„Im TINA-Dogma (There is no alternative) lebt das Erbsünden-Dogma weiter“

Wie wir seit Max Weber wissen und durch Folgestudien immer wieder bestätigt bekamen, dauern auch in unserer (scheinbar) säkularen Welt die konfessionellen Prägungen fort – unbewusst, ähnlich wie das, was die Psychologie beim Individuum als „Muster“ bezeichnet. (Dieser Vergleich mit der Psychologie beruht nicht auf Weber, sondern ist meine Schlussfolgerung.)
Als wichtigste dieser Prägungen benennt Weber die Askese. Sie beinhaltet den Verzicht auf persönlichen Gewinn zugunsten einer (Aufbau-) Leistung für andere bzw. für das Ganze.
Nachdem im Mittelalter Klöster Pionieren vorindustrieller Technik waren, Land urbar machten, ertragreiche Tier- und Pflanzensorten züchteten, Schulen und Krankenhäuser errichteten, wurden sie nach Renaissance und Reformation immer mehr durch private Unternehmen abgelöst. Zugleich wandeltete sich die mönchische zur innerweltlichen Askese. Aus den „evangelischen“ (d.h. der Bergpredigt und anderen Evangeliumstexten zu entnehmenden) „Räten“ Armut, Keuschheit und Gehorsam wurden „Investieren und sich jeden Pfennig vom Munde absparen“, „keine Zeit für Familie und Vergnügen“ und „sich der Firmenhierarchie und den Gesetzen des Marktes unterordnen“: die drei Tugenden des Geschäftsmanns, letztlich aber jedes in Wirtschaft und Arbeitswelt stehenden Menschen.
Die christliche Askese ging nahtlos in den säkularen Zwang zu Wachstum und Investition über. Hörbar ist das an politischen Stereotypen: „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“. Auch am Vorwurf: „Wir haben zu gut gelebt“ einschließlich betroffenes Köpfesenken bei den Angesprochenen. Hier geht weiter, was jahrhundertelang von den Kanzeln ertönte, nunmehr scheinbar areligiös und rational. Im TINA-Dogma (Maggie Thatcher: There is no alternative) lebt das westkirchliche Erbsünden-Dogma weiter: Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen (Lazarus Spengler EKG 243, im heutigen evangelischen Gesangbuch weggefallen); daher ist nur eine persönliche Seelenrettung im Jenseits möglich bzw. ein Weltende durch Gottes Eingriff, aber keine innerweltliche, innergeschichtliche Entwicklung zum Heil, wie das Bibel, alte Kirche, Ostkirche und viele zu „Ketzern“ (= „rein“!) Abgestempelte glaubten.

In der Welt heutiger Industrienationen ist die „Askese-für-das-Wachstum“ längst zum Ziel gekommen: Anders als vor der Industrialisierung oder gar in der Antike bestehen ausreichend Lebensgrundlagen für alle. Dies führt zu einer Rückkoppelung auch auf kulturell-geistiger Ebene, dem sog. „Wertewandel“, von dem sich auch die Kirche getroffen fühlt: Die Menschen müssen sich weniger schinden und unterordnen.
Doch warum kommt in den Ländern der Welt, die längst alles haben, das Wachstum nicht zum Stillstand? Warum werden Kapital und Ressourcen magnetisch dort angezogen, wo objektiv kein Wachstumszwang mehr bestehen dürfte? Warum fließen Kapital und Ressourcen nicht stattdessen massenhaft in die „Dritte Welt“, um dort zu helfen, menschenwürdige Lebensbedingungen aufzubauen?
Antwort: Der Wachstumszwang wird künstlich erzeugt. Das Hauptinstrument ist das Nichtzulassen einer selbstgesteuerten Entwicklung zur „ökologisch-sozialen Marktwirtschaft“. Stattdessen wird die Arbeits-Sachkostenschere aufrechterhalten, d.h. der Zwang, Lohn und Einkommen der Beschäftigten ausschließlich durch Tariflohn zu beziehen und nicht etwa daneben ein zweites Standbein in Form eines aus Öko- und Kapitalsteuern finanzierten dynamisch wachsenden Grundeinkommens zuzulassen. Durch die in Relation zu Energie- und Kapitalkosten steigenden Arbeitskosten werden getätigte Investitionen oft schon nach wenigen Jahren wieder entwertet. Der Automatisierungs-Druck resultiert aus einer Hurrikan-, Überschwemmungs- oder Bombenteppich-ähnlichen Vernichtung von Sachwerten in Höhe von jährlich mehreren hundert Milliarden Euro bzw. Dollar.
Nicht zu vernachlässigen ist die zusätzliche staatlich bedingte Verbilligung von Kapital (Investitionsanreize) und Energie (Ökosteuer-Ausnahmen für Großverbraucher; Steuernachlass auf Diesel und Kerosin) sowie Arbeitskostenverteuerung (Pflegeversicherung).
Außerdem sind es staatliche Mega-Projekte, die mit dazu beitragen, die Nachfrage nach Kapital und damit das Zinsniveau mit aller Macht hochzustemmen – auf Kosten der Menschen, der Umwelt und des sozialen Friedens. Hierzu gehört auch Stuttgart 21.

Die großen Kirchen in Deutschland haben sich 1997 ökumenisch-einmütig für die Umsteuerung in eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft ausgesprochen. Danach ist jenes zu Recht hochgelobte „gemeinsame Sozialwort“ offenbar wieder in den Schubladen verschwunden, jedenfalls wurde es bei keiner weiteren Stellungnahme zu sozialpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, ja nicht einmal von neueren Denkschriften zum Thema auch nur erwähnt, geschweige denn, dass man die 1997 benannten Grundsätze für die aktuelle politische Argumentation jemals genutzt hätte.
Der unausgesprochene Grund: Eine Umsteuerung in eine ökologische Wirtschaft würde zur stetigen Erhöhung indirekter Steuern (auf Rohstoffe, v.a. Energieträger und auf Sachkapital) und zum allmählichen Sinken und Verschwinden der herkömmlichen Lohn- und Einkommensteuer führen. Davon wären auch die Kirchensteuern betroffen. Nur eine Umstellung auf Mitgliederbeiträge oder Kultsteuern (wie in Italien oder Spanien: Zuweisung eines Proporz-Anteils am Gesamtsteueraufkommen) könnte die Kirchenfinanzierung in Zukunft sichern. Das will aber keiner der Bischöfe.
Ebenso wie vor dem Umsteuern scheuen die Kirchenleitungen vor dem Umdenken zurück: in aller Deutlichkeit (und vielleicht sogar Feierlichkeit) zu erklären, dass die patriarchalen, asketischen und die Erbsünde untermauernden Botschaften, so sehr sie in der Vergangenheit Not-wendig waren, heute ihr Ziel erreicht haben, überflüssig geworden sind, ja geradezu lebensgefährlich.
Stattdessen wird distanziert vom „Kapitalismus“ gesprochen, so als ob er das Problem der bösen anderen sei und als ob die Kirche nicht Teil, ja sogar der Kern des Problems wäre, weil sie einst (zu Recht) die geistig-kulturellen Grundlagen für Wachsen und Investieren, für Verzichten um einer besseren Zukunft willen geschaffen hätte.
Diese Zukunft ist uns nur sicher, wenn wir sofort von Verzichten, Säen, Ackern auf Ernten und Genießen umstellen und Stück für Stück die Verheißungen Jesu und der Propheten Wirklichkeit werden lassen.

Pfarrer Dr. Ulrich Schneider-Wedding

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2 Antworten zu “„Im TINA-Dogma (There is no alternative) lebt das Erbsünden-Dogma weiter“

  1. Eckard Berlin, 71404 Korb

    Die Nacht der Parkräumung!
    Am 14./15. verbrachten meine Frau und ich 13 Stunden im Schlossgarten.
    Ich hatte am 13.02. noch einen Brief an Kretschmann geschrieben(er kann über meine E-Mailadresse abgerufen werden), in dem ich ihn aufforderte, sich zu seinem Herzen, seinem Gemüt und die daraus entstehende Vernunft zu bekennen.
    Ich hatte die Vision, dass Kretschmann inkognito in den Park käme, und den überraschten Parkschützern erklärte, er sei als Privatmann hier und nicht als Ministerpräsident. Denn als Ministerpräsident sei er neben seinem Amt, wo er auf die Einhaltung der Gesetze achten müsse, auch Privatmann und dem Grundgesetz verpflichtet.
    Dort sei die Gewissensfreiheit für jeden Bürger festgeschrieben, auf die er sich hier berufe.
    Als grünes Parteimitglied und Christ sei ihm im Gespräch mit seiner Frau klar geworden, er könne mit dieser Unterstützung hier als Parkschützer seinem Herzen und seinem Gewissen folgen.
    Er wisse noch nicht, ob er sich heraustragen lasse, oder nach Aufruf freiwillig gehe.
    Er würde ja sonst ähnlich wie Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld waschen. Denn der hätte ja auch nur die Gesetzeslage zur Entscheidung in Anspruch genommen. Der sei danach bis heute verachtet worden. Das hätte ihm zu denken gegeben.
    Leider ist er meinem Aufruf nicht gefolgt. Er hat die grüne Idee und sein Christentum, auf das er seinen Eid abgelegt hat, verraten. Wenn er den Schritt gewagt hätte, wäre nach einigem Tumult sein Ansehen doch so gestiegen, dass er als Landesvater in Frieden seine Tage hätte verbringen können.
    Natürlich weiß ich, dass für einen solchen Akt eine demütige Selbstbetrachtung notwendig ist. Dieses ist aber schwer zu erreichen, wenn man auf die Lobreden der ihn umgebenden geistig toten Menschen hört, und sein Herz und Gemüt in seiner Wichtigkeit leicht verdrängt.
    Danke allen Parkschützern, den Musikern und Durchhaltern, die diese gemacht haben, das die Kälte vergessen ließ.
    Herr Schneider-Wedding, ich bezweifle, daß Herr Ministerpräsident Kretschmann die Tiefe Ihres Artikels begreift.
    Eckard Berlin

  2. Sehr geehrter Herr Berlin,

    leider folgen Sie offenbar auch nur Ihrer geistigen Umgebung und lassen es an einer demütigen Selbstbetrachtung fehlen.

    Wer oder was autorisiert Sie denn, andere als geistig tot abzustempeln?

    Wie kommen Sie denn zur Gewissheit, dass Kretschmann als Landesvater in Frieden seine Tage hätte verbringen können, wenn er sich den sogenannten Parkschützern angeschlossen hätte.

    Damit räumen Sie ja ein, dass die Andersdenkenden, so z.B. die Projektbefürworter, tolerant genug sind, auch andere Meinungen zu akzeptieren, man jedoch dann nicht in Frieden leben kann, wenn man eine andere Auffassung vertritt, als die sogenannten Parkschützer.

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