgart 21, sondern hinsichtlich der Politik insgesamt, die dieses Projekt ersann und durchsetzen will. Wir prangern die tödlichen Risiken dieses Projekts an und verschweigen nicht, dass die Politik des römischen Friedens schon jetzt Opfer fordert, sodass Papst Franziskus feststellen muss: „Diese Wirtschaft tötet“.

Die Welthandelsorganisation WTO behauptet ernsthaft, es sei um des freien Handels und des wirtschaftlichen Wachstums willen nötig, dass Indien die Nahrungsmittelsubventionen für vom Hunger bedrohte Teile der Bevölkerung einstellen muss. Die indische Regierung hat sich glücklicherweise bisher geweigert, dabei mitzumachen. Was ich schmerzlich vermisse ist ein Aufschrei der Weltgemeinschaft gegen dieses Ansinnen der Drahtzieher solcher Abkommen. Hier sind Kräfte am Werk, die ohne jeden Skrupel für angebliches Wirtschaftswachstum über die Leichen der Verhungerten gehen. Entsprechend vermisse ich den Aufschrei in Europa gegen die so genannten Freihandelsabkommen, die angeblich allgemeine Förderung von Wohlstand versprechen, aber tatsächlich die Machtergreifung der internationalen Konzernlobbyisten darstellen, die uns auf unvorstellbare Weise tributpflichtig machen wollen. Die Gesundheitsversorgung, die Bereitstellung von Wasser und Elektrizität soll für alle Zeiten in die Hand von so genannten Investoren kommen, die in Wirklichkeit Ausbeuter sind. Öffentliche Hände sollen die verkauften Unternehmen nie mehr zurückkaufen können. Für alle demokratisch legitimieren Gesetze, die den Profit der Ausbeuter schmälern, sollen Sondergerichte der Konzerne Schadenersatz aus Staatshaushalten beschließen können ohne Einspruchsmöglichkeit bei ordentlichen Gerichten. Die große Koalition propagiert in neoliberaler Verblendung dieses Ermächtigungsabkommen für die Machtergreifung der Konzerne wegen eines angeblich minimalen Wachstums.
Aber wir müssen uns nicht blenden lassen. Wir schauen auf das Kind in der Krippe und seinen Schalom. Wir messen Wachstum am zunehmenden fairen Teilen. Wir leben und arbeiten auf das Reich des barmherzigen Gottes zu, in dem alle satt werden. Wir bleiben nicht ruhig, sondern stehen auf, um diesen Frieden der Ausbeuter zu brandmarken und unseren Glauben an den Schalom Jesu zu bekennen. Das Kind in der Krippe schenke uns den Mut und die Ausdauer dazu. Amen.