Der bischöfliche Weihnachtsfriede und Geißlers Schlichtung

Landesbischof July hat sich an Heiligabend 2010 im Rahmen der Verkündung des weihnachtlichen Friedens auch auf die Schlichtung von Heiner Geißler bezogen. Einige wollen ihn so verstehen, dass wir evangelischen Christen nun diese Schlichtung als Befriedung des Streits um Stuttgart 21 annehmen sollten.

Die Predigt von Landesbischof July gibt das genau so zwar nicht her, er beugt aber diesem Verständnis seiner Worte auch nicht vor. Wenn ein Bischof mehrdeutig bleibt, muss das Kirchenvolk einer Kirche des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen selbst nach Eindeutigkeit suchen.

Die Christenheit hat sich von Beginn an abgrenzen müssen von der herrschenden Friedensvorstellung der Zeit Jesu, dem so genannten „Römischen Frieden“, der besagt: „Wenn du Frieden willst, trag Krieg ins Land“. Dies war das Motto der römischen Kaiser, die durch militärische Unterwerfung Frieden schaffen wollten. Deshalb verweigerten die Christen 3 Jahrhunderte lang den Kriegsdienst. Nachdem das Christentum Staatsreligion im römischen Reich geworden war, lernten die Christen nach den Bedingungen des „gerechten Kriegs“ zu fragen, die den jeweiligen Machthaber erlaubten, durch Krieg Frieden zu stiften. Der Polizeieinsatz am 30. September 2010 im Stuttgarter Schlossgarten atmet noch diese Friedensvorstellung.

Seit einigen Jahrzehnten befreit sich die Weltchristenheit von der Fragestellung des gerechten Kriegs und lernt nach dem „gerechten Frieden“ zu fragen. Geißlers Schlichtung wirkte für viele so, als würde sie zu einem solchen gerechten Frieden führen. Aber ein gerechter Friede braucht Mediation, einen gerechten Interessenausgleich. Eine Mediation zu S21 hätte also zunächst die Interessen der gegnerischen Parteien erheben müssen, die Profitinteressen der Projektgewinnler einerseits und die Interessen der Projektgegner nach vielfältigen und bequemen Umsteigemöglichkeiten sowie Erhaltung des Schlossparks und der Mineralquellen andererseits. Ein möglicher Kompromiss wäre dann gewesen, über dem Klettplatz eine Hochbahn wie einen Durchgangsbahnhof zu bauen, aber mit 16 Prellböcken in der Mitte und barrierefreiem Zugang zu allen Gleisen, ganz außen wären zwei Durchgangsstrecken möglich gewesen. Die Befürworter hätten ihre Profite und ihr Durchgangsgleis Paris-Bratislava gehabt, die Fahrgäste ihren Komfort, die Parkschützer ihren Park, die Mineralquellenschützer ihr Mineralwasser und der Finanzminister noch Geld für Kindergärten.

Bei Geißlers Schlichtung entsteht nur ein römischer Friede, bei dem die Machthaber siegen. Geißlers entscheidendes Schlichtungsargument für S 21, dass K 21 nicht geplant und finanziert ist, stammt nicht aus der Schlichtung, das wusste man vorher schon. Nach Geißlers Aussage haben fünf  Machthaber S 21 vor langer Zeit einsam beschlossen. Nach dem neuesten Gesetzesvorschlag des Bundesinnenministeriums soll es in das Belieben von Behördenvertretern stellt werden, ob Großprojekte im Planfeststellungsverfahren mit der Bevölkerung erörtert werden. So entsteht kein gerechter Friede.

Auch bei einer Mediation zwischen den Projektgewinnlern und den Gegnern von S21 muss natürlich gefragt werden, ob die Interessen der Profiteure von der Mehrheit des Volks als legitim eingestuft werden. Aus christlicher Sicht muss festgehalten werden, dass Jesus z.B. zwischen dem Ausbeuter und Betrüger Zachäus und dem Volk keine Mediation versucht, etwa durch kleine Steuererleichterungen. Durch die Heimsuchung Jesu gibt Zachäus sein ausbeuterisches und betrügerisches Verhalten auf. Dadurch widerfährt sowohl dem ausgebeuteten und betrogenen Volk als auch dem Ausbeuter und Betrüger selbst Heil (Lk 19, 1-10). Das ist der Friede, den Jesus bringt. Die Verkündung dieses Friedens dürfen Christen von einem christlichen Bischof an Heiligabend erwarten.

Pfr. i. R. Friedrich Gehring, Backnang

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3 Antworten zu “Der bischöfliche Weihnachtsfriede und Geißlers Schlichtung

  1. Hartmann Doerry

    Ein Stollen für Stuttgart

    Im Dezember 2011 oder 2012 oder 2017 stockt plötzlich auf seiner Fahrt durch die Welt der Schlitten des Weihnachtsmannes.
    Dieser erwacht und blickt in einen riesigen, zerklüfteten Abgrund. In
    der Ferne gegenüber sieht er eine weitere Abbruchkante, darauf eine Ruine mit Turm. „Sind wir am Grand Canyon?“ fragt er den Leitelch.
    Der schüttelt traurig den Kopf.
    Ein blinder alter Mann hockt neben dem Schlitten im Geröll auf einem
    toten Baumstumpf und lauscht in die gespenstische Tiefe. Den fragt der Weihnachtsmann: „Wo sind wir? Was ist hier los?“
    Der Alte antwortet matt aber zuversichtlich:
    „Hier bauen unsere Regierenden und ihre Freunde unseren neuen
    Stuttgarter Bahnhof; und in 10 oder 20 Jahren sind dann hier alle Züge schnell und pünktlich, das Reisen billig und superbequem, die Stadt Stuttgart endlich schön und weltberühmt und alle Menschen in Stuttgart und im ganzen Land reich und glücklich!“

    Da schenkt ihm der Weihnachtsmann von dankbarer Freude erfüllt einen Weihnachtsstollen in Goldpapier und sagt im Weiterfahren:
    „Für dich, du braver blinder Schwabe: Der Stollen für den letzten
    Stuttgarter, der noch an den Weihnachtsmann glaubt!“

    (Geschaut im Januar 2011 von Hartmann Doerry, Tübingen)

  2. Martin Poguntke

    sehr nett! vielen Dank!

  3. Werner Scheffler

    Leider hat das Wort Stollen ja zwei Bedeutungen: Den leckeren Stollen mit Puderzucker oben drauf, und den dunklen Stollen durch den Berg. Auf Letzteren verzichten wir gerne!

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