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Parkgebet am 18. Juni 2026

(hier diese Ansprache als pdf-Datei)

Parkgebetsansprache über Matthäus 11, Verse 25 bis 30 am 18.6.2026

Liebe Parkgebetsgemeinde,

eigentlich sollte es als erstes am kommenden Dienstag oder Mittwoch der Aufsichtsrat der Bahn erfahren, aber es ist natürlich schon lange vorher an die Medien durchgestochen worden: Stuttgart 21 soll erst 2033 vollständig in Betrieb gehen und bis dahin 14 Milliarden kosten. So richtig erstaunt sind wir alle nicht mehr. Wir rechnen vielmehr ohnehin regelmäßig mit neuen noch späteren Terminen und noch höheren Kosten.

Und dennoch: Der Skandal wird immer unglaublicher. Und noch immer findet sich keiner der Verantwortlichen, der nachdenklich wird oder sich gar entschuldigt. Geschweige denn, dass jemand von ihnen Stopp ruft und sagt, was alle denken: dass das schon lange nicht mehr zu verantworten ist.

Aber, wie immer, wenn es ums große Geld geht, findet sich eine ganz große Koalition von Politik bis Medien, die beschwichtigt, behauptet, man könne jetzt nicht mehr stoppen, man müsse weitermachen, sonst würde es noch schlimmer.

Und ums große Geld geht es ohne jede Frage. Von Anfang an ging es um ein riesiges Wirtschaftsförderungsprogramm, indem man möglichst hohe Summen aus öffentlichen Kassen in die private Wirtschaft, vornehmlich die Bauwirtschaft, neuerdings auch die IT-Wirtschaft, leitete. Deshalb könnte die Politik auch mühelos damit leben, wenn das Ganze noch 50 Jahre weiterginge und noch zwanzig Milliarden mehr kosten würde. Im Gegenteil: Wäre ja noch besser für die Wirtschaft.

Bei S21 geht es ganz ohne Frage ums große Geld. Und am wenigsten um uns, die Kleinen Leute, um die Pendler, um eine Bahn, die preisgünstig und zuverlässig in die kleinen Städte hinausfährt. Das ist ja auch letztlich der Grund, warum wir so ungebrochen gegen dieses Projekt kämpfen. Nicht, weil wir unseren eigenen Vorteil suchen, sondern weil wir wissen, wie wichtig eine gute Bahn und ein guter Bahnhof für die Masse der Leute, die Kleinen Leute ist.

Deswegen ist mir bei der Suche nach einem Bibeltext für heute auch der Predigttext vom letzten Sonntag gleich ins Auge gestochen: Darin geht es nämlich um die „Mühseligen und Beladenen“, wie da die Leute genannt werden, die sich mit dem Leben nicht so leichttun, die nicht als Fettschicht oben auf schwimmen. Sie können ja zuhause mal nachlesen, Matthäus 11, Verse 25 bis 30. Da sagt Jesus in Vers 28: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“. Im Grunde einer der ganz zentralen Punkte seiner Botschaft und auch schon des Ersten Testaments, aus dem Jesus ja – auch deshalb möchte ich es nicht „Altes“ Testament nennen – seinen Glauben gelernt hat: Im Mittelpunkt steht, dass es denen gutgehen soll, die es nicht so leicht haben.

Und indem wir uns für diese Leute einsetzen, tun wir genau das, was Jesus im Vers danach sagt: „Nehmt auf euch mein Joch!“ Das Joch ist ja, wahrscheinlich wissen Sie’s alle, der Holzbalken, den man früher den Ochsen auf den Hals gelegt hat, um damit den Karren zu ziehen. Für einen Ochsen war das kein großes Problem, aber für unsereinen wäre ein solcher Balken mit angehängtem Karren schon eine schier unerträgliche Last. Da verwundert es schon, dass Jesus seine Aufforderung „Nehmt auf euch mein Joch“ noch ergänzt durch die überraschende Zusage: „…So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ Man fragt sich unwillkürlich, wie das gehen soll: Ruhe finden, indem man eine schier unerträgliche Last trägt?

Klarer wird es vielleicht mit der Erläuterung, die Jesus nachschiebt: „Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“? Ein sanftes Joch? Eine leichte Last? – Ob er damit sagen wollte: Die Last, die ich euch zumute, ist von anderer Art, als ihr es kennt? Es ist eine Last, bei der ihr – schon, während ihr sie tragt – spürt, dass sie eurer Seele guttut.

Für meine Person kann ich eine solche Erfahrung jedenfalls bestätigen. Mir ist es in den zurückliegenden Jahren unseres Protestes tatsächlich immer wieder so gegangen: Ich habe eine Gemeinschaft gespürt von Leuten, denen es nicht um sich selbst ging, sondern um eine größere Sache, ja, auch darum, sich auf die Seite der Mühseligen und Beladenen zu stellen. Und ich habe immer wieder gespürt, wie gut es meiner Seele tut, nicht ehrgeizig vielleicht für meine Karriere zu kämpfen, sondern für eine gute Zukunft der Stadt und der Welt, eine gute Zukunft, nicht der Besitzenden und Superreichen, sondern – ja, eben, der Mühseligen und Beladenen, der Pendler, der Alten und Gehbehinderten, der Familien und Alleinlebenden. „Nehmt auf euch mein Joch, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ Doch, ja, das kann ich bestätigen: so oft: Ruhe und Gelassenheit, trotz allem Stress und allen anstrengenden Terminen.

Wenn diese „Last“ so guttut, fragt man sich allerdings doch, warum wir dann verlacht werden. Denn es ist ja tatsächlich so: Wir werden ja verspottet als „Wutbürger“ und „Ewiggestrige“, die sich dem Fortschritt in den Weg stellen, werden belächelt: „Habt ihr’s denn immer noch nicht gemerkt? Der Bahnhof wird und wurde gebaut, trotz allem eurem Protest!“ Wir werden ausgelacht: „Was seid ihr denn für pubertäre Dickköpfe, die einfach nicht einsehen können, dass sie verloren haben?“ Jeder von uns könnte hier eigene Sätze ergänzen, was man uns entgegen schleudert oder hinterherruft.

Warum tun die Leute sowas? Warum haben sie so gar keinen Zugang zu dem, was uns dabei antreibt? Liegt es vielleicht eben an dem, was uns antreibt? Liegt es vielleicht eben gerade an unserer Parteinahme für die Mühseligen und Beladenen? Liegt es vielleicht daran, dass eben diese Parteinahme nicht cool, nicht sexy ist? Spüren die Leute vielleicht, dass man nicht zum Mainstream gehört, wenn man sich gegen die Welt der Reichen und Mächtigen stellt und stattdessen auf die Seite der Mühseligen und Beladenen? Spüren die Leute, dass man so irgendwie draußen ist, dass man nicht der Logik der Mehrheitsgesellschaft entspricht, dass man nicht begriffen hat, was in der Welt angeblich zählt? „It’s the economy, stupid!“ „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!“

Vielleicht ist es das, was Jesus zu Beginn des Textabschnitts sagt, der am Sonntag Predigttext war. In Vers 25 sagt er nämlich etwas Verwirrendes: Gott habe diese Orientierung an den Mühseligen und Beladenen „den Weisen und Klugen verborgen“, und er habe es deshalb „den Unmündigen offenbart“.

Wie ist das zu verstehen? – Vielleicht so: Die Weisheit, die sich darin zeigt, dass man auf der Seiter der Schwachen steht – diese Weisheit ist offenbar denen verborgen, die als weise und klug gelten. Und diejenigen, die von diesen Weisen und Klugen nicht für voll genommen werden, die vermeintlich „Unmündigen“ – denen gehen die Augen dafür auf, dass das die wahre Klugheit ist: sich für die Mühseligen und Beladenen einzusetzen. Die vermeintlich Klugen wissen sehr gut, wie man sich durchsetzt, sich seine kleinen und großen Vorteile verschafft. Aber sie erkennen nicht, wie gut es der Welt – und letztlich auch ihnen selbst – tut, wenn die Mühseligen und Beladenen im Mittelpunkt stehen. Den vermeintlich Weisen und Klugen ist das verborgen.

Ich glaube, wir haben da einen richtigen Schatz entdeckt, mit unserer Entdeckung, dass wir – die vermeintlich „Unmündigen“ – auf der richtigen Seite stehen, wenn wir auf der Seite der Kleinen Leute stehen. Das Wissen darum tut uns gut, und die Gemeinschaft, die wir dadurch erleben, tut uns gut.

Darum können uns die Hiobsbotschaften über Stuttgart 21 nur bestärken in unserem Widerstand. Und darum genießen wir die kleine, aber feine Gemeinschaft dieser Parkgebete. „Nehmt auf euch mein Joch; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!“

Diese Erfahrung wünsche ich uns allen immer neu. Amen.

(Pf.i.R. Martin Poguntke)