Parkgebetansprache von Friedrich Gehring am 6.11.2014

Jesaja, Kapitel 5, Verse 1 bis 8: Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen!

Schon etwa 750 v. Chr. warnt Jesaja die Reichen seiner Zeit, die immer mehr wirtschaftliche Macht erstreben, um diese zu missbrauchen, und sagt ihrem Treiben den Untergang voraus. Seine Unheilsweissagung ist heute hochaktuell. Seit Jahrzehnten geht die Schere zwischen Reichen und Armen nicht nur in der dritten Welt, sondern auch in den Industrienationen immer weiter auseinander. Jens Weidmann, der Chef der deutschen Bundesbank und deutscher Vertreter in der Europäischen Zentralbank, sagte kürzlich in einem Interview, das sei eben so. Er weiß offenbar noch nicht, was Jesaja vor über 2700 Jahren schon wusste, dass nämlich diese Entwicklung in den Abgrund führt, nicht nur die Armen, sondern auch die Reichen. Er sieht, dass die vielen teuren Häuser durch die Verarmung der Mehrheit keine Mieter mehr finden und die gierigen Raffer durch Leerstand selbst ihr Geld kaputt machen. Jens Weidmann residiert in Frankfurt am Main, er könnte wissen, dass dort 2 Millionen qm Büroflächen leer stehen und trotzdem immer noch mehr Bürotürme gebaut werden. Jesajas Voraussage für die Monopolisten seiner Zeit ist heute Realität. Auch die Superreichen, die ihr Geld vorsichtig bei Banken Zinsen tragen lassen, erleben jetzt, dass die Zinserträge unter die Inflationsrate fallen. Die Skat-Bank im ostdeutschen Altenburg hat jetzt für Geldanlagen über 500.000 € einen Negativzins eingeführt, weil auch die Banken für übriges Geld, das sie bei der europäischen Zentralbank lagern wollen, einen Negativzins zahlen müssen.

Die Reichen dieser Welt haben so viel Vermögen angehäuft, dass sie immer schwieriger Abnehmer für Kredite finden. Auch für die so sicheren deutschen Bundesanleihen muss schon ein Negativzins gezahlt werden. In Argentinien haben gierige Hedgefonds-Manager den Bogen derart überspannt, dass das Land innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal pleite war und viel Anlegergeld kaputt ging. Auch im Blick auf Griechenland sagen Fachleute voraus, dass die Griechen niemals all die Schulden werden zurückzahlen können, die ihre korrupte Elite nach der Einführung des Euro machen konnten. Die Hilfsgelder für Griechenland helfen nicht den Griechen, sondern fließen zu ihren steinreichen Gläubigern. Wenn Politiker wie die von der AfD gegen diese Hilfen wettern, dann verschleiern sie, dass die megareichen Anleger davon profitieren und dass ein Ende dieser Hilfen den Zusammenbruch der gegenwärtigen ausbeuterischen Finanzwelt nur noch beschleunigen wird, der allerdings nicht dauerhaft zu verhindern ist. Jesaja beschreibt so etwas wie die Selbstregulierung einer extremen Entwicklung. Der übermäßig angehäufte Reichtum zerstört sich selbst, die gierigen Hedgefonds-Manager sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen, und die unersättlichen Käufer hoch verzinster Staatsanleihen von Ländern am Rand des Bankrotts schneiden sich ins eigene Fleisch.

Warum spreche ich davon bei einem Parkgebet zu Stuttgart 21?
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Brief 5 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

Nachdem wir uns beim letzten Mal mit der Beinahe-Katastrophe zur Zeit der Eröffnungsgottesdienste befasst haben, wollen wir uns diesmal der Frage zuwenden, welche Beiträge aus dem Bereich unserer Landeskirche auf dem Kirchentag gegeben wurden und wie über sie in der kirchlichen Presse berichtet wurde. Dabei soll es vorrangig darum gehen, was das mit unserer Frage „S 21 und der Kirchentag“ zu tun hat.

Unsere Landeskirche betrieb in Hamburg ein „Stuttgarter Gasthaus“, bei dem sie sich und ihre Arbeit vorstellte. Dazu gab es Volksbelustigungsaktionen wie zum Beispiel einen „Schwäbischen Kehrwochenwettbewerb”. Verbunden damit war eine Bühne, auf der Diskussionsveranstaltungen stattfanden, die irgendwie von den württembergischen Vertreterinnen und Vertretern, den „Südsternen“, wie sie sich nannten, organisiert wurden.

Das fand im alten Hamburger Hafenviertel an den Magellan-Brücken statt. Als ein Menetekel aus dem Ruder gelaufener Großprojekte erhob sich im Hintergrund die Elbphilharmonie und gab auch schon damit ein Thema vor.

Was hat das Gemeindeglied, das nicht in Hamburg dabei war, etwa aus dem Evangelischen Gemeindeblatt über die Aktivitäten seiner Landeskirche in Hamburg erfahren?

Es war davon zu lesen, dass eine württembergische Pfarrermannschaft beim Fußballwettbewerb „popen open“ den 1. Preis gewonnen habe. Dann wurde fleißig berichtet von dem „Schwäbischen Kehrwochenwettbewerb“. Dabei ging darum, wer die Straße am besten fegt oder so. Das war`s dann, was zu lesen war. Von inhaltlichen Beiträgen, von einer Verkündigung des Wortes Gottes aus württembergischem Mund, von wegweisenden Worten württembergischer Theologie war absolut nichts zu erfahren. Es wurde der Eindruck erweckt, dass außer banalen Volksbelustigungsversuchen nichts in dieser Landeskirche geboten werde. Es wurde der Eindruck erweckt, dass die wesentlichen Kompetenzen württembergischer Theologenschaft in ihren Waden stecke und nicht in ihren Hirnen.

Fazit: Eine Kirche, die ihre Arbeit selbst banalisiert, schafft sich selbst ab. Wozu soll ein Kirchentag noch sinnvoll sein, wen auf ihm auf die drängenden Fragen der Zeit keine biblisch fundierten Antworten gesucht werden?

Gott sei Dank stimmte der Eindruck, den die württembergische Kirchenpresse erweckte, nicht. Württembergische Theologen haben auf dem Kirchentag Stellung bezogen, auch zu Stuttgart 21. Wirklich bemerkenswert waren die Äußerungen des Stuttgarter Prälaten Mack, der sich an einer Diskussionsrunde zur Stadtentwicklung beteiligte. Ausgehend von der Auslegung der Jahreslosung „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondernd die zukünftige suchen wir.“ wandte er sich gegen die Vernutzung der Innenstädte für Luxuswohnungen und Shopping. Er forderte eine bürgerschaftliche Stadt, in der sozial schwächere Menschen und kinderreiche Familien ihren Platz haben und nicht verdrängt werden. Mit scharfen Worten wandte er sich gegen den Abriss einer Kirche im Zusammenhang mit dem Bau des Shoppingcenters im Gerber-Viertel und fand dann noch Worte zu Stuttgart 21. Oder besser gesagt zu der politischen Durchsetzung und Durchführung des Projekts. Dies kommentierte er mit den Worten „So geht’s gar nicht.“

Seine Worte riefen nicht nur in der Versammlung, sondern auch bei den Stadtplanern und Architekten auf dem Forum große Zustimmung hervor. Sie wurden als wegweisend für den Städtebau anerkannt und eine Fehlentwicklung des Städtebaus in Richtung Kommerzialisierung der Innenstädte bedauert.

Es war geradezu ein Bußruf von Prälat Mack an den Städtebau, nicht für Kaptalinteressen, sondern für die Menschen die Städte zu entwickeln – und das aus der Auslegung des biblischen Wortes heraus. Das war ein Lehrstück politischer Predigt und wäre es wert gewesen, in den Verlautbarungen unserer Landeskirche veröffentlicht zu werden.

Nun, war das nicht alles, was Württemberger in Hamburg gesagt haben. Mit einer eigenen Veranstaltung zum Widerstand gegen Rechtsextremismus und Stuttgart 21 soll sich der nächste Brief befassen.

Brief 4 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

Es ist an der Zeit, wieder einen Brief zum Kirchentag zu verfassen, wobei eine Erfahrung auf dem Hamburger Kirchentag noch im Hinblick auf Stuttgart 21 zu bearbeiten ist.
Was uns nämlich beim Gedanken an den Stuttgarter Kirchentag in hohem Maße beunruhigt, ist die Frage, wie auf der größten Baustelle Europas die Sicherheit bei einer solchen Großveranstaltung gewährleitstet werden kann und wie Kirchentagsleitung und Behörden mit dieser Frage umgehen. Wenig beruhigend war es jedenfalls, wie mit einem hochgefährlichen Brand im Hamburger Hafen während des Kirchentags-Eröffnungsgottesdienstes umgegangen wurde und wie er in der Folgezeit vertuscht wurde.
Als ich bei einem der Eröffnungsgottesdienste in der Nähe des Hafens war, fiel mir intensives Sirenengeheul auf. Als dieses länger anhielt, wurde ich doch unruhig und machte mir schon mal Gedanken, was hier los sein könnte und ob eine Gefahr für die Menschen bei diesem Gottesdienst gegeben sein könnte.
Ich wartete auf Informationen von den Verantwortlichen und auf Anweisungen, wie man sich zu verhalten habe. Als nichts Derartiges kam und das Sirenengeheul dann auch nachließ, ging ich davon aus, dass die Gefährdung bewältigt worden sei.
Auch in den nächsten Tagen war nichts darüber zu hören, was losgewesen war und insofern machte ich mir darüber auch keine Gedanken mehr.
Erst Wochen später erfuhr man durch Recherchen des NDR, dass ein Frachter, beladen mit Uranhexafluorid und anderem radioaktiven Material, sowie mit Industriealkohol und Munition 16 Stunden lang gebrannt habe. Er konnte erst gelöscht werden, nachdem die Hamburger Feuerwehr die Fässer mit dem radioaktiven Material von Hand vom Schiff getragen hatte. Das Uranhexafluorid in den Fässern hätte hochgiftige Flusssäure entstehen lassen, wenn man sie mit Wasser gelöscht hätte. Kohlendioxid, mit dem hätte gelöscht werden können, stand zu diesem Zeitpunkt in ganz Norddeutschland nicht zur Verfügung.
Über diese extreme Gefährdung für die ganze Stadt Hamburg und die Besucher/innen des Kirchentags wurde auch nach ihrem Bekanntwerden durch die Recherchen des NDR wenig berichtet. In offiziellen Organen der Kirchen oder des Kirchentags wurde überhaupt nicht davon berichte, dass die Besucher/innen dieser kirchlichen Großveranstaltung solchen Gefahren ausgesetzt waren, während sie beim Gebet versammelt gewesen waren.

Daher stellt sich die Frage, welches Sicherheitsbewusstsein denn überhaupt bei den Verantwortlichen des Kirchentags vorhanden ist. Es stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen bereit sind, kritisch genug die Sicherheitsbeteuerungen der örtlichen Behörden und Verkehrsbetriebe zu hinterfragen.
In einer Stadt wie Stuttgart, die unter anderem durch ihre Kessellage extrem schwer zu „entfluchten“ ist (wie man das beim Katstrophenschutz nennt), müsste die Frage nach der Sicherheit vorrangige Bedeutung haben. Auf die größte Baustelle Europas in einer solchen topographischen Lage zeitgleich den Kirchentag mit über 100.000 und auch noch den Christustag mit zusätzlich rund 20.000 Besucher/innen einzuladen, ist mit erheblichen Risiken behaftet.
Die Erfahrung von Hamburg zeigt, dass der Kirchentag mit der Gefahrenlage nicht offen umgeht. Man agiert nach dem Motto „Wird schon gut gehen.“

Nun, wir wollen hoffen, dass alles gut geht – aber verantwortlicher Umgang mit den Gefahren einer Großveranstaltung sieht anders aus.

Briefwechsel mit der Kirchentagsleitung

Sehr geehrte Frau X,
sehr geehrte Damen und Herren von der Fuldaer Kirchentagsleitung!
Bevor Sie sich vornehmen, klug zu werden, würde ich von Ihnen erwarten und fordere Sie hiermit dringend auf, zuerst einmal ehrlich zu werden. Zu sich selbst und besonders gegenüber den Kirchentagsgästen, die sich auf Ihrer Homepage über den Stuttgarter Kirchentag informieren. Jedes Mal, wenn ich einen Newsletter erhalte, schaue ich, ob darin endlich mal etwas zu lesen ist über den Zustand der Stadt, in der der Kirchentag in einem Jahr stattfinden soll. Da ist nichts zu lesen. Dann schaue ich auf die Homepage. Auch hier das gleiche Bild. Kein Wort darüber, dass die Stadt eine Baustellenwüste ist, in der die öffentlichen Verkehrsmittel an keinem einzigen Tag pünktlich verkehren. Kein Wort über tägliche Staus, Feinstaubrekorde wie in keiner anderen deutschen Stadt, Dreck und Lärm. Kein Wort über die Umwege, die sowohl Autofahrer als auch Fußgänger und Radfahrer wegen der unzähligen Baustellen in Kauf nehmen müssen. Anstelle dessen zeichnen Sie auf Ihrer Homepage das Bild einer Stadt, in welcher der Kirchentag völlig unproblematisch stattfinden kann. In der alles zum Besten bestellt ist. In der es genügend Veranstaltungsorte gibt, die gut zu erreichen sind. In der man bequem und angenehm “ohne Ampeln” durch “das grüne Band des Schlossgartens” von einem zum andern Veranstaltungszentrum gelangen kann, egal ob zu Fuß oder mit dem Rad. Ihr bewusstes, totales Verschweigen der besonderen Umstände in Stuttgart trotz besseren Wissens kann ich nicht anders als eine Lüge und einen Betrug gegenüber den Menschen ansehen, die sich auf einen schönen Kirchentag in Stuttgart freuen. Ich fordere Sie noch einmal eindringlich auf, auf Ihrer Homepage die derzeitige Situation in Stuttgart darzustellen. Diese wird sich in einem Jahr mit Sicherheit nicht besser, sondern noch schlechter darstellen. Mit freundlichem Gruß Y

22.7.2014

 

Sehr geehrter Herr Y,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir können Ihre Sorgen verstehen und möchten Ihnen Ihre Fragen gerne beantworten.

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4 Jahre Parkgebet

Wir “feiern” 4 (vier!!!!) Jahre Parkgebet

am Donnerstag, 07.08.2014 um 18.15 Uhr
im Schlossgarten unter der Kastanie bei der Lusthausruine,
musikalisch begleitet von „Parkblech“.

Herzlich willkommen!

(Dann sind Sommerferien
und das nächste Parkgebet erst am 11. September 2014)

Parkgebet-Ansprache von Heinz Wienand am 10. Juli 2014

Epheser-Brief, Kapitel 5, Verse 6-7 und 10-11
6 Lasst euch von niemandem verführen, der euch durch sein leeres Geschwätz einreden will, dass dies alles harmlos sei. Gottes Zorn wird alle treffen, die ihm nicht gehorchen. 7 Darum meidet solche Leute. […] 10 Prüft in allem, was ihr tut, ob es Gott gefällt. 11Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen; im Gegenteil: helft sie aufzudecken.

Liebe Parkgemeinde!

Seit fast 4 Jahren versammeln wir uns hier im Stuttgarter Schlossgarten zum Gebet im Park, anfänglich wöchentlich, dann zweiwöchentlich bei jedem Wetter und äußern unseren Protest gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Viele von uns besuchen Woche für Woche die Montagsdemo und beteiligen sich an den sich anschließenden Demozügen. Außerdem besuchen sie die zahlreichen Veranstaltungen zum Thema S21 bzw. K21, um sich schlau zu machen und sich über aktuelle Vorgänge um das unnütze Projekt zu informieren. Sie tun das, um gewappnet zu sein in der Auseinandersetzung mit den Befürwortern des Projekts, sofern es überhaupt dazu kommt und vom Gegenüber stattdessen nicht nur ein Kopfschütteln oder ein müdes Lächeln geboten wird.

Wir haben es zu oft erlebt, dass wir getäuscht und belogen wurden. Ja, dass versucht worden ist und dauernd versucht wird, uns hinters Licht zu führen, uns zu verführen und dem leeren Geschwätz Glauben zu schenken. Aber wir haben widerstanden, sind nicht auf die falschen Versprechungen und Lügen hereingefallen.

Das Neue Testament ermahnt uns im Epheser-Brief im Kapitel 5, Vers 11, wo es heißt: „Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen, im Gegen-teil: helft sie aufzudecken!“ Wäre nicht schon so Vieles aufgedeckt worden von unseren Experten, wo stünden wir heute bei dem Bahnprojekt?

In der letzten Woche gab es eine Pressekonferenz des Projektbüros für S 21. Dietrich, Penn und Wörn stellten stolz die „Fortschritte“ des Bahnprojekts vor, mussten allerdings zugeben, dass es um 3 Jahre in Verzug geraten ist. Lag das am Protest der Gegner?
Nein – es lag an der miserablen Planung der Bahn! Über die zahlreich anstehenden Probleme verloren die 3 Projektplaner in der Pressekonferenz kein Wort.

Wir sind nicht „schaumgeborene“ Spinner, wie uns ein Mitglied des Regierungspräsidiums Stuttgart in übelster Weise bezeichnete. Wir sind es auch heute nicht, an dem Tag, an dem am Fasanenhof der 3.Tunnelanstich mit viel Prominenz groß gefeiert wurde. Was mich besonders ärgert? Dass, wie bei den früheren Anstichen, mit der „Taufe“ des Fildertunnels der kirchliche Segen erteilt und die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Mineure, für das unnütze und aufgezwungene Projekt S 21 in Anspruch genommen wurde.

Die Stuttgarter Zeitung, die schon immer für S 21 ist, hat in ihrer gestrigen Ausgabe ihre Kommentarspalte überschrieben mit: „Der Tunnelblick ist überholt“ und lässt ihren Kommentator Christian Milankovic ausführen: „Die Schlachten um das Ob des Bahnhofsumbaus sind geschlagen. Nun kann es nur noch darum gehen, den maximalen Nutzen für die Stadt aus dem Vorhaben zu ziehen. Verbale Scharfmachereien auf beiden Seiten müssen dann aber der Vergangenheit angehören. Dasselbe gilt auch für den verengten Tunnelblick von fanatischen Befürwortern oder Gegnern, der längst nicht mehr taugt.“ (Ende des Zitats).

Hier handelt es sich natürlich nicht um den „Tunnelblick“ der Esslinger, der uns immer wertvolle Beiträge liefert.

Im gleichen Kommentar wird OB Fritz Kuhn, der heute bei dem feierlichen Tunnelanstich dabei war, gelobt als Grüner, der einen pragmatischen Blick für die Realitäten habe. Wenn sich S 21 nicht mehr verhindern lasse, so interpretiert der Kommentator der Stuttgarter Zeitung die Teilnahme des OB, dann soll S 21 „wenigstens mit den geringst-möglichen Beeinträchtigungen für die Stadtbevölkerung über die Bühne gehen.“ Die Beeinträchtigungen bekommen zur Zeit in massiver Weise die Bewohner und Bewohnerinnen des Nordbahnhof-Viertels mit durch den Baustellenverkehr zur zentralen Logistikfläche. Das ist nur ein Beispiel.

Stadt- und Naturzerstörung für ein unnützes Bahnprojekt, das einen Leistungsrückbau darstellt, das in Wirklichkeit, wie Egon Hopfenzitz zurecht sagt, ein Immobilienprojekt ist und Baukonzerne nur darauf warten, dass das Gleisfeld abgebaut wird und sie endlich anfangen können, und das mit dem Segen von Politikern von Schwarz bis Grün und auf Kosten von Einwohnern, Steuerzahlern und kommenden Generationen.

Wir lassen uns nicht blenden und erliegen nicht der Faszination der Technik, Herr Herrenknecht! Es ist noch nicht aller Tage Abend, ihr Planer und Befürworter! Wir kämpfen weiter und beherzigen den Spruch von Bert Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Um es mit einem Bibelvers zu sagen: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim., Vers 7)

In diesem Sinne bleiben wir oben.

Kirche als S21-Werbepartner

Am 10. Juli 2014 hat eine weitere sogenannte „Tunneltaufe“ im Zusammenhang mit dem Projekt Stuttgart 21 stattgefunden – dieses Mal beim Fasanenhof und zum zweiten Mal unter Beteiligung eines Pfarrers, der im Auftrag der Evangelischen Landeskirche Württemberg amtierte.

Warum lässt sich die Landeskirche strategisch einbinden?

Bisher hatte die Landeskirche stets betont, sie stehe dem Projekt neutral gegenüber und könne und wolle sich weder „für“ noch „gegen“ das Projekt positionieren. Und noch bei der ersten Tunneltaufe hatte sie deshalb größten Wert darauf gelegt, öffentlich zu betonen, dass es sich bei dem amtierenden Pfarrer nicht um einen landeskirchlichen Pfarrer gehandelt habe.

Ratlos fragen wir uns: Wie hat die Landeskirche sich so einbinden lassen können in die S21-Werbestrategie? Was hat unsere Kirchenleitung zu diesem Richtungsschwenk bewogen?

Hätte sie nicht sagen können und müssen: An pseudoreligiösen Veranstaltungen wie säkularen „Taufen“ nehmen wir als evangelische Kirche grundsätzlich nicht teil?

Hätte sie nicht sagen können und müssen: An Heiligenfeiern mitzuwirken (gleich ob mit Barbara, Hubertus oder anderen) ist uns – auch unter ökumenischen Vorzeichen – nicht möglich, denn solche Feiern sind mit unserem Verständnis des christlichen Glaubens nicht vereinbar?

Sie hätte auch sagen können: An gottesdienstlichen Veranstaltungen, die nicht klar getrennt sind von politisch motivierten Versammlungen, beteiligen wir uns nicht, denn wir wollen nicht in den Verdacht geraten, uns vereinnahmen zu lassen, zumal Segnen nur allzu leicht als Absegnen missverstanden werden kann.

Warum keinen wirklichen Gottesdienst?

Ja, sie hätte auch einfach – aus eigenem Antrieb und unter eigener Regie – einen eigenen, gerne auch ökumenischen Gottesdienst anberaumen können (zu dem sie auch die Bahn und all die S21-Jubelgäste hätte einladen können). Dann wäre es ein wirklicher Gottesdienst geworden und keine gotteslästerliche Zwitterveranstaltung.

Gar nicht auszudenken, sie hätte den „Mut“ gehabt, ihren Auftrag ernst zu nehmen und aus Anlass eines S21-Tunnelanstichs einen Bittgottesdienst für die Schöpfung und die Leiharbeiter abgehalten, in welchem sie offen zur Sprache und ihre Klage darüber vor Gott gebracht hätte, welche bedrückend lange Liste an Kritik, Sorgen,Befürchtungen und gesellschaftlichem Streit mit diesem Projekt verbunden sind.

Warum nach beiden Seiten hinken?

Schon fast jenseits des Vorstellbaren: Sie hätte sich – wie es ihrem biblischen Auftrag entspräche – entschieden und parteilich auf die Seite der einfachen Menschen gestellt und nicht versucht, nach beiden Seiten zu hinken, indem sie etwa die Bausorgen der S21-Betreiber gleichberechtigt neben die Sorgen der Gegner stellte. Sondern sie hätte Gottes Hilfe dafür erbeten, dass in Stuttgart nicht der Öffentliche Bahnverkehr ein für alle Mal auf zwei Drittel seiner heutigen Möglichkeiten amputiert wird, dass nicht das Mineralwasser und die Häuser am Hang (und im Brandfall in Tunneln oder Tiefbahnhof alle Benutzer) gefährdet werden, dass nicht hart erarbeitete Steuergelder verschleudert und dem allgemeinen Wohl entzogen werden. Nur, um „götzendienerischen“ – so hätte sie es wirklich nennen können und müssen – Profit aus dem Verkauf verführerisch lukrativer Grundstücke zu ziehen, die sich später nur die Reichen in der Bevölkerung werden leisten können.

Bloßer frommer Zierrat

Ach, was hätte diese Landeskirche tun können, wenn sie sich wirklich als Kirche Christi hätte bewähren wollen, anstatt sich als bloßer frommer Zierrat für eine Bürgergesellschaft benutzen zu lassen, in der schrankenloses Konsumieren und Besitzen die obersten Werte darstellen.

Aber sie ist halt wie sie ist, diese Kirche. Man kann nur hoffen und Gott inständig bitten, selbst nicht auch so „lau“ zu sein oder zu werden wie sie, sondern so entschieden „heiß oder kalt“, wie Jesus es von seinen Jüngerinnen und Jüngern gefordert hat.

Theolog_innen gegen Stuttgart 21 Martin Poguntke, Wolfgang Schiegg, Guntrun Müller-Enßlin, Michael Harr, Georg Vogelgsang, Friedrich Gehring