Gedenken, Mahnen, Achten – Ansprache zum 30.09.2012

Liebe Freundinnen und Freunde der freiheitlichen Demokratie !

Bei den Römern gab es so etwas wie ein staatlich verordnetes Vergessen, um irgendwelche Verbrechen von Behörden oder Staatsmännern aus dem Bewusstsein des Volkes zu tilgen. So würden es die Verantwortlichen auch gern mit dem 30. September 2010 tun, um diesen Ausbruch staatlicher Gewalt gegen friedliche Kinder, Jugendliche und Menschen aller Altergruppen vergessen zu machen.
Wir aber vergessen nicht.
Das sind wir den vielen hundert körperlich verletzten und traumatisierten Menschen gegenüber schuldig.
Deshalb auch dieser Gedenktag. Wir begehen diesen Gedenktag gemeinsam, denn dieses gemeinsame Erinnern ist nötig gegen die Vereinsamung und Isolation. Gemeinsam können wir uns besser dagegen wehren, dass uns, den Opfern, die Schuld zugeschoben wird: „Hättet ihr nicht gegen die Abholzung der Bäume demonstriert, wäre euch auch nichts passiert.“
Gemeinsam sind wir stärker, den Tätern und Verantwortlichen zu sagen, dass wir ihre Selbstrechtfertigung, Verharmlosung und ihre Schuldabschiebung auf die Opfer nicht hinnehmen, und ihnen zuzurufen: „Umkehr ist möglich!“
Der erste Schritt zur Umkehr ist die Schuldeinsicht. Wir werden nicht ruhen, in den Verantwortlichen das Unrechtsbewusstsein für das Geschehen am „Schwarzen Donnerstag“ zu wecken und zu erhalten.

Versöhnung und ein gelingendes Miteinander kann es erst geben, wenn Schuld bewältigt, d.h. eingesehen, bereut, gesühnt und danach vergeben ist. Das nennen wir als Christen Umkehr, Buße.
In gleicher Weise sprechen wir auch auf der juristischen Ebene erst dann vom Rechtsfrieden, wenn Schuld gesühnt ist. Wir erwarten von der Staatsanwaltschaft, dass sie endlich energisch dazu beiträgt, diesen Rechtsfrieden wiederherzustellen. Darauf bestehen wir als Christen, deshalb machen wir als Theologinnen und Theologen bei diesem Gedenktag mit.
Dabei bedrängt uns schmerzlich die Frage: Warum haben die offiziellen Kirchen so beharrlich geschwiegen, wenn wir einmal von einer verklausulierten Verlautbarung einiger Amtsträger absehen. Sie wurde kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen, geschweige denn als Kritik an den Tätern verstanden.

Solches Schweigen hat seine Gründe. Als das Christentum im römischen Reich Staatsreligion geworden war, kam christliche Kritik an den Herrschenden abhanden. Jesus hatte aber einst in dieser Hinsicht kein Blatt vor den Mund genommen. Er sagte zu seinen Jüngern: „Ihr wisset, dass die weltlichen Fürsten ihre Völker niederhalten, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt. Aber so soll es nicht sein unter euch.“ (Markus 10,42f).
Diese Forderung Jesu verpflichtet die Christen und die Kirche insgesamt, wach zu sein und genau hinzuschauen, wo es in ihrer Gesellschaft unchristlich, also ungerecht, unsozial und unmenschlich zugeht. Und dann hat sie mutig und klar dieses Unrecht zu benennen. Auch gegenüber den dafür verantwortlichen politischen Mandatsträgern und staatlichen Organen, ob sie in der Ausübung ihres Amtes mit ihrer Macht unverantwortlich umgehen oder sie gar missbrauchen.

Deshalb stehen wir heute und in Zukunft zusammen und rufen den Verantwortlichen zu: Wir vergessen nicht! Vergessen bringt keine Vergebung! Nur Erinnern hilft weiter!
Amen

Pfarrer i.R. Hans-Eberhard Dietrich

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