Kirche muss für Baustopp sein

Die Kirche müsste meines Erachtens sich dringend für einen sofortigen Baustopp des Bahnprojekts Stuttgart 21 einsetzen. Wenn ihr Angebot, als Vermittler zum Frieden beitragen zu wollen, Sinn machen soll, darf sie nicht zusehen, wie unumkehrbare Fakten geschaffen werden, noch bevor entscheidende Fragen geklärt sind.

Was ich an kirchlichen Äußerungen lese, ist durchweg das Bemühen, sich heraushalten zu dürfen oder gar zu müssen: Es sei durch S21 nicht die Menschenwürde bedroht. Es stünden lediglich verkehrswissenschaftliche oder geologische Fragen zur Diskussion, zu denen Kirche nichts beizutragen habe etc.

Das übersieht, dass jede dieser Fragen auch eine ethische Dimension hat. Wenn durch einen neuen Bahnhof der Bahnverkehr nicht verbessert, sondern behindert wird, ist dies eine wichtige schöpfungstheologische Frage, weil wir zur Erhaltung unserer Schöpfung unbedingt einen immer besseren öffentlichen Verkehr brauchen. Wenn durch einen tief ins Grundwasser gesetzten Bahnhof den Bäumen des Stadtparks das Wasser entzogen wird, ist dies nicht nur ein schöpfungstheologisches Thema, sondern auch ein sozialethisches, weil die Frage der Lebensqualität damit angesprochen ist. Wenn Milliarden eingesetzt werden für ein Projekt, das so wie es aussieht viel mehr Schaden als Nutzen bringt, dann stehen Fragen der Gerechtigkeit im Raum, weil es wahrhaftig Bereiche gibt, in denen Milliarden dringend nutzbringend eingesetzt werden müssten.

Das Argument, man wisse doch aber noch gar nicht, ob all diese Befürchtungen zutreffen, ist das entscheidende Argument, warum Kirche sich nicht heraus halten darf. Denn sie muss gerade deshalb (weil man das noch nicht weiß) auf Klärung dieser Fragen drängen. Und zwar bevor wirklich unumkehrbare Fakten geschaffen sind. Kirche muss sich deshalb vor allem für einen sofortigen und vollständigen Baustopp aussprechen – damit die Fragen nicht erst geklärt werden, wenn unwiederbringlich Natur und Stadt beschädigt sind.

Martin Poguntke, 31.10.2010

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4 Antworten zu “Kirche muss für Baustopp sein

  1. Schaden oder Nutzen – das ist ja gerade die Frage.
    Vielleicht sollten Sie sich mal mit den Fakten auseinander setzen und nicht alles für wahr nehmen, was die Grünen und die sogenannten Parkschützer verbreiten. Die „sogenannten“ deshalb: Schauen Sie sich mal den Park an bzw. was davon übrig geblieben ist. Wie die Parkschützer aus dem Park eine Müllhalde gemacht haben.
    Sie schreiben:
    „Wenn Milliarden eingesetzt werden für ein Projekt, das so wie es aussieht viel mehr Schaden als Nutzen bringt, dann stehen Fragen der Gerechtigkeit im Raum, weil es wahrhaftig Bereiche gibt, in denen Milliarden dringend nutzbringend eingesetzt werden müssten.“
    Dazu lasse ich nur die Fakten sprechen.
    Sind etwa 20 Hektar mehr Schlosspark nichts? Sind etwa 3000 neu gepflanzte Bäume nichts? Sind etwa 100 Hektar mehr Fläche für die Innenstadt nichts? Sind etwa die Hälfte der Fahrzeit nach Ulm, Tübingen, Reutlingen, Leonberg, Ludwigsburg, Backnang, Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd, Aalen nichts?
    Überlegen Sie mal in Ruhe.
    Reinhard Ertl

    • Könnte es sein, geehrter Herr Ertl, dass Sie Fakten mit Propaganda verwechseln?
      Das Elend der Debatte über „eins der bestgeplanten Projekte“ ist ja u.a.: Der Schwindel, der einmal vor Jahren in die Welt gesetzt wurde, wird blindlings gebetsmühlenartig wiederholt, versehen mit dem irreführenden Zusatz „Fakten“.
      Dazu ein Auszug aus einem Kommentar der SZ vom 12.11.2010:
      „Ein schöneres Geschenk hätte Verkehrsminister Peter Ramsauer den Gegnern von Stuttgart 21 kaum machen können: Nach einer Analyse aus seinem Haus übersteigt der volkswirtschaftliche Nutzen der Neubaustrecke Ulm-Wendlingen nur knapp deren Kosten. Schlimmstenfalls halten sich Aufwand und Ertrag in etwa die Waage – eine erbärmliche Bilanz für ein Vorhaben, dem schicksalhafte Bedeutung für Deutschland angedichtet wird.
      Und selbst für dieses Minimalergebnis waren kreative Berechnungen erforderlich: So wurde in der Kosten-Nutzen-Analyse abermals imaginärer Güterverkehr einbezogen, obwohl die Trasse wegen ihrer Steigung für schwere Züge nicht nutzbar ist. Die Gesamtausgaben für die Strecke Stuttgart-Ulm-Augsburg beziffert das Verkehrsministerium auf 3,7Milliarden Euro. Weil Bahnprojekte erfahrungsgemäß aber teurer als geplant werden, könnte die Bilanz am Ende sogar negativ ausfallen – aus dem Zukunftsprojekt würde ein Draufzahlprojekt. Dabei listet der Bedarfsplan für Schienenwege eine ganze Reihe von Vorhaben auf, die nicht nur wesentlich billiger sind, sondern auch noch einen höheren Nutzen bringen. … Es wäre deshalb nur ein Gebot der Vernunft, auf den Bau des Stuttgarter Tunnelbahnhofs und der ICE-Strecke zu verzichten.“

  2. @ Herrn Ertl, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wieso zuerst so viel gut Funktionierendes, Nützliches, Wertvolles kaputt gemacht werden muss für etwas Neues, das hinterher nicht besser ist als das Vorherige und dazu unendlich teuer ist? Bringt Sie das nicht ins Grübeln, dass für die mutmaßlich 3000 Jungbäume in frühestens 10, eher 20 Jahren zuerst mal ein Stück Park zerstört werden muss, das schon da ist und als grüne Lunge an jener Stelle von Stuttgart unerlässlich ist, die als die am höchsten mit Feinstaub belastete der ganzen Nation gilt? Dort, wo heute die mächtigen alten Parkbäume stehen, wird im Übrigen nie wieder etwas wachsen, wenn S21 gebaut wird, weil just dort ein Betondeckel bzw. Betonwall entstehen wird, über dessen Ausmaß und „Schönheit“ Sie sich wahrscheinlich noch wundern werden. Dort, in unmittelbarer Nähe zur Königstraße und zum Herzen der Stadt werden wir nachher nicht mehr, sondern weniger bzw. gar kein Grün mehr haben. Macht Sie das nicht nachdenklich?
    Ein Wort zum Park in seinem jetzigen Zustand bzw. dazu, was von ihm übrig geblieben ist: War da nicht was? 30. September? Vorrücken der Polizei, Wasserwerfer, die den Parkboden in Matsch verwandelten, Baumfällungen? Schon vergessen? Ich nicht! Wenn ausgerechnet diejenigen Menschen sich über den derzeitigen Zustand des Parks ereifern, die ihn eh für Stuttgart 21 zu opfern bereit sind, dann ist das der Gipfel der Heuchelei.

  3. Lieber Herr Ertl,
    vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, noch einmal auf mich zu antworten. Ich kann Sie an einem Punkt beruhigen: Ich glaube auf keinen Fall alles, was die Grünen und andere verbreiten, sondern ich prüfe nach, was immer ich kann.
    Sie fragen nach Schaden und Nutzen und nennen als Nutzen u.a. die verkürzten Fahrzeiten. Da möchte ich umgekehrt Sie bitten, noch einmal genau nachzuprüfen, ob das stimmt.
    Z.B. wird geworben, die Fahrt von Aalen nach Tübingen werde durch S21 um 21 Minuten kürzer als heute (1h32 statt 1h53). Und wenn ich in den Fahrplan sehe, stelle ich fest: von den heutigen 1h53 sind 22 Minuten die Zeit, die ich in Stuttgart auf den Anschlusszug nach Tübingen warten muss. Würde der Fahrplan schon heute so gestaltet, dass man in Stuttgart nicht umsteigen muss, hätte ich also schon heute in etwa diese kürzere Fahrzeit.
    Oder: Es heißt, durch S21 werde die Fahrzeit Stuttgart-Ulm um 28 Minuten kürzer. Falsch ist, dass das am neuen Bahnhof liegt – der kostet sogar noch 2 Minuten extra. Und falsch ist, dass man dazu die Neubaustrecke bräuchte, denn der Zug ist vor ca. 10 Jahren schon auf der Strecke über Geislingen 24 Minuten schneller gefahren, als man nämlich die Schienen noch in Schuss hielt und nicht Geld sparen wollte, um an die Börse zu gehen.
    Falsch ist auch, dass durch S21 die Fahrt von Tübingen nach Stuttgart auf die Hälfte gekürzt würde. Tatsächlich fährt nämlich heute schon mehrmals am Tag ein Zug in nur 46 Minuten nach Stuttgart.
    Überprüfen Sie bitte auch, warum (z.B.) die Strecke nach Backnang doppelt so schnell werden soll durch einen Bahnhof, der gar nicht auf der Strecke nach Backnang liegt.
    Bitte bedenken Sie bei Ihren Überlegungen auch, dass es nicht nur wichtig ist, möglichst schnell von A nach B zu kommen, sondern dass man auch gute Umsteigeverbindungen braucht – die werden durch S21 (wegen der vielen Kreuzungs- und 1-gleisigen Stellen) aber erheblich schlechter.
    Ich kann hier nicht alle Argumente nennen, die hier zu nennen wären. Aber ich glaube Sie merken: Es besteht ein Unterschied zwischen den Behauptungen in den Hochglanzprospekten und der Realität auf der Schiene.
    Deshalb meine dringende Bitte: Halten Sie sich offen für kritische Informationen zu S21! Ich bin sicher, dass Sie dann verstehen, warum ich von einer Verschlechterung der Situation rede (gegen die Müll und Zelte im Park harmlos sind), die auch nicht durch 3000 Bäume und 20ha mehr an Park auszugleichen ist – zumal die neue Fläche z.T. Böschungen sind und gar kein Park und zumal die Bäume im Zentrum der Stadt gebraucht werden und nicht am Rande und zumal wir mehrere 10.000 neue Bäume bräuchten, um frühzeitig die Wirkung der großen, alten Bäume auszugleichen, die gefällt werden sollen.
    Vielleicht eines noch: Sie haben sicher mitbekommen, dass die erste Baustelle im Park dazu dient, das Grundwasser beim neuen Bahnhof abzusenken und gleich danach wieder anzuheben, damit die Wurzeln der Parkbäume nicht im Trockenen hängen. Ist Ihnen bewusst, dass dazu 17 km zu einem guten Teil oberirdischer Rohrleitungen durch die Stuttgarter Innenstadt verlegt werden müssen, die 10 bis 15 Jahre (vielleicht sogar 20) bleiben, solange gebaut wird! (Dass in den Planfeststellungsunterlagen zu lesen ist, dass die dafür erforderliche Technik „gegenwärtig noch nicht vorhanden“ ist, wissen Sie wahrscheinlich auch.)
    Ich freue mich auf einen weiteren Austausch der Argumente.
    Herzlich grüßt Sie
    Martin Poguntke

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