Ansprache beim Parkgebet am 8.12.2016 von Dorothea Ziesenhenne-Harr

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Liebe Freundinnen und Freunde des Parks und des Kopfbahnhofs,
es ist eine ganze Weile her, dass ich die Andacht beim Parkgebet gehalten habe. Genau gesagt ein Jahr und sieben Monate ist das her.
In dieser Zeit wurde das Unrecht, die Geldverschwendung, die Lügen, die Umweltzerstörungen weiter fortgesetzt. Als gäbe es kein Recht, als gäben es keine klaren und guten Alternativen, als gäbe es nicht die Aufdeckung der Lügen und die Schritt für Schritt Bestätigung der Gefahren und der technisch dauerhaften Unmöglichkeiten bei diesem Kellerbau.
Nächste Woche Mittwoch, am 14.12., werden wir wieder miterleben, ob der Aufsichtsrat der Bahn tatsächlich seinen Auftrag erfüllt und die Bahnvorstände mit ihren Bauvorhaben kontrolliert. Oder ob die Aufsichtsräte erneut die Augen und Ohren zumachen und so tun, als gäbe es das letzte Gutachten nicht, in dem mal wieder das bestätigt wird, was wir seit mindestens 6 Jahren sagen.
Wir sind hier, um uns Kraft und Zuversicht in der Gemeinschaft, im Gebet und im Vertrauen auf Gott zu erbitten. Gerade auch für diese Zeit.
Um das in Worte zu fassen, habe ich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, die ich euch heute Abend mitgebracht habe. Dabei dreht es sich nicht um den Kellerbau, sondern darum, wie sich Wut über Unrecht und zerbrochene Vorstellungen in Zuversicht und Hoffnung wandeln kann.

Ein fast zerbrochenes Weihnachtsfest (2016)
von Dorothea Ziesenhenne-Harr
Ihre Vorstellung vom Weihnachtsfest war zerbrochen. Es geschah in dem Moment, als sie das grässliche Knacksen hörte.
Sie war gestürzt, die Straße war vereist.
Jetzt liegt sie im Krankenhaus.
Alle sind freundlich zu ihr. Sie ist unfreundlich zu allen.
Sie ist wütend. Auf das Eis. Auf die Kälte, auf die Stadtverwaltung, die am Streudienst spart. Auf die Polizei, die keine Warnschilder aufgestellt hat. Auf die Nachbarn, die den Schnee vom Bürgersteig auf die Straße geschippt haben. Dort wurde er dann von den Autos verteilt. Und dann gefror er zu Eis.
Im Prinzip ist sie auf alle stockend sauer.
Sie haben mir mein Weihnachtsfest kaputt gemacht, wie meine Knochen.
Damit haben sie auch etwas in mein Leben zerstört. Wer weiß, ob ich je wieder so laufen kann wie vorher. Vielleicht kann ich das Haus überhaupt nicht mehr verlassen. Es ist so ungerecht. Jetzt muss ich für die Fehler der anderen büßen.
Frau Kolbin verliert sich in dunklen Gedanken.
Im Flur des Krankenhauses warnen sich die Pflegerinnen gegenseitig: „Wenn du zu Frau Kolbin rein musst, mach dich auf dicke Luft gefasst“, sagt Schwester Inge. Schwester Ayshe schließt sich an:“ wir haben sie extra in ein Einzelzimmer verlegt, damit sie andere Patientinnen nicht mir ihrer üblen Laune ansteckt.“
Stationsschwester Fatma seufzt: „Ja, es ist schwierig mit ihr. Sie ist so wütend auf alles und jeden. Ich glaube, es liegt daran, dass sie über Weihnachten im Krankenhaus bleiben muss. Für sie ist das Weihnachtsfest ganz wichtig. Dabei hat sie nicht mal Kinder und Enkel, mit denen sie zusammen feiern könnte. Sie ist ganz alleine und das ist ja schon schlimm genug.“
Am nächsten Tag ist wieder Treffen im Flur wegen Frau Kolbin. „Es wird schlimmer mit ihr“ stöhnt Ayshe. „Jetzt verweigert sie sogar das Essen, weil es ihr nicht schmeckt.“
Stephanie ist dazu gekommen und meint: „Ich habe Frau Kolbin laut schimpfen gehört, als ich in ihrem Zimmer war. „Kein Mensch wird jetzt den Stollen backen. Niemand wird sich um die Kerzen und die Tischdekoration kümmern. Außer mir macht ja keiner was. Niemand setzt sich heute noch wirklich für andere ein. Die Menschen drehen sich nur noch um sich selbst und ihr eigenen Pläne, ohne dabei an die Folgen für andere zu denken,“ hat sie vor sich hin gewütet. Die Pflegerinnen nicken sich wissend und etwas genervt zu.
Während dessen liegt Frau Kolbin in ihrem Bett und weint.
Aus der Wut ist Trauer geworden.
Der Glanz des Weihnachtsfestes hat ihr immer für das ganze Jahr Mut und Hoffnung gegeben. Ja, ihr Leben erhellt. Nun ist alles tief schwarz.
Sie hatte so viel Freude beim Vorbereiten der Feier am Heiligen Abend für alle Einsamen, für Leute, die keine Familien haben und nicht wissen, wohin.
Mit großer Sorgfalt und voller Eifer hat sie für alle kleine Geschenke gebastelt.
Das ganze Jahr über.
Wenn dann die Kerzen am Weihnachtsbaum leuchteten und sie das: „Ah und Oh, wie ist das schön“ hörte und die stille Freude all der Menschen im Gemeindesaal wahrnahm, dann wurde ihr warm ums Herz. Sie fühle sich selbst geborgen und getröstet in der Gemeinschaft mit den anderen.
Und jetzt? Alles umsonst! Und das nur wegen der anderen, die alles falsch gemacht haben. Die einfach ihren Aufgaben nicht richtig nachgekommen sind.
Die nicht sorgfältig überprüft haben, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen für andere Menschen haben. Frau Kolbin ist verzweifelt.
Alles kaputt, zerbrochen, wie ihre Knochen. Woher sollte sie ohne das Fest am Heiligen Abend die Kraft für das neue Jahr herbekommen? In diesem öden grässlichen Krankenhaus etwa, wo alle über sie lästern und hinter ihrem Rücken über sie flüstern. Sie ist ja nicht blöd. Und schon kommt die Wut wieder hoch. Es ist unerträglich, wenn die eigenen Vorstellungen durch das falsche Verhalten von anderen kaputt gemacht werden.
Die Luft in Zimmer 24 vibriert regelrecht vor Zorn, Wut und Trauer. Da schmeckt wirklich kein Essen mehr.
Am Heiligen Abend tut das Bein von Frau Kolbin besonders weh. Statt dass der Bruch heilt, schein er immer größer zu werden. So fühlt es sich für sie an.
Frau Kolbin liegt im Dunkeln. Sie will nichts mehr sehen und hören. Es ist eh schon alles vorbei. Sie spürt nur die kochende Wut und das Gefühl: niemand versteht sie. Niemand berücksichtigt sie und nimmt ihre Wünsche ernst. Sie ist allen egal.
Da öffnet sich die Tür. Schwester Stephanie und Schwester Inge halten Kerzen in den Händen. Sie singen: „Alle Jahre wieder, kommt das Christus Kind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“
Schwester Ayshe und Schwester Fatma treten auch ein. Sie tragen Tabletts, auf denen Schalen stehen mit duftendem Gebäck, Tee und Mandarinen. Sie summen die Melodie mit.
Hinter ihnen drängen Patienten/innen mit in das Zimmer.
Da ja nur ein Bett darin steht, ist Platz für alle. Immer mehr singen das Lied mit. Und dann noch „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“
und „Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg“.
Frau Kolbin merkt plötzlich, dass sie mitsingt, sogar am lautesten von allen.
Einfach so. Sie kennt ja alle Lieder auswendig.
Die Pflegerinnen haben Stühle herbeigeholt. Das Zimmer erstrahlt im Kerzenlicht. Der Tee wird herumgereicht und die Leckereien gekostet.
Und mitten drin Frau Kolbin, eifrig erzählt sie von vielen Heiligen Abend Feiern im Gemeindehaus.
Da merkt sie mit einem Mal: ihr Krankenzimmer ist jetzt das Gemeindehaus.
Bei dieser Erkenntnis wird sie still und ruhig, geradezu friedlich.
Alle um sie herum auch. Mitten in diese Stille hinein erzählt Frau Kolbin die Weihnachtsgeschichte, natürlich auswendig.
Da wird das Kommen des Sohnes Gottes lebendig. Und wie seine Geburt im Stall alle Vorstellungen von diesem sehnlichst erwarteten Ereignis zerbrochen hat. Statt im Königspalast wird dieses besondere Kind bei Ochs und Esel geboren. So kommt Gott in diese Welt und bringt dadurch etwas Neues mit. Er zeigt, wie wir unsere Erwartungen und Vorstellungen loslassen können. Um offen zu werden für das, was stattdessen geschieht. Verbunden mit der Hoffnung, dass alles gut werden kann, auf eine andere Weise als gedacht.
Während Frau Kolbin spricht, strahlt sie eine friedliche Zuversicht aus und lässt damit allen an der Hoffnung teilhaben, dass Gott in unsere Dunkelheiten leuchtet, unsere zerbrochene Vorstellungen mit neuen, unerwarteten Erfahrungen heilt und unser Leben hell macht.

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