Drei Oberbürgermeister überlebt – Erfahrungen eines Uralt-Stadtrats der SPD

Ich habe alle drei Oberbürgermeister, die seit 1945 die Stadt regierten, erlebt und erlitten.

1.  Arnulf Klett von 1968 bis 1974
Klett war ein Auto-Narr, fuhr Daimler und Porsche, schlug die dafür notwendigen Schneisen durch Stuttgart, räumte die Trümmer der zerbombten Stadt beiseite und gleich auch noch ein paar übrig gebliebene architektonische Perlen: das Kaufhaus Schocken, das Alte Steinhaus für vier Parkplätze und das Kronprinzenpalais für den berühmten Kleinen Schlossplatz, immer unterstützt von der damals größten Gemeinderatsfraktion, der SPD.
Klett hatte Affären, z.B. den Perserteppich, den er sich von Daimler-Benz zum 50. schenken ließ, was ihn heutzutage zum Rücktritt zwänge. Damals wurde er freigesprochen.
Aber er war ein unbeirrbarer Anti-Faschist; setzte sich für das Mahmal am Alten Schloss ein, förderte die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen durch Willy Bohn, einen Kommunisten, und Maria Zelzer.
Als 1973 der Hegel-Preis an Heidegger verliehen werden sollte, auf Vorschlag zahlreicher Professoren, zeigte ich ihm in Ältestenrat ein Foto, Heidegger als Rektor der Uni Freiburg in SA-Uniform, worauf er sofort sagte: „Dieser Mann kann unseren Hegelpreis nicht bekommen.“
Bei der Einbringung des Haushalts hielt er immer eine geschliffene Rede.
Er steht bis heute im Schatten seines Nachfolgers. Dabei hat er, vor allem auf kulturellem
Gebiet durchaus Vorzeigbares zustande gebracht: das Stuttgarter Kammerorchester mit Münchinger etwa, die Ballett-Akademie mit John Cranko oder den Kauf des Dix-Tryptichons
Für ihn galt: „Das Wohl der Stadt bringt mich noch um“. Er starb 1974 im Amt.

2.  Manfred Rommel von 1975 bis 1980
Auch unter seiner Ägide habe ich sechs Jahre im Stuttgarter Gemeinderat überlebt, u.a. als Fraktonsvorsitzender.
Rommel war offen, liberal und lernfähig, politisch ziemlich konservativ.
Gleich zu Beginn seiner Amtszeit 1975, sagte er nach einer Premiere von Peymann zu mir:“Gehen wir noch etwas trinken?“ Und dann im Lokal:“ Wisset`Se, Herr Bassler, I war heut abend zum ersta Mal seit 15 Jahr wieder im Theater.“
Da hat er sich dann schnell gebessert; er hielt Claus Peymann die Stange gegen den furchtbaren Juristen Filbinger, der Peymann noch vor Ablauf seines Vertrags hinausschmeissen wollte.
Auch im Streit um die Bestattung von Baader, Enßlin und Raspe zeigte er Rückgrat gegen die Forderung seiner CDU, die Terroristen irgendwo auswärts zu entsorgen.
Beim Denkmalschutz war er eher reaktionär.
„Stuttgart hat mehr eingetragene Denkmäler als Moskau und Jerusalem zusammen“, war sein Argument, um das alte Marienhospital abzureissen, was ihm allerdings nicht gelang,
Ein großer Redner war er nicht, kokettierte gerne mit seiner Unbeholfenheit.
Er verspricht nichts, verspricht sich aber oft. Er bringt kaum heraus, was er zu sagen hat, das aber gekonnt. Er pflegte die schwäbische Abart des englischen Understatements.
Sein immer wiederkehrendes Credo:“Man kann eine Mark nur einmal ausgeben!“
„I onterschreib alles, was nichts kostet und niemand beleidigt.“
Das genügte in den Bürgerversammlungen, um das murrende Schwaben-Volk zum ehrfurchtsvollen Schweigen zu bringen.
Warum er sich für Schuster ins Zeug legte und jetzt wieder für den Oberbrezelmeister Turner, darüber kann man nur spekulieren. Könnte es sein, dass er Zwerge empfiehlt, um weiterhin als Riese dazustehen ?
Er hatte keine Affären, keine Teppich-Annehmlichkeiten, um etwas drunterzukehren.
Bei seiner ersten Wahl half ihm wohl sein Vater, der Generalfeldmarschall.
Seine zweite Wahl zeigte dann, dass er erste Wahl war.

3.  Wolfgang Schuster von 1996 bis 1999
Als Auffüll-Kandidat auf dem letzten Platz der SPD-Liste bin ich bei der Gemeinderatswahl 1994 auf Platz 18 vorgewählt worden und 1996 nochmals für drei Jahre nachgerückt.
Gerade rechtzeitig zur Verabschiedung von Rommel und der Einführung von Schuster.
Das war nach 16 Jahren ein Gemeinderats-Kulturschock für mich.
Das Reden im Plenum war zwischenzeitlich ganz aus der Mode gekommen.
Alle wichtigen Tagesordnungspunkte wurden in Absprachen zwischen den Fraktionen vorher ausgekungelt, allenfalls im Ausschuss kritisch diskutiert, in der Vollversammlung nur noch abgenickt, die Redezeit beschränkt, zugehört hat eh niemand, der Gemeinderat hatte sich selbst kastriert.
Das hing wohl auch damit zusammen, dass Schuster selbst überhaupt nicht reden kann und es deshalb nach Möglichkeit vermeidet. Er fühlt sich als purer Macher, reden mit anderen ist ihm lästig. Fingerspitzengefühl hat er nicht.
Zum Empfang polnischer Zwangsarbeiter aus Stuttgart musste er gezwungen werden im September 1999 – 60 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen. Weil beim Kirchentag 1999 der Bundestagspräsident Thierse  zur Enthüllung einer Gedenktafel für getötete Kriegsgefangene erschien, musste Schuster nolens volens  dabeisein.
Ansonsten war er überzeugt, dass Bosch und Porsche mit weisser Weste durch das Dritte Reich gekommen seien.
Bald begann sein Größenwahn-Triathlon. TWS bzw. Neckarwerke an EnBW verscherbelt, Wasser und Klärwerke per Cross-Border-Leasing an amerikanische Steuerbetrüger verjuxt, Olympia-Bewerbung, Trumptower.
Er hatte es gerne groß. Ein Gerne-Ganz-Groß!  S-21 setzte allem die Krone auf, auch seiner Stillosigkeit.
Während der Bagger im September 2010 die ersten Steine aus dem Nordflügel riss, feierte er mit seiner S21- Schicki-Micki – Kanzleiter war auch dabei – die Eröffnung des Weindorfs im Hof des Alten Schlosses.
Einen so geschichtsvergessenen  OB hatte Stuttgart noch nie. In zehn Jahren wird niemand mehr seinen Namen kennen.

Kuhn wird der vierte OB nach dem Krieg, aber nur für acht Jahre, altershalber.
Er wird die Einweihung des Tiefbahnhofs,  falls dieser je  kommt, als OB nicht erleben.
Er braucht also nicht auf seine Wiederwahl zu schielen, kann von der Bahn Offenheit und Ehrlichkeit fordern und den abgeschlafften Kretschmann mitziehen.
Mit den S21-Befürwortern CDU, SPD, FDP und Freien Wählern wird er es schwer haben. Sie werden ihm genug Prügel in den Weg werfen.
Aber die Stellung des OB ist stark genug, um immer wieder nachzufragen, nachzuforschen, nachzufordern und nicht nachzugeben. Das muss er unbedingt machen, um beiden Seiten, vor allem uns, gerecht zu werden.
Ich werde in zwei Jahren, bei der Gemeinderatswahl 2014, wohl noch einmal kandidieren.
Ob auf der Liste der SPD, weiß ich noch nicht.
Wenn die SPD-Fraktion bis dahin nicht zur Einsicht kommt, dann eben woanders, am liebsten auf einer SPD-Mitglieder-gegen-S21-Liste.

Pfarrer i.R. Siegfried Bassler

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4 Antworten zu “Drei Oberbürgermeister überlebt – Erfahrungen eines Uralt-Stadtrats der SPD

  1. Wenn ich den Beitrag von Herrn Bassler lese, ist mir klar, warum es mit der evangelischen Kirche nur noch bergab geht. Eine unglaubliche Überheblichkeit und Arroganz spricht aus jeder Zeile. So jemand war – oder ist – Pfarrer? Er sollte sich schämen und mehr auf seinen Herrn hören.

  2. soso, Herr Bassler hat sich vom letzten auf den 18. Platz vorgearbeitet. Da wird sich sein Herr im Himmel aber riesig freuen.
    Ich hoffe für ihn, dass er – wenn er einst im Fegerfeuer sein wird und dann dort den ihm gebührende letzten Platz einnehmen muss – sich auch bald auf den 18. Platz vorschleichen kann. Bis dahin sollte er seine Arroganz etwas ablegen und die christliche Nächstenliebe (von der er offensichtlich noch nie etwas gehört hat) ablegen.

  3. … Das dritte Übel ist der Hochmut des Lebens, der dazu führt, dass sich der Mensch über anderen erhebt. …Der Pharisäer betete bei sich selbst mit diesen Worten: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen“ (Lk 18,11).

    Der Hochmut stellt sich auch über die anderen. Der Apostel warnt davor, „höher von sich zu denken, als zu denken sich gebührt, sondern so zu denken, dass er besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat“ (Rö 12,3).

    Der Hochmut strebt auch danach, sich mit anderen im Dienst für den Herrn zu vergleichen. Paulus warnt vor dieser Gefahr: „Denn wir wagen nicht, uns selbst einigen von denen beizuzählen oder zu vergleichen, die sich selbst empfehlen; aber sie, indem sie sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen, sind unverständig. Wir aber wollen uns nicht ins Maßlose rühmen, sondern nach dem Maß des Wirkungskreises, den der Gott des Maßes uns zugeteilt hat“ (2. Kor 10,12-13). „Als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ sollen wir dem Dienst nachkommen, den der Herr uns gibt (1. Pet 4,10). Wir sollen die Gaben gebrauchen, die Er uns anvertraut, „wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat“ (Rö 12,3). Aber dabei sollen wir weder auf das Gebiet eines anderen vordringen, noch sich einen Glanz oder einen Ruf anmaßen, der uns über sie erhebt.
    Es besteht auch die Gefahr, sich „für den einen gegen den anderen“ aufzublähen (1. Kor 4,6). Das ist eine Gefahr für einen selbst, für die Versammlung und für den Diener, den man bewundert. …..

  4. Ich habe mich über den Beitrag von Herrn Basslr sehr gefreut und aknn ihm bei der Beurteilung der bisherigen OBs in Stuttgart nur beipflichten. Leider hört die Zerstörung unserer Stadt Stuttgart noch nicht auf und es werden einfallslose Zweckbauten als Zukunftsinvestionen gefeiert (Beispiel: Europaviertel oder der Unsinn S21). Herr Bassler seien Sie weiterhin kritisch.

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