Die Schöpfung bewahren, Aufgabe eines jeden Christen

Der biblische Auftrag
Ein Grund, sich als Theologe gegen das Projekt Stuttgart 21 zu positionieren, ist das biblische Anliegen, die Schöpfung zu bewahren. Ich spreche bewusst von Schöpfung, nicht von der Natur. Damit wird deutlich: Die ganze Natur, belebt und unbelebt, Pflanzen und Tiere samt Wasser, Land und Luft sind von Gott geschaffen. Der Mensch kann nicht einfach damit machen, was er will, sondern er ist Gott verantwortlich. Und das kann nur heißen: Er muss sorgsam mit dieser Schöpfung Gottes umgehen.

Das Anliegen, die Schöpfung zu bewahren, nimmt den Auftrag Gottes an den Menschen in der Schöpfungsgeschichte auf, wo es im 1. Buch Moses Kapitel 2 Vers 15 heißt: „Und Gott, der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“
Der Ökumenische Rat der Kirchen ruft diese Aufgabe wieder ins Bewusstsein
Im Raum der Kirche wurde in der Vergangenheit diese Aufgabe nicht immer so vordringlich gesehen. Erst die ungeheure Umweltzerstörung der letzten Jahrzehnte schufen hierfür das Bewusstsein. Federführend war der Ökumenische Rat der Kirchen. Er rief 1983 in Vancouver  auf der VI. Vollversammlung seine Mitgliedskirchen auf, in einen konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. In vielen Gemeinden und Initiativen der Kirchen nahmen Christen diese Herausforderung an. Ein paar Jahre später, im Jahre 1990 in Seoul, wurden alle Christen der Welt aufgefordert, sich aktiv für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Nur im Zusammenspiel dieser drei sind die Herausforderungen der Gegenwart wie Hunger, Krieg, Umweltzerstörung, sozialer Unfriede usw. zu bewältigen.

In den 80er Jahren stand eher die Friedensproblematik im Vordergrund. Es war die Zeit der Hochrüstung. Gleichwohl wurde der Zusammenhang gesehen, dass es Weltfrieden und Gerechtigkeit nicht geben kann, wenn nicht zugleich die Schöpfung bewahrt wird. Immer mehr wuchs im Laufe der Zeit die Einsicht, dass die Erhaltung des politischen Friedens und die Schaffung von mehr Gerechtigkeit vergeblich bleiben, wenn die natürlichen Grundlagen des Lebens zerstört werden. So trat die Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren, zunehmend in den Vordergrund.

Gott liebt seine Schöpfung
Die damals schon formulierten Grundüberzeugungen sind bis heute gültig: „Wir bekräftigen, dass Gott die Schöpfung liebt. Land, Wasser, Luft, Wälder, Berge und alle Geschöpfe, einschließlich der Menschen, sind in Gottes Augen „gut“. Wir werden dem Anspruch widerstehen, alle geschaffenen Dinge dienten ledig­lich dazu, vom Menschen ausgebeutet zu werden.

Deshalb verpflichten wir uns als Mitglieder der lebendigen Schöpfungsgemeinschaft, in der wir eine unter vielen Arten sind, Mitarbeiter Gottes zu sein mit der moralischen Verantwortung, die Rechte kommender Generationen zu achten und die Ganzheit der Schöpfung zu bewahren; dafür wollen wir uns einsetzen um des eigenen Wertes willen, den die Schöpfung von Gott hat, und damit Gerechtigkeit geschaffen und erhalten werden kann.

Eine weitere Grundüberzeugung, die seit Seoul gilt, lautet: „Wir bekräftigen, dass die Erde Gott gehört“. Das hat zur Konsequenz: „Der Mensch soll Boden und Gewässer so nutzen, dass die Erde regelmäßig ihre lebenspendende Kraft wie­derherstellen kann, dass ihre Unversehrtheit geschützt wird und dass die Tiere und Lebewesen den Raum zum Leben haben, den sie brauchen. Wir werden jeder Politik widerstehen, die Land als bloße Ware behandelt, die Bodenspekulation auf Kosten der Armen treibt, die Giftmüll auf das Land und ins Wasser entlädt, die Ausbeutung, ungleiche Verteilung und Vergiftung des Bodens und seiner Erzeugnisse fördert und die jenen, die unmittelbar von der Nutzung des Landes leben, die Verfügungsgewalt darüber vorenthält. Wir verpflichten uns außerdem, den ökologisch notwendigen Lebensraum anderer Lebewesen zu achten.
(Lesen Sie dazu auch: Die Kirche im konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit , Frieden und Bewahrung der Schöpfung. 1990. Texte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nr. 33)

Fragen an das Projekt – bisher ohne überzeugende Antwort
Gemessen an diesen Grundüberzeugungen sind an die Betreiber des Projekts Stuttgart 21 viele Fragen zu stellen:
Wie ist es zu verantworten, z.B.
–  das Fällen uralter Bäume, die für das Innenstadtklima unabdingbar sind,
–  die Gefährdung des gesamten alten Baumbestandes des ganzen Parks durch
–  das Absenken des Grundwasserspiegels,
–  der ungeheure Verbrauch an Land, insbesondere Grünflächen der Innenstadt, –  die Gefährdung der Mineralquellen in Bad Cannstatt,
–  die Vernichtung von Lebensraum von Tieren, darunter auch
artgeschützte  wie   Fledermaus und Juchtenkäfer und vom Aussterben
bedrohte Vogelarten wie Dohle, Gartenbaumläufer, Gelbkopfamazone,
Wacholderdrossel.
(Lesen Sie hierzu auch: Newsletter /2010, 8. Oktober, NABU, Gruppe Stuttgart)

Auf diese Fragen sind bisher keine Antworten bekannt. Vielmehr werden mit Stuttgart 21 Fakten geschaffen, die nicht mehr umkehrbar sind und deren Folgen nachwachsende Generationen zu tragen haben.

Verfasser: Hans-Eberhard Dietrich

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2 Antworten zu “Die Schöpfung bewahren, Aufgabe eines jeden Christen

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    heute habe ich dem CDU-Parteitag eine Nachricht übermittelt, die ich Ihnen hiermit zur weiteren Verwendung z.K. gebe.

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

    Dr. C. Masuhr, Berlin

    An den Herrn Tagespräsidenten und die Damen und Herren Delegierten

    des CDU-Parteitags in Karlruhe am 15.11.2010

    Variation eines klassischen Themas (nach William Shakespeare)

    wg. Herrn Stefan Mappus

    Mitbürger! Freunde! Wähler! Hört mich an!
    Herr Mappus aus dem schönen Schwabenland,
    misstraut dem Widerstand der Demokraten.
    Die Menschen auf den Straßen protestieren.
    Doch Mappus sagt, daß sie im Unrecht sind.

    Und Mappus ist ein ehrenwerter Mann.

    Wie schwer habt ihr dafür schon büßen müssen,
    Als Mappus Polizeirecht und Gewalt
    auch gegen alte Menschen, Jugendliche
    Befahl und angemessen fand, ach Freunde!

    Er ist gewiss ein ehrenwerter Mann.
    Ich will, was Mappus sagt, nicht widerlegen;
    Ich spreche hier von dem nur, was mich schert:

    Die Herrschsucht geht wohl kaum vom Volke aus,
    das sich so friedlich gegen Herrschsucht wehrt!

    Carlos Masuhr

  2. Bravo, Herr Masuhr!
    Als Ergänzung eine Rede auf einen weitaus weniger wichtigen, aber weitaus mehr wichtig Tuenden:

    An Honorable Man

    Bräuchle demonstriert nicht mit den Massen
    in der Stuttgarter Innenstadt;
    er demonstriert gegen sie
    und für den neuen Bahnhof.
    Denn Bräuchle ist ein ehrenwerter Mann.
    B. sagt: “Jetzt sind so viele Halbwahrheiten,
    falsche Behauptungen, falsche Tatsachen,
    irrwitzige Zahlen im Äther,
    das geht so nicht!“
    Denn B. ist ein ehrenwerter Mann.
    Wenn andere sich besinnen,
    von alten Beschlüssen abrücken,
    weil fragwürdig zustande gekommen,
    sagt B.: “Das ist nicht Demokratie.“
    Gewiss – er ist ein ehrenwerter Mann.
    Die Kirchenleitung sagt:
    „Er sitzt aufseiten der Projektbefürworter
    bei den Schlichtungsgesprächen.“
    Und: „Der Theologe war Stadtrat
    und hat ‚Stuttgart 21’ mit auf den Weg gebracht“.
    „Eine Initiative für das Projekt,
    hat er sogar gestartet.“
    Wahrlich – B. ist ein ehrenwerter Mann.

    „Wir wollen uns von denen trennen,
    die uns in ein Chaos hinein verführen“,
    sagt B. – und er ist ein ehrenwerter Mann –
    „und die hinausschicken
    aus unserer Stadt und unserem Land,
    die als Aktivisten und Agitatoren und Demagogen
    im Ganztagsjob eingekauft sind.“
    The noble Bräuchle –
    he is an honorable man.

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