Briefwechsel mit der Kirchentagsleitung

Sehr geehrte Frau X,
sehr geehrte Damen und Herren von der Fuldaer Kirchentagsleitung!
Bevor Sie sich vornehmen, klug zu werden, würde ich von Ihnen erwarten und fordere Sie hiermit dringend auf, zuerst einmal ehrlich zu werden. Zu sich selbst und besonders gegenüber den Kirchentagsgästen, die sich auf Ihrer Homepage über den Stuttgarter Kirchentag informieren. Jedes Mal, wenn ich einen Newsletter erhalte, schaue ich, ob darin endlich mal etwas zu lesen ist über den Zustand der Stadt, in der der Kirchentag in einem Jahr stattfinden soll. Da ist nichts zu lesen. Dann schaue ich auf die Homepage. Auch hier das gleiche Bild. Kein Wort darüber, dass die Stadt eine Baustellenwüste ist, in der die öffentlichen Verkehrsmittel an keinem einzigen Tag pünktlich verkehren. Kein Wort über tägliche Staus, Feinstaubrekorde wie in keiner anderen deutschen Stadt, Dreck und Lärm. Kein Wort über die Umwege, die sowohl Autofahrer als auch Fußgänger und Radfahrer wegen der unzähligen Baustellen in Kauf nehmen müssen. Anstelle dessen zeichnen Sie auf Ihrer Homepage das Bild einer Stadt, in welcher der Kirchentag völlig unproblematisch stattfinden kann. In der alles zum Besten bestellt ist. In der es genügend Veranstaltungsorte gibt, die gut zu erreichen sind. In der man bequem und angenehm „ohne Ampeln“ durch „das grüne Band des Schlossgartens“ von einem zum andern Veranstaltungszentrum gelangen kann, egal ob zu Fuß oder mit dem Rad. Ihr bewusstes, totales Verschweigen der besonderen Umstände in Stuttgart trotz besseren Wissens kann ich nicht anders als eine Lüge und einen Betrug gegenüber den Menschen ansehen, die sich auf einen schönen Kirchentag in Stuttgart freuen. Ich fordere Sie noch einmal eindringlich auf, auf Ihrer Homepage die derzeitige Situation in Stuttgart darzustellen. Diese wird sich in einem Jahr mit Sicherheit nicht besser, sondern noch schlechter darstellen. Mit freundlichem Gruß Y

22.7.2014

 

Sehr geehrter Herr Y,

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir können Ihre Sorgen verstehen und möchten Ihnen Ihre Fragen gerne beantworten.

Großveranstaltungen wie der Kirchentag mit seinen 100.000 Dauerteilnehmenden und über 2.000 Veranstaltungen sind in jeder Stadt immer eine logistische Herausforderung. Sie haben Recht damit, dass der Kirchentag in Stuttgart viele Baustellen in Kauf nehmen muss und Lösungen finden muss, die einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung sicherstellen. Daran wird gearbeitet.

Gemeinsam mit Behörden der Landeshauptstadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg, sowie der Deutschen Bahn und den Verkehrsbetrieben des VVS, bereitet sich der Deutsche Evangelische Kirchentag auf diese Herausforderung vor. Die Baumaßnahmen zu „Stuttgart 21“ stellen nach Ansicht aller Beteiligten keinen Grund dar, an der Vorbereitung und Durchführung eines gelingenden Kirchentages vom 3. bis 7. Juni 2015 zu zweifeln.

Jeden Tag besuchen 240.000 Bahnreisende den Stuttgarter Hbf; die S-Bahn Stuttgart befördert täglich bis zu 375.000 Reisende. Die Deutsche Bahn stellt auch während des Kirchentages einen leistungsfähigen Bahnbetrieb sicher.

Auch die SSB haben dem Kirchentag versichert, dass der Kirchentag fest in den Bauzeitenplänen der Haltestellen eingeplant ist und eine Streckensperrung erst nach dem Kirchentag erfolgen wird.

Die Teilnehmenden des Kirchentages werden rechtzeitig über Einschränkungen und Wegeführungen informiert werden. Allerdings wird dies zu einem Zeitpunkt geschehen, wenn die Beteiligten Kenntnis über den Bauzustand haben, der im Juni 2015 vorzufinden sein wird. Solange bitte ich Sie höflichst um Geduld und hoffe Sie freuen sich mit uns auf den Kirchentag in Stuttgart.

Mit freundlichen Grüßen, Z Abteilung Infrastruktur 23.7.2014

 

Sehr geehrte Frau Z,
für Ihre Antwortmail danke ich Ihnen. Ich möchte kurz auf Ihre Ausführungen eingehen, die zum einen, in dem mir wesentlichen Punkt, mein Anliegen ignorieren und zum anderen meine Befürchtungen nicht aus der Welt schaffen können. 1. Der mir wesentliche Punkt war die – nicht nur unter Christen, da aber mit zwingendem Grund – gebotene Ehrlichkeit gegenüber den Kirchentagsgästen. Diese haben ein Recht darauf, nicht „rechtzeitig“, sondern möglichst frühzeitig über den Zustand der Stadt, in der der Kirchentag stattfinden soll, informiert zu werden. Und die Kirchentagsleitung hat die Pflicht, diese zu informieren. Deshalb kann es nicht angehen, dass Sie diesen Zustand der Stadt auf Ihrer Homepage nicht nur verschweigen, sondern wissentlich ein Bild zeichnen, das nicht der Wahrheit entspricht. Es ging mir nicht um das Problem der schwierigen Wegeführungen und Einschränkungen, die auf die Gäste zukommen werden, sondern um Ehrlichkeit und Transparenz. Deshalb habe ich meine Mail auch nicht an Sie als der für die Infrastruktur in Stuttgart zuständigen Person geschickt, sondern an die Generalsekretärin Frau Ueberschär. Ich möchte Sie, sehr geehrte Frau Z, bitten, mir den Namen der Person mitzuteilen, die für das verantwortlich zeichnet, was auf der Homepage des DEKT veröffentlicht wird. Dann kann ich mich mit meinem Anliegen direkt an die zuständige Person wenden. 2. Ihre Zusicherung, dass die Baumaßnahmen zu „Stuttgart 21“ nach Ansicht aller Beteiligten keinen Grund darstellten, an der Vorbereitung und Durchführung eines gelingenden Kirchentags zu zweifeln, klingt mir sehr nach dem berühmten „Rufen im Walde“. Sie dient der Selbstberuhigung und kann deshalb meine Befürchtungen, dass der Kirchentag auf Grund der vielen Baustellen, Behinderungen, Umwege, Verspätungen und so weiter für viele Gäste zum Ärgernis werden wird, nicht aus der Welt schaffen. Dies ist umso mehr der Fall, wenn diese irgendwann, eben dann, wenn Sie es für „rechtzeitig“ halten, darüber informiert werden. 3. Und zuletzt noch eine Frage: wer bezahlt eigentlich die Mehrkosten, die durch die wegen des Kirchentags verursachte Bauverzögerung (im Bereich Staatsgalerie / Charlottenplatz / Gebhard – Müller – Platz) zustande kommen? Sie erwähnen ja die Streckensperrung, die extra auf einen Zeitpunkt nach dem Kirchentag verschoben wird. Ich bitte Sie, sich kundig zu machen und mir das mitzuteilen. In Erwartung Ihrer Antwort grüße ich Sie freundlich!
Y
24.7.2014

 

Sehr geehrter Herr Y,

noch ganz kurz bevor der Kirchentag in die Sommerpause geht möchte ich Ihnen mitteilen, dass die für die Webseite verantwortliche Person unser Leiter Kommunikation Stephan von Kolson ist. Allerdings werden die Inhalte auch von den entsprechenden Fachabteilungen der Kirchentagsgeschäftsstelle beigesteuert; die Verkehrsinformationen somit von der Abteilung Infrastruktur.

Zu Mehrkosten und Bauverzögerungen bei der SSB durch den Kirchentag ist uns nichts bekannt.

Mit freundlichen Grüßen
Z,
Abteilung Infrastruktur
25.7.2014

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5 Antworten zu “Briefwechsel mit der Kirchentagsleitung

  1. 100 000 Christen mit christlichen Gedanken. Und Sonntags und Feiertags morgens um 1 Uhr , 3 Uhr in der Nacht kommen einem Zementlaster und Muldenkipper im Nordbahnhof Wohngebiet entgegen. Mit S21-Sondergenehmigung. Und Landesbischof July schläft ruhig dabei. Wenn schon keine Ruhe am Sonntag und auch noch ein echter Grund zu ärgern um die Ecke biegt, wieso soll ich dann mein Auto nicht waschen ? Aus dieser Gemeinde ging ein ehemaliger katholischer Bischof hervor. Der hätte für seine Schäflein gesorgt. Jetzt verlängert der Kirchentag das S21 Bauelend, weil die Bauabfolge umgestellt wurde um die Stadtbahnunterbrechung nicht während des Kirchentages zu machen..

  2. Kirchentag: Der Stadt geht es ums Image. Dem Land geht es ums Image. Der Kirche geht es ums Image. Und ein bißchen geht es um die „spirituelle Aufmunterung der Gesellschaft“. Man kann das in folgenden Zeitungsartikeln nachlesen:
    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kirchentag-2015-foell-millionen-zuschuss-ist-angemessen.fc647b49-9509-4f1e-b8b0-075848bb1193.html
    http://www.kirchentag.de/aktuell/nachrichten/nachrichten/archiv-stuttgart/interview-joerg-kopecz-controlling-eines-kirchentages.html
    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stadt-steuert-2-5-millionen-bei-stuttgart-will-am-kirchentag-zeichen-setzen.5436f3d5-2c1b-4dc2-8f14-00e086f85df0.html
    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.protestantentreffen-in-stuttgart-kirchentag-kostet-2-5-millionen-euro.35db10b0-859f-445f-87e7-659e547e6656.html
    Es geht nicht um Stuttgart, es geht nur um das Bild von Stuttgart.
    Es geht nicht um Demokratie, es geht um Bürgerbeteiligungssimulation.
    Es geht nicht um die heile Welt, es geht um den Anschein von heiler Welt.
    Es geht nicht um den Glauben, es geht ums Geld.

  3. Kirchentag Barrierefrei – Aus dem Heft „Bibel-Texte in Leichter Sprache“
    Donnerstag-Morgen: Bibel-Arbeit

    Man soll wissen, was wichtig ist.
    Man soll sich entscheiden.
    Was ist wichtig? Geld oder Gott?

  4. Hmm, wie soll man die derzeitige Situation in Stuttgart ehrlich darstellen, wenn man sie nicht als problematisch wahrnimmt? Man kann es ja für völlig normal halten, daß die Luft schlecht ist, daß die S-Bahnen unpünktlich sind, daß an jeder Ecke eine Baustelle kommt, daß man Leuten mit Demoplakaten einen Vogel zeigt, daß das Bahnhofsdach mit Baumstämmen abgestützt ist, daß an der Stelle der Baugrube ein kleiner See ist, daß man von hinten bis vorne belogen wird. …
    Also, entweder sollte man schon lange in Stuttgart leben, um zu wissen, daß es mal besser und schöner war. Oder man sollte davon träumen, wie es besser und schöner sein könnte. Oder beides.
    Die Leute jedoch, die bloß mal eben kurz nach Stuttgart kommen, um hier einen Kirchentag zu organisieren, wie sollen die wissen, was hier in dieser Stadt nicht in Ordnung ist?

  5. Ist eigentlich vorgesehen, beim Kirchentag den Schwarzen Donnerstag in irgendeiner Form zu erwähnen, zu bedenken, in Erinnerung zu bringen?
    Ich habe in den vergangenen 4 Jahren von kirchlicher Seite nichts Offizielles dazu vernommen. An diesem Beispiel könnte man doch prima diskutieren, ob man sich auf die Seite der Wirtschaftsinteressen stellt oder auf die Seite derer, die ‚Gewalt leiden‘ oder wie auch immer man das in kirchlicher Sprache ausdrückt. Man könnte diskutieren, ob man kirchlicherseits kritiklos die Sprachregelung der Politiker übernimmt, daß die Demonstranten selbst schuld sind, wenn sie sich der Polizei in den Weg stellen, oder ob man die Angelegenheit nicht differenzierter betrachten könnte und nach den Motiven der Leute fragen, die – aus Liebe zur Schöpfung – die Bäume beschützen wollten.

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