Schöpferische Nachfolge

Eine theologische Analyse zum politischen Engagement von Kirche – auch gegen Stuttgart 21

„In der Bibel finden wir keine konkrete Weisung für oben bleiben oder nach unten bauen“ – schrieb der Stuttgarter Prälat Ulrich Mack im Blick auf das umstrittene Projekt „Stuttgart 21“ in seinem Neujahrsbrief 2011 an kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Freunde und Bekannte sowie an der Kirche Interessierte.
Seit Luther ist es unter Protestanten üblich, Streitfragen sowohl bei theologisch – kirchlichen als auch bei gesellschaftlich – politischen Themen von der Bibel und schwerpunktmäßig vom Neuen Testament her, von dem, „was Christum treibet“ (Luther), zu entscheiden. Das Dilemma hierbei ist, wie so oft im theologischen Disput, dass sich alle Konfliktparteien flugs auf die Bibel berufen, um ihren Meinungen die nötige theologische Legitimation und Autorität zu verleihen.

Jeder weiß natürlich, wie schwierig es ist, zwingend nachzuweisen, wer dies zu Recht tut und wer nicht. Biblische Aussagen bedürfen der Interpretation und bieten so ein breites Spektrum an Auslegungsmöglichkeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass sowohl Gegner als auch Befürworter von „Stuttgart 21“ als auch jene, die bewusst eine neutrale Position beziehen wie unsere Kirchenleitung, zur Begründung und Rechtfertigung ihrer Haltung Aussagen der Bibel auf ihrer Seite wissen. Dies macht deutlich, dass es im Widerstreit der Meinungen stets auch um die Frage der rechten Auslegung und Einordnung biblischer Aussagen geht.
Es macht also Sinn, einmal grundsätzlich und gezielt das Thema „Evangelium und politisches Engagement“ im Lichte des Neuen Testaments zu betrachten.
Was war die Sache, um die es Jesus ging? Wie sieht es bei Jesus und den ihn verkündigenden Zeugen hinsichtlich der Gestaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens aus? Interessierten er und / oder seine ersten Zeugen sich dafür? Kann Jesus in seinem Handeln oder wenigstens in seinen Absichten als Sozialreformer oder gar als Revolutionär (als welcher er vermutlich von der römischen Obrigkeit gesehen und hingerichtet wurde) verstanden werden?

Die Botschaft des historischen Jesus
Die Botschaft Jesu in Wort und Tat lässt sich aus den Berichten der Zeugen im Neuen Testament einigermaßen zuverlässig herauskristallisieren. Vergleicht man seine Botschaft mit derjenigen der alttestamentlichen Propheten (stellvertretend sei auf Amos verwiesen, der gegen das Herrscherhaus, die Oberschicht, die Wirtschaftselite, die Immobilienspekulanten, die korrupte Justiz, die religiöse Elite usw. zu Felde zog), so wird sofort deutlich, dass anders als diese Jesus explizit keine politischen Absichten und Ziele verfolgte.
Dreh- und Angelpunkt seiner Botschaft ist die Liebe Gottes, wie sie im Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ ihren vielleicht schönsten und einprägsamsten Ausdruck gefunden hat. Diese Liebe Gottes gilt jedem einzelnen Menschen und scheint so zunächst ganz und gar unpolitisch zu sein.
Gleichwohl ist diese Botschaft von der väterlich/mütterlichen Liebe Gottes in den Augen seiner damaligen Zeitgenossen keinesfalls selbstverständlich, sondern in höchstem Maße revolutionär. Denn anders als seine Zeitgenossen verstand Jesus diese Liebe Gottes als bedingungslos und unabhängig von jeglichem Verdienst des Menschen. Entsprechend empört sind die Pharisäer und Schriftgelehrten, wenn der Rabbi aus Nazareth Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern pflegt, sich von einer stadtbekannten Prostituierten die Füße mit kostbarem Öl salben lässt, mit einem römischen Hauptmann Kontakt pflegt und Frauen als gleichwertige Partner behandelt. Denn damit bricht er gesellschaftliche Tabus und stellt die theonomen Ordnungen in Frage. All das mussten besonders jene seiner Zeitgenossen als Affront ihnen gegenüber und zugleich als gesellschaftlich subversiv verstehen, die sich tagtäglich durch die leidenschaftliche Erfüllung der unzähligen Gesetze Gottes die Liebe Gottes verdienten und hohes Ansehen in der Gesellschaft genossen. Jenes Dankgebet des Pharisäers im Tempel (Lk 18, 9-14), in dem er sich mit dem ebenfalls anwesenden Zöllner vergleicht und Gott dafür dankt, dass er nicht ist wie dieser, klingt für unsere Ohren selbstgerecht, überheblich, anmaßend und verächtlich. Für damaliges Empfinden wirkt dieses Gebet aber sicherlich ganz anders. Denn es stellt lediglich sachlich nüchtern fest, was allgemein anerkannte Tatsache ist: Derjenige, der so lebt wie der Pharisäer, hat die Liebe Gottes verdient und genießt zu Recht gesellschaftliche Hochachtung.  Wer dagegen wie der Zöllner täglich die Gesetze Gottes bewusst missachtet, hat sich von dieser Gottes Liebe selbst ausgeschlossen und wird zu Recht von der Gesellschaft geächtet.
Auch wenn in den Geschichten des Neuen Testaments politisch relevante Personen und Institutionen agieren (römischer Offizier, Pharisäer, Sadduzäer, Hoher Rat usw.), wird doch deutlich, dass es bei den Streitgesprächen zwischen Jesus und seinen Gegnern im Kern um das rechte Gottesverständnis geht und nicht um Kritik an der gesellschaftlichen Ordnung, in der es eben Sieger und Verlierer, Geachtete und Geächtete, von Gott Gesegnete und Verworfene gibt. Und so sehr sich Jesus zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten und Entrechteten, den „Verlorenen“ gesandt weiß und sich zu deren Anwalt macht, so sehr geht es ihm dabei um die Realisierung des Gotteswillens und so wenig ist dabei eine gezielte Absicht erkennbar, die gesellschaftliche Ordnung zu beseitigen, um den Entrechteten und Ausgegrenzten ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.
Jesus vertrat kein sozialpolitisches Programm zur Realisierung einer sozial gerechten Gesellschaft. Er gründete keine Partei, bezog allerdings immer wieder entschieden Partei. Dass er sich selbst über das geheiligte Mosegesetz stellte (Antithesen der Bergpredigt), dieses den Bedürfnissen der Menschen nachordnete und auf die konkreten Lebensumstände und die Nöte der Menschen bezog (Mk 2, 27), war für seine Zeitgenossen eine ungeheure Anmaßung, ein Tabubruch, der seinesgleichen suchte, geradezu revolutionär und subversiv. Ihn deshalb als Revolutionär zu sehen, würde allerdings bedeuten, ihn misszuverstehen.
Dies lässt sich an jenem Begriff verdeutlichen, der Jesu Verkündigung, seinen Glauben, sein Reden und Handeln bestimmte: dem Reich Gottes (bzw. der Gottesherrschaft). Für seine jüdischen Zeitgenossen war mit der Erwartung der Gottesherrschaft eine radikale politische Wende verbunden, heraufgeführt durch das wunderbare, plötzliche Eingreifen himmlischer Mächte, welche die Vernichtung der bestehenden Weltreiche und den Anbruch der Heilszeit für Israel bringen werde. Diesem kosmischen Ereignis versuchte etwa die Gruppe der Zeloten mit ihrem gewaltsamen Widerstand gegen die römische Besatzungsmacht zuzuarbeiten. Auch wenn zum engsten Jüngerkreis Jesu möglicherweise zwei Zeloten gehörten (Simon der Zelot und Judas der Iskarier (eine militante Widerstandsgruppe – vielleicht aber auch zu verstehen als Judas aus Kerioth, einem Ort im Süden Judäas), so ist in Jesu Reich–Gottes–Botschaft von diesem politischen Kontext wenig zu spüren. Es ist wohl kein bloßer Zufall, dass Jesus über die brutale Willkürherrschaft der Römer, die mit Gewalt und Härte gegen die unterworfenen Völker vorgingen, nach dem Zeugnis des NT kaum ein Wort verlor. Zwar erklärte er einmal gegenüber seinen Jüngern, dass die Herrscher dieser Welt ihre Völker unterdrücken, und diese Unterdrückung erlebten er, seine Jünger und das jüdische Volk tagtäglich, aber von Revolte und Widerstand gegen diese brutale Willkür der Römer ist bei Jesus nichts zu spüren. Auf die Frage, ob es nach dem Gottesgesetz recht sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, antwortet er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Sollte diese Aussage Jesu authentisch sein, woran für mich kaum Zweifel besteht, weil sie in den Gesamtkontext seiner Botschaft passt, dann kann sie eigentlich nur als Beleg dafür gewertet werden, dass Jesus anders als die Widerstandsgruppen seiner Zeit keinen politischen Umsturz intendierte, sondern seine Zeitgenossen dazu einlud, den Gotteswillen über alle andere Verpflichtungen zu stellen.
Jesu Verständnis der Gottesherrschaft wird aus den ersten Worten, die er der Überlieferung nach in der Öffentlichkeit spricht, deutlich: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße (griech.: metanoeite = ändert euren Sinn, euren Geist, ändert euch also von Grund auf) und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,16). Anders ausgedrückt: Jetzt ist die Zeit für eine grundlegende, ganzheitliche Lebensänderung jedes einzelnen Menschen im Sinne der von mir verkündeten und vorgelebten Liebe Gottes!
Die Gottesherrschaft ist für Jesus anders als für die Apokalyptiker seiner Zeit keine Sache einer jenseitigen Welt, sondern in seinem Reden und Handeln zeichenhaft im Werden. Wo Menschen ihm vertrauen und sich auf ihn einlassen, dort ist Gottes Herrschaft schon jetzt mitten unter uns (oder auch: inwendig in uns) (Lk 17,21).
Jesus war also kein Anstifter zum Vollzug grundlegender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen oder gar zur revolutionären Beseitigung der gesellschaftlichen Ordnung, der dem Zelotismus nahe stand, wie es etwa die Vertreter der sog. „Befreiungstheologie“  zu belegen versuchten, sondern sein Interesse galt der geistigen Neuausrichtung jedes einzelnen Menschen auf die Liebe Gottes hin, die in der Konsequenz dann auch die äußeren sozialen Verhältnisse umwandeln würde.

Die Botschaft des Paulus und der Urgemeinde
Was im Blick auf Jesus gesagt wurde, gilt entsprechend auch für Paulus, den bedeutendsten uns bekannten Theologen und Apostel der Urgemeinde. Er sieht seine Aufgabe darin, nicht allein seinem jüdischen Volk, sondern als Apostel der Heiden der gesamten Menschheit das Heil auszurichten, das durch den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu jedem Einzelnen ermöglicht wurde: die Rechtfertigung des Sünders und die Befreiung zu einem sinnerfüllten Leben (1. Kor 15, 21.22). Die Erfahrung dieses göttlichen Heils hat nun aber ethische Konsequenzen für den Menschen, die Paulus in seinen Briefen aufzeigt und die er in Galater 5, 22.25 folgendermaßen zusammenfasst: „ Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit…Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln“. Dieses „im Geist wandeln“ verbleibt bei Paulus also, wie man sieht, ganz im Bereich des Persönlich–Individuellen. Forderungen, sich gegen gesellschaftliche Strukturen – selbst gegen offensichtlich ungerechte und unmenschliche – aufzulehnen, wird man bei Paulus nicht finden. Eher schon findet man das Gegenteil. Den Christen in Korinth erteilt er die Anweisung, dass jeder in dem Stande bleibe, in dem er sich befand, als Gott ihn berufen hat. Der Sklave etwa lehne sich nicht gegen seinen Herrn auf (1. Korinther 7, 17-24). Denn Christus hat ihn schon befreit. Nirgendwo findet sich bei Paulus ein kritisches Wort gegen die die Menschenwürde brutal verletzende Einrichtung der Sklaverei (im römischen Weltreich galt der Sklave –  auch juristisch – als „res“, als Sache), obwohl Paulus um das Schicksal der Sklaven sehr wohl Bescheid wusste, zumal gerade Sklaven in großer Zahl sich den christlichen Gemeinden anschlossen. Auch bemüht er sich an keiner Stelle, christliche Sklavenhalter zu einer – juristisch durchaus möglichen – Freilassung ihrer Sklaven aufzufordern (siehe sein Brief an den Mitchristen Philemon, der offensichtlich Sklaven hielt). Auch gegenüber dem römischen Staat und seinen Behörden mahnt Paulus zum Gehorsam (siehe Römer 13). Diese loyale Haltung gegenüber dem Staat ist typisch für die Urchristenheit und wurde sogar in den Zeiten durchgehalten, als der römische Staat im gesamten römischen Weltreich gewaltsam gegen die Christengemeinden vorging. Erst gegen Ende des 1. Jahrhunderts, vermutlich zur Zeit des Kaiser Domitian , der die Christen brutal verfolgen ließ, wird in der Offenbarung des Johannes massive Kritik an den römischen Behörden geübt. Allerdings wird auch hier nicht zum Aufstand geraten, sondern dazu aufgefordert, sich dem Staat zu verweigern – nicht durch Rebellion, sondern durch das Martyrium.
Die Gründe, weshalb Paulus und die Urgemeinde sich politisch indifferent verhielten, liegen auf der Hand. Wie schon erwähnt, galten gesellschaftliche Institutionen und Strukturen den Menschen damals als theonom. Man sah sie als von Gott gewollt an, als eine Ordnung, die von Gott eingesetzt war zur Erhaltung der Welt. Deshalb war diese Ordnung grundsätzlich zu respektieren und, wo sie ungerecht erschien, zu erdulden.
Hinzu kommt, dass Denken und Handeln von Paulus und der Urgemeinde bestimmt waren von der Überzeugung der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi und dem damit verbundenen Ende dieses Äons (1. Kor 15, 23 ff). Angesichts dieses apokalyptischen Ereignisses verloren alle weltlichen Dinge für sie an Bedeutung. Immer wieder betont Paulus: Die Tage dieser Welt sind gezählt. Die gegenwärtige Welt wird nicht mehr lange bestehen
(1. Kor 7,29.31). Und er rät, dies bei weit reichenden Entscheidungen zu bedenken, etwa bei der Frage, ob man heiraten solle oder nicht. Ferner ist zu bedenken, dass die christlichen Gemeinden damals eine zahlenmäßig völlig unbedeutende Minderheit in den Städten des römischen Weltreichs darstellten. Zudem rekrutierten sich diese Gemeinden vorwiegend aus Menschen, die den gesellschaftlich niederen Schichten angehörten. Gemeindeglieder aus gesellschaftlich einflussreichen Schichten waren die Ausnahme und dürften sich auf Einzelfälle beschränkt haben.
Es ist nachvollziehbar, dass angesichts dieses Kontextes der Gedanke an eine Auflehnung seitens der Christen gegen missliche, ungerechte gesellschaftliche Strukturen völlig absurd erscheint.

Fazit
Der neutestamentliche Befund ist durchgängig und ziemlich eindeutig: Politisches Engagement seitens der Christen lässt sich, vorsichtig ausgedrückt, vom historischen Jesus und den ersten Zeugen her nicht wirklich zwingend begründen. Wer nun die Forderung aufstellt, Christen hätten sich in der Nachfolge Jesu für eine radikale Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse im Interesse von mehr sozialer Gerechtigkeit und Humanität zu engagieren, notfalls als ultima ratio sogar unter Anwendung von Gewalt, der kann sich hierbei jedenfalls nicht direkt auf den historischen Jesus und / oder die Urgemeinde berufen, sondern allenfalls auf sozialkritische Ansätze in Jesu Verhalten, wie sie oben beschreiben wurden.
Heißt das nun aber im Umkehrschluss, dass Christen und die Kirche insgesamt sich strikt auf die Verkündigung des Evangeliums zu beschränken und sich aus dem Politischen herauszuhalten hätten, wie es von Seiten vorwiegend konservativer Kreise, die etwa in der Tradition des lutherischen Protestantismus (Zwei – Reiche – Lehre) ein politisches Mandat der Kirche vehement bestreiten, immer wieder gefordert wird?
Zu dieser Meinung könnte man in der Tat gelangen, allerdings nur bei ungeschichtlicher Betrachtungsweise der Tradition, wie sie für biblizistische Kreise in unserer Kirche kennzeichnend ist. Diese verkennen die wesenhafte Geschichtlichkeit von Verkündigung und Theologie, wenn sie bei ihrer Auslegung die sozialen und politischen Zeitbedingungen ausblenden, in denen Verkündung damals und heute geschieht.
Der Glaube und seine soziale Gestalt der Nachfolge ist aber zu jeder Zeit je eigene Antwort auf die konkreten Umstände und Herausforderungen der betreffenden Zeit und der jeweiligen Gesellschaft. Bei der Frage, was solch verantwortliche Nachfolge in der Konsequenz des Glaubens konkret bedeutet und erfordert, ist also dieser geschichtliche Kontext stets mit zu bedenken. Glaube und Nachfolge geschehen niemals im luftleeren Raum und deshalb kann auch nicht für alle Zeiten festgelegt werden, wie christlicher Glaube in der Nachfolge Jesu sich konkret zu bewähren habe. Wo dieser Anspruch dennoch erhoben wird, verbunden mit einem Absolutheitsanspruch auf die allein richtige Auslegung, dort ist der Schritt zum Sektierertum nicht mehr weit. Und dort wird dann weder der Bibeltext wirklich ernst genommen werden noch die Menschen, zu denen dieser heute sprechen möchte.

Konsequenzen für christliche Nachfolge heute
Was sind nun aber die grundlegenden Bedingungen unserer heutigen Gesellschaft, innerhalb derer wir Christen durch unser Verhalten und Handeln unsere Antwort als Glaubende zu geben haben?
Es ist offensichtlich, dass diese in vielerlei Hinsicht fundamental andere sind. Einige aus meiner Sicht bedenkenswerte Gesichtspunkte seien hier kurz angedeutet:
1. Wir verstehen (als Folge der Säkularisierung) gesellschaftliche Machtverhältnisse und soziale Strukturen anders als die Menschen früherer Zeit nicht als von Gott gewollt und deshalb auch nicht als unantastbar, sondern als das Ergebnis von Prozessen und Entscheidungen, die durch Menschen etwa bei demokratischen Wahlen oder durch diktatorische Machtausübung hervorgerufen und in der politischen Auseinandersetzung von gesellschaftlichen Gruppen und Interessen konkrete Gestalt gewinnen. Diese Machtverhältnisse sind also von Menschen gemacht, können und müssen kritisch hinterfragt werden, etwa auf ihren Gehalt an Menschenfreundlichkeit und sozialer Gerechtigkeit, und sie können deshalb auch verändert werden. Ja, sie müssen verändert werden, wenn ein Defizit an Recht und Gerechtigkeit offensichtlich ist.
2. Anders als in früheren Zeiten leben wir heute nicht mehr in der Erwartung eines nahen Weltendes, angesichts dessen sozialen, politischen, wirtschaftlichen, ethischen Fragen allenfalls eine untergeordnete Bedeutung zukäme. Wir denken heute in ganz anderen Zeiträumen und setzen zudem Prozesse in Gang, die für das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen auf diesem Globus Jahrtausende lang Auswirkungen haben werden. Dies wird uns in diesen Tagen durch die Atomkatastrophe in Fukushima / Japan erschreckend deutlich vor Augen geführt. Deshalb können und dürfen wir Christen uns diesen Fragen und Problemen nicht entziehen, sondern wir haben in allen gesellschaftlichen Bereichen Verantwortung zu übernehmen, und diese Verantwortung endet erst, wenn der Tag kommt, von dem wir nicht wissen, wann er kommt. „Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, wann euer Herr kommt (Mt 24,42).
3. Diese gesellschaftliche Verantwortung ergibt sich auch aus dem Umstand, dass eine Unterscheidung zwischen Bürgergemeinde und Christengemeinde den tatsächlichen Realitäten unserer christlichen und kirchlichen Existenz in der Gesellschaft nicht gerecht wird. Die Christengemeinde ist Teil der Gesellschaft, auch wenn sich die quantitativen Gewichtsverhältnisse zwischen Christengemeinde und weltanschaulich und religiös anders orientierten Bürgerinnen und Bürgern in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft durch vielerlei Umstände deutlich verschoben haben. Die Kirchen sind trotz dieser Entwicklung ein gesellschaftlicher Machtfaktor geblieben und verhalten sich im Übrigen auch als solcher. Wie anders wäre es sonst zu verstehen und zu rechtfertigen, dass sie in allen Bereichen der Gesellschaft präsent sind, tatkräftig mitwirken und dabei auch ihre eigenen Interessen verfolgen (in der Politik, in den Medien, im Bildungsbereich, im Sozialbereich usw.)?
4. Auch eine Kirche, die unpolitisch und neutral zu sein wünschte und deshalb zu bestimmten gesellschaftlichen Streitfragen schwiege, wäre im Ergebnis politisch, denn sie zementiert mit diesem Verhalten de facto die bestehenden Machtverhältnisse. Wer sich gegen bestehendes Unrecht nicht wehrt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen und mag dann zwar sein Hände in Unschuld zu waschen versuchen, die Mitschuld wird er damit aber nicht los werden können.
5. Wenn wir Jesus Christus ernsthaft als Herrn über unser ganzes Leben bekennen, dann gelten seine Maßstäbe für alle Bereiche unseres Lebens und dann werden Christen eine Eigengesetzlichkeit etwa des Politischen oder Wirtschaftlichen niemals anerkennen können. Dann kann sich Kirche auch nicht darauf berufen, in diesen Bereichen keine Kompetenz zu besitzen, sondern dann wird sie sich diese Kompetenz aneignen müssen, um zu sachgemäßem Urteilen und Handeln befähigt zu sein.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich für mich als Konsequenz zwingend, dass es bleibende Aufgabe jedes einzelnen Christen und der Kirche insgesamt ist, das Evangelium von der Liebe Gottes in Jesus Christus zu verkündigen, dass dieses Evangelium aber immer auch politisch interpretiert werden muss. Ein rein individualistisch–privatistisches Glaubensverständnis verhindert dagegen, dass wir als Christen und Kirche unseren von Jesus her gegebenen Auftrag erfüllen. Das Liebesgebot als Inbegriff dessen, was Jesus seinen Nachfolgern auftrug und seitens der Gesellschaft zu Recht von den Christen erwartet wird, gilt eben nicht nur im Verhältnis von Person zu Person, sondern ebenso im Bereich des Sozialen und Politischen. Dies bedeutet, dass wir als Christen nur dann„Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sind, wenn wir uns aus den Streitfragen des politischen Zusammenlebens nicht raushalten, sondern einmischen und „das rechte Wort zur rechten Zeit“ deutlich hörbar sagen und in schöpferischer Nachfolge entsprechend umsetzen.
Die Bibel bietet uns zwar in der Tat keine direkt anwendbaren Anweisungen für politische Zeitprobleme, für „oben bleiben oder nach unten bauen“. Damit mutet sie uns nun nicht mehr und nicht weniger zu, als dass wir als mündige Menschen die Gabe unseres Verstandes zur Unterscheidung der Geister nutzen. „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr im Innersten von Gott umwandeln. Lasst euch eine neue Gesinnung schenken. Dann könnt ihr erkennen, was Gott von euch will. Ihr wisst dann, was gut und vollkommen ist und was Gott gefällt“ (Römer 12, 2 – nach „Gute Nachricht“).
Allerdings vermittelt uns die Bibel Impulse und Tendenzen, die aufzugreifen und im Blick auf die Streitfragen unserer Zeit zur Geltung zu bringen sind. Dies haben Christinnen und Christen in ihrer „Gemeinsamen Erklärung zu Stuttgart 21“ getan, während die Amtskirche in Gestalt der Kirchenleitung sich in angeblicher Neutralität zu „Stuttgart 21“ ergeht und fast die gesamte aktive Pfarrerschaft sich offensichtlich einen inneren Maulkorb auferlegt und sich auf Sprachlosigkeit und Schweigen, auch zur theologischen „Gemeinsamen Erklärung zu S 21“ ihrer christlichen Schwestern und Brüder, verlegt hat. Wer sich als Theologe (!) so verhält, dem dürfte es schwer fallen, sich des verbreiteten Vorwurfes zu erwehren, die Theologie haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren und das Wort, das die Kirche verkünde, sage nichts mehr und sei bloß frommes Wortgeklingel.
Man bedenke: Vor ihren Augen vollzieht sich seit Monaten eine durch alle gesellschaftliche Schichten gehende demokratische Bürgerbewegung gegen ein politisches Projekt, das die Bürgerschaft spaltet bis hinein in die Familien, und diese Amtskirche hat nicht mehr dazu zu sagen, als dass sie nichts zu sagen habe, da es sich ja lediglich um ein Bahnprojekt handle und es hier um keine Menschenrechtsfragen gehe!
Wen mag es da noch zu wundern, wenn die Gottesdienste inzwischen selbst an den hohen Feiertagen wie dem Karfreitag nur noch spärlich besucht sind und wenn „immer mehr Gläubige mit den Füßen (über ihre Kirche) abstimmen“ (FR „Thema des Tages“ am 21./22. April 2011)?
Mich jedenfalls wundert es nicht.

Wolfgang Schiegg, Pfarrer

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