Der Evangelische Oberkirchenrat in Stuttgart und die biblische Weisung zu Stuttgart 21

Wie von Betroffenen zu erfahren war,  schreibt Prälat Mack (Stuttgart) „als Kirchenleitung“ in seinem vervielfältigten Rundbrief zu Neujahr 2011  unter der Überschrift  „Stuttgart 21“:   „ In der Bibel finden wir keine konkrete Weisung für oben bleiben oder nach unten bauen“.

Das Problem der  „Pränatalen Implantationsdiagnostik“ (PID) z. B.  kommt in der Bibel auch nicht direkt vor, dennoch finden Christen in dieser Frage Weisung aus dem biblischen Menschenbild. Die Verheißung Jesu, „Suchet, so werdet ihr finden“ (Mt 7,7), gilt ja sicher nicht zuletzt für die Suche nach Weisung in der Bibel. So entsteht die Frage: Haben Prälat Mack und die  anderen Mitglieder der Kirchenleitung  wirklich genügend gesucht nach biblischer „Weisung für oben bleiben oder unten bauen“?

Auch die Frage, wie hoch der Hartz IV-Satz sein muss oder wie hoch die Managergehälter in der Finanzindustrie sein dürfen, kann sicher nicht auf Euro und Cent aus der Bibel abgeleitet werden. Dennoch hat unsere württembergische Landessynode am 16. Juli 2010 zu dem Problemfeld „Reichtum braucht ein Maß, Armut eine Grenze“ aus biblischen Erwägungen einige „Herausforderungen zum Handeln“ abgeleitet. Unter Abschnitt 1 ist dort zu lesen:

„Das heutige globale Wirtschaftssystem folgt überwiegend dem Leitbild des  homo oeconomicus, der in seinem  wirtschaftlichen Handeln den eigenen Vorteil verfolgt. Die negative Seite davon ist ein unregulierter, ruinöser Wettbewerb, der Milliarden Menschen ausgrenzt und die uns anvertrauten Schätze der Natur rücksichtslos ausbeutet. Wir ermutigen dazu, die Bibel auf diesem Hintergrund neu zu lesen. Sie ruft zur Umkehr auf.“

Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass christliche Parkschützer aus dem Auftrag der biblischen Schöpfungsbewahrung (1. Mose 2,15) die Weisung erhalten, sich schützend vor die Tiere und Pflanzen im Park zu stellen und gegen das Projekt Stuttgart 21 zu kämpfen, das getragen wird von einem Wirtschaftssystem, welches – wie die Synode trefflich formuliert – „die uns anvertrauten Schätze der Natur rücksichtslos ausbeutet“, ja zerstört?

Ist es wirklich so schwer, in den rücksichtslosen Lobbyisten von Stuttgart 21 „das heutige globale Wirtschaftssystem“ wieder zu erkennen, von dem die Synode spricht und das „den eigenen Vorteil verfolgt“, nicht das Gemeinwohl? Wer das Gemeinwohl sucht, macht den Stresstest vor dem Planfeststellungsverfahren, nicht nach dem Baubeginn.

Ist es wirklich so schwer, in dem am 30. September 2010 brutal verfochtenen Projekt Stuttgart dieses Wirtschaftssystem am Werk zu sehen, von dem die Synode sagt, dass es in „unregulierter, ruinöser“ Weise „Menschen ausgrenzt“? Am 30.9. war die Polizeigewalt unreguliert, weil sie sich nicht mehr an die Regeln der Verhältnismäßigkeit gehalten hat. Sie war ruinös für die Gesundheit der Opfer. Sie hat die Menschen mit ihren legitimen Interessen ausgegrenzt.

Prälat Mack zitiert Gesprächpartner, die nicht verstehen wollen, warum es bei Stuttgart 21 „um letzte Dinge, um Sein oder Nichtsein“ geht. Die Synode befasst sich mit diesem verhängnisvollen Wirtschaftssystem, weil dieses aus den von der Synode genannten vielfältigen biblischen Gründen eine zentrale Herausforderung für die gegenwärtige Christenheit darstellt.

Prälat Mack schreibt von der „Verunsicherung durch die Krisen der letzten Jahre“. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise ist von identifizierbaren Akteuren gemacht, die das von der Synode genannte Wirtschaftssystem am Laufen halten. Diese Akteure waren nach 1929 gezielt eingeschränkt worden und wurden in den letzten 40 Jahren Schritt für Schritt wieder befreit, um ihr zerstörerisches Werk neu treiben zu können. Sie sind nicht schicksalhaft. Es ist eine Frage der politischen Entscheidung, sie wieder zu bändigen wie nach 1929.

Prälat Mack schreibt von der „Ohnmacht gegenüber globalen Problemen“. Wir sind nicht ohnmächtig, wenn wir hartnäckig die Tobinsteuer fordern, die den Hunger in der Welt tatsächlich überwinden kann. Die Synode erinnert uns daran, dass Jesus uns in dieser Frage vor eine  Entscheidung stellt (Mt 25, 31-46).

Die Synode hat am 16. Juli 2010 einen guten Anfang gemacht. Prälat Mack schreibt, in der Stuttgarter Stiftskirche sei „um Weisheit und Besonnenheit für alle Beteiligten“ gebetet worden. Vielleicht sollte in der Stiftskirche noch mehr um die Geistesgabe der „Scheidung der Geister“ (1. Kor. 12,10) gebetet werden, damit auch Kirchen leitende Persönlichkeiten wie Prälat Mack die „Zeichen der Zeit“ erkennen (Mt 16,3). Vor allem aber wäre zu wünschen, dass Prälat Mack und die Mitglieder der Kirchenleitung, die bisher keine biblische Weisung zu Stuttgart 21 gefunden haben, sich von der Synode ermutigen lassen,  auf dem Hintergrund des heutigen globalen Wirtschaftssystems die Bibel „neu zu lesen“ und dabei „Herausforderungen zum Handeln“ zu finden.

 

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