Brief 5 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

Nachdem wir uns beim letzten Mal mit der Beinahe-Katastrophe zur Zeit der Eröffnungsgottesdienste befasst haben, wollen wir uns diesmal der Frage zuwenden, welche Beiträge aus dem Bereich unserer Landeskirche auf dem Kirchentag gegeben wurden und wie über sie in der kirchlichen Presse berichtet wurde. Dabei soll es vorrangig darum gehen, was das mit unserer Frage „S 21 und der Kirchentag“ zu tun hat.

Unsere Landeskirche betrieb in Hamburg ein „Stuttgarter Gasthaus“, bei dem sie sich und ihre Arbeit vorstellte. Dazu gab es Volksbelustigungsaktionen wie zum Beispiel einen „Schwäbischen Kehrwochenwettbewerb“. Verbunden damit war eine Bühne, auf der Diskussionsveranstaltungen stattfanden, die irgendwie von den württembergischen Vertreterinnen und Vertretern, den „Südsternen“, wie sie sich nannten, organisiert wurden.

Das fand im alten Hamburger Hafenviertel an den Magellan-Brücken statt. Als ein Menetekel aus dem Ruder gelaufener Großprojekte erhob sich im Hintergrund die Elbphilharmonie und gab auch schon damit ein Thema vor.

Was hat das Gemeindeglied, das nicht in Hamburg dabei war, etwa aus dem Evangelischen Gemeindeblatt über die Aktivitäten seiner Landeskirche in Hamburg erfahren?

Es war davon zu lesen, dass eine württembergische Pfarrermannschaft beim Fußballwettbewerb „popen open“ den 1. Preis gewonnen habe. Dann wurde fleißig berichtet von dem „Schwäbischen Kehrwochenwettbewerb“. Dabei ging darum, wer die Straße am besten fegt oder so. Das war`s dann, was zu lesen war. Von inhaltlichen Beiträgen, von einer Verkündigung des Wortes Gottes aus württembergischem Mund, von wegweisenden Worten württembergischer Theologie war absolut nichts zu erfahren. Es wurde der Eindruck erweckt, dass außer banalen Volksbelustigungsversuchen nichts in dieser Landeskirche geboten werde. Es wurde der Eindruck erweckt, dass die wesentlichen Kompetenzen württembergischer Theologenschaft in ihren Waden stecke und nicht in ihren Hirnen.

Fazit: Eine Kirche, die ihre Arbeit selbst banalisiert, schafft sich selbst ab. Wozu soll ein Kirchentag noch sinnvoll sein, wen auf ihm auf die drängenden Fragen der Zeit keine biblisch fundierten Antworten gesucht werden?

Gott sei Dank stimmte der Eindruck, den die württembergische Kirchenpresse erweckte, nicht. Württembergische Theologen haben auf dem Kirchentag Stellung bezogen, auch zu Stuttgart 21. Wirklich bemerkenswert waren die Äußerungen des Stuttgarter Prälaten Mack, der sich an einer Diskussionsrunde zur Stadtentwicklung beteiligte. Ausgehend von der Auslegung der Jahreslosung „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondernd die zukünftige suchen wir.“ wandte er sich gegen die Vernutzung der Innenstädte für Luxuswohnungen und Shopping. Er forderte eine bürgerschaftliche Stadt, in der sozial schwächere Menschen und kinderreiche Familien ihren Platz haben und nicht verdrängt werden. Mit scharfen Worten wandte er sich gegen den Abriss einer Kirche im Zusammenhang mit dem Bau des Shoppingcenters im Gerber-Viertel und fand dann noch Worte zu Stuttgart 21. Oder besser gesagt zu der politischen Durchsetzung und Durchführung des Projekts. Dies kommentierte er mit den Worten „So geht’s gar nicht.“

Seine Worte riefen nicht nur in der Versammlung, sondern auch bei den Stadtplanern und Architekten auf dem Forum große Zustimmung hervor. Sie wurden als wegweisend für den Städtebau anerkannt und eine Fehlentwicklung des Städtebaus in Richtung Kommerzialisierung der Innenstädte bedauert.

Es war geradezu ein Bußruf von Prälat Mack an den Städtebau, nicht für Kaptalinteressen, sondern für die Menschen die Städte zu entwickeln – und das aus der Auslegung des biblischen Wortes heraus. Das war ein Lehrstück politischer Predigt und wäre es wert gewesen, in den Verlautbarungen unserer Landeskirche veröffentlicht zu werden.

Nun, war das nicht alles, was Württemberger in Hamburg gesagt haben. Mit einer eigenen Veranstaltung zum Widerstand gegen Rechtsextremismus und Stuttgart 21 soll sich der nächste Brief befassen.

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6 Antworten zu “Brief 5 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

  1. Ruth Gisela Evers

    Im Vorfeld des Stuttgarter Kirchentages 2015 hatte ich Herrn Landesbischof Dr. Otfried July um einen Gesprächstermin gebeten. Ich kündigte an, ihm persönlich einen wichtigen Satz sagen zu wollen. Das Gespräch fand dann am 14. August tatsächlich in der Gänsheidestr. 4 statt, und zwar im Büro von Herrn Dr. July, aber mit Herrn Kirchenrat Eberhardt, der mir erfreulich viel Zeit widmete. Und das war der Satz:
    „WIR SOLLTEN NACH 2000 JAHREN ENDLICH DEN HEILAND VOM KREUZ HERUNTERNEHMEN!“
    Herr Eberhardt war zwar nicht meiner Meinung und begründete dies auch fundiert theologisch. Aber während der 1 1/2 Stunden hing mein Blick an einem wundervollen Kunstwerk an der Wand in seinem Rücken: Ein der Länge nach geborstenes Kreuz, und davor stand Jesus im langen Gewand mit segnend ausgebreiteten Armen.
    Eine schönere Antwort hätte ich gar nicht bekommen können, und dafür bin ich unendlich dankbar.
    Ruth Gisela Evers

  2. Zur Einweihung des Gerber liest man in der Zeitung: :
    „Und auch der göttliche Segen für den weltlichen Konsumtempel wurde erteilt.“
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.einkaufszentrum-in-stuttgart-das-gerber-ist-eroeffnet.f2005373-cddd-4e9d-9054-b0d0a7f6470d.html


    Die Mitwirkung bei solchen Veranstaltungen wird immer als kritiklose Zustimmung ausgelegt. Will man das? Es sieht einfach so aus, als würden ‚die Pfarrer‘ einfach ‚auf Bestellung‘ bei solchen Veranstaltungen mitmachen, egal, was an Bedenken zu sagen wäre.
    Dadurch, daß man als Kirche in Stuttgart sich hier öffentlichkeitswirksam bei der Einweihung eines häßlichen, unnötigen Einkaufszentrums beteiligt,
    nimmt man quasi dieses Gebäudes, seinen Entstehungsprozess, sein Menschenbild hin, statt ihm die Anerkennung zu entziehen.
    Chance vertan.

  3. Guten Tag in die „Runde“
    nachhaltige Entwicklung bedeutet auch „Bewahrung der Schöpfung“
    Was Ihr den Geringsten unter uns getan habt. Das habt Ihr mir getan.Von Jesus . Es wird Zeit , dass wir uns vom Leitspruch „Macht Euch die Erde untertan“ verabschieden . Das hat viel Unheil auf die Erde gebracht.

  4. „Wozu soll ein Kirchentag noch sinnvoll sein, wenn auf ihm auf die drängenden Fragen der Zeit keine biblisch fundierten Antworten gesucht werden?“ (Zitat)

    Wer legt fest, was die drängenden Fragen der Zeit sind? Für Chefs von Pharmakonzernen oder global agierenden Logistikdienstleistern stehen vielleicht andere Fragen im Vordergrund als für Stuttgarter Bürger und Architekten, die ein Einkaufszentrum doof finden.
    Da muß man eben sehen als Kirche, wo man die Prioritäten setzt.

    Biblisch fundierte Antworten suchen? Joh 2, 14-16 zur Frage des Einkaufszentrums.

  5. Wie sehr muß man hier eigentlich provozieren, bis man eine Reaktion erhält? Oder stimmen alle Leserinnen und Leser komplett zu?

    Anders gesagt, ich hätte Lust auf eine anregende, sachliche, kontroverse Diskussion.

  6. Das muss ich gerade noch loswerden: Soeben war ich auf der Seite http://www.elk-wue.de/reformation-und-politik
    Ich schaute mal durch, ob von den S-21-Gegnern/innen da auch jemand zu Wort kommt. Naja: Brigitte Lösch – immerhin. Sonst habe ich niemanden erkannt. Jemand prominentes aus der Anti-S 21-Bewegung hätte man da sicher anfragen können. Da wäre es um die aktuelle Einmischung von Christen/innen in einer zentralen Frage gegangen.

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