Ort der Montagsdemos Stellungnahme der „TheologInnen gegen S21“

Wir beobachten mit wachsender Sorge, dass die Frage des Orts der Montagsdemo zu einer Art Glaubenskrieg zwischen verschiedenen Fraktionen der Anti-S21-Bewegung zu werden droht. Wir bitten daher alle Beteiligten darum, keine Maximalforderungen zu stellen, sondern die jeweils andere Perspektive als ebenfalls berechtigte zu akzeptieren. Unseres Erachtens gibt es für beide Orte – Schillerstraße und Marktplatz – gute Gründe.

Für die Mehrheit unter uns überwiegen beim Ort Schillerstraße die Nachteile:
• Der Verkehrslärm wirkt störend und erschwert das Verstehen.
• Dass viele Leute bis dicht an den Rand des Autoverkehrs stehen, erscheint uns gefährlich.
• Man kann nach der Demo nicht stehen bleiben und reden, weil die Schillerstraße schnell wieder frei gemacht werden muss.
• Es bekommen nur sehr wenige Menschen etwas von der Demo überhaupt mit und noch weniger von den Inhalten, weil sie in den Autos nur schnell vorbeifahren.
• Die Beschallung ist teuer, weil diese Straße akustisch sehr ungünstig ist.
• Die Atmosphäre des Ortes ist hässlich (Verkehr, blaue Rohre…)

Die Befürworter der Schillerstraße führen als Vorteile an:
• Wir demonstrieren dort, wo der Gegenstand unseres Protests sich befindet: der Bahnhof.
• Wir sehen „unseren“ Bonatzbau.
• Wir sind an einem Verkehrsknotenpunkt und werden deshalb wahrgenommen.
• Wir sind auf der Straße und erzeugen damit eine spürbare Störung.

Dem gegenüber scheinen uns am Marktplatz die Vorteile zu überwiegen:
• Es herrscht kein Verkehrslärm, sodass man alles gut verstehen kann.
• Wir sind vor dem Rathaus – dem klassischen Ort der Volksversammlung und einem der Orte, an dem für uns bedeutsame Entscheidungen gefällt werden.
• Der in sich geschlossene Platz schafft eine ästhetische, ruhige, fast geborgene Atmosphäre, welche die Erfahrung der Gemeinschaft stärkt.
• Nach der Demo kann man noch in Grüppchen stehen bleiben und die Gelegenheit zum Austausch von Meinungen und Ideen nutzen.
• Viel mehr Leute bekommen en passant etwas mit von den Inhalten der Beiträge, weil sie entweder zu Fuß unterwegs sind oder in einer der benachbarten Straßenkneipen sitzen.
• Die Kosten der Demos werden nicht unnötig in die Höhe getrieben, weil die Beschallung kostengünstiger geht.

Als Nachteile des Markplatzes wird gesehen:
• Wir sind „fernab“ vom Geschehen – was man aber auch genau umgekehrt sehen kann: Am Marktplatz sind wir im Zentrum der Stadt.
• Wir blockieren keinen Verkehr und werden deshalb zu wenig wahrgenommen – andere sagen: Wir werden dort nicht weniger wahrgenommen, sondern nur weniger als Ärgernis wahrgenommen.

Unter Abwägung dieser Vor- und Nachteile kommen wir zu dem Schluss, dass der Marktplatz aus unserer Sicht der derzeit geeignetere Ort für die Montagsdemos ist. Denn wir haben den Eindruck, dass wir gegenwärtig die Montagsdemos vorrangig für die eigene Selbstvergewisserung und zum Aufbau innerer Stabilität brauchen.

Wir haben aber auch Verständnis für die Befindlichkeit eines für uns durchaus wichtigen Teils der Bewegung, der aus unterschiedlichen Gründen die direkte Konfrontation mit dem bedrohten Bahnhof und wenigstens niederschwellige Blockadeaktionen für unverzichtbar hält. (Allerdings können die Blockadeaktionen unseres Erachtens genauso wirksam beim Demozug im Anschluss an die Kundgebung auf dem Marktplatz stattfinden.)

Wir bitten deshalb alle Akteure, ihre Verantwortung für die Bewegung als Ganze nicht im bloßen Durchsetzen ihrer eigenen Vorstellungen zu sehen, sondern in der Erhaltung der guten Vielfalt unserer Bewegung. Niemand sollte die Bewegung beschädigen, weil er seine eigenen politischen Vorstellungen für die allein richtigen hält.

Könnte eine Lösung darin bestehen, für die Montagsdemos beide Orte im Wechsel zu nutzen? Nach einem bestimmten Modus, der noch festzulegen wäre? Dabei ist uns bewusst, dass auch dieser Vorschlag seine Tücken hat (Kommunikationsprobleme mit Mitstreitern ohne Internet, usw.). Vielleicht gibt es keine glatte Lösung.

Unsere Stärke ist unsere Vielfalt.
Bitte sucht eine Lösung, die dieser Stärke und unserer augenblicklichen Situation am besten gerecht wird! Ein Ende der Montagsdemos kommt für uns jedenfalls nicht in Betracht.

(Text als pdf-Datei: Montagsdemos, Ort, Stellungnahme, Theols, final)

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2 Antworten zu “Ort der Montagsdemos Stellungnahme der „TheologInnen gegen S21“

  1. Lieber Martin,
    vielen Dank für Deine klare und zugleich tolerante Stellungnahme sowie für Dein Plädoyer zur Fortführung der Montagsdemos. In der Diskussion um den Sinn der Montagsdemonstrationen sehe ich mich als Christ herausgefordert, an die Friedensgebete in der Leipziger Nicolaikirche zu erinnern. Als der Kampf gegen die Natonachrüstung sich als vergeblich herausgestellt hatte, fragten sich in der Nicolaikirche eine Handvoll Beterinnen und Beter, ob sie weitermachen sollten. Sie entschieden sich für die Fortsetzung und wurden dadurch zu einem Kristallisationskern für die Bewegung, die das Ende der DDR-Diktatur einleitete. Ich denke, auch die Montagsdemos können ein solcher Kristallisationspunkt sein für eine Bewegung, die auf die Überwindung der gegenwärtigen Diktatur bestimmter Konzerninteressen zielt. Es hat in der DDR Jahre gedauert, es mag auch jetzt noch Jahre dauern. Dass die Presse den Protest totzuschweigen versucht und der Verfassungsschutz durch die Bespitzelung des Widerstands die vermeintlichen Konzerninteressen vertreten soll, ist für mich ein Zeichen, dass wir stören. Darin sollten wir uns nicht beirren lassen.
    Herzlichen Gruß
    Friedrich Gehring

  2. Ich würde gerne vor dem Bahnhof und IM Bahnhof demonstrieren.
    In Frankfurt im Flughafen geht das doch auch.
    Ich bitte zu bedenken: Es gibt einen Gemeinderat in Stuttgart (pro Tiefbahnhof), der den Protest von der Straße und vom Bahnhof weghaben will. Er wird seine Gründe haben. Es ist mir allerdings völlig schleierhaft, warum dann auch ein Gemeinderat pro Kopfbahnhof (und Theologen pro Kopfbahnhof) den Protest von der Straße und vom Bahnhof weghaben wollen.
    Und noch ein letztes: Ich kann mich am besten am Bahnhof vergewissern, warum, wofür und wogegen ich demonstriere. Nähe zum Rathaus mag ich nicht. So oft schon sind wir verraten worden.

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