Brief 6 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

Kirchentag zwischen Banalität und Sicherheitsrisiko?

Wer das Publik Forum-Heft vom 8. Mai 2015 gelesen hat, der stieß dort auf ein Thema, zu dem ich schon lange etwas schreiben wollte. Nun ist es schon mal klar gesagt: Die Kirchentagsleitung hat kritische Gruppen, die der Meinung sind, dass der Kopf nicht vor allem dazu da ist, dass man ihn in den Sand steckt, systematisch aus dem Kirchentag herausgehalten.
Es ist mir ja selbst so passiert, dass mir Mitte des letzten Jahres gesagt wurde, dass eine von mir und anderen geplante Veranstaltung zum NSU-Komplex nicht ins Programm könne. Das sei schon voll. Die Behauptung „Das Programm ist schon voll.“ haben dann auch andere Anti-Faschisten, Friedensbewegte, Palästina-Engagierte, Tierschützer usw. zu hören bekommen.
Nun gibt es stattdessen eine Fülle von Veranstaltungen, die man aus dem Kirchentag draußen gehalten hat und die nun selbst organsiert stattfinden. Das, was man bisher nur von Katholikentagen kannte, nämlich so etwas wie einen alternativen Katholikentag, einen „Katholikentag von Unten“, eigene Veranstaltungen von Publik Forum, das haben wir jetzt auch auf dem evangelischen Kirchentag. Man muss es klar sagen: Der evangelische Kirchentag hat sich verändert, und zwar nicht zu seinem Vorteil, sondern zu seinem Nachteil. Der Stuttgarter Kirchentag ist insofern ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Kirche, die bewusst den Weg in die Bedeutungslosigkeit wählt. Die Banalität der württembergischen Beiträge in Hamburg darf als bezeichnend für diese Entwicklung gesehen werden.
Was hat das mit Stuttgart 21 zu tun? Wie in den letzten Briefen berichtet wurde, wurde kurz vor dem Dresdner Kirchentag das Thema Stuttgart 21 plötzlich und unvermittelt aus der Kirchentagsagenda herausgestrichen. Man hatte mich zwar auf dem Hamburger Kirchentag als Vertreter der S21-Gegner/innen bei einer Podiumsdiskussion zu Wort kommen lassen, aber das hatte erheblichen Drängens bedurft. Der Versuch, soweit wie möglich das bürgerschaftliche Engagement gegen Stuttgart 21 aus dem Kirchentag herauszuhalten, zeigt die politische Deformation dieser kirchlichen Großveranstaltung.
Was mich obendrein gruseln lässt, ist das Problem der Sicherheit. Es gibt ein Sicherheitskonzept, das auf der Internetseite des Kirchentags vorgestellt wird und das die Sicherheit in den Quartieren und bei den Veranstaltungen thematisiert. Die Sicherheit dazwischen, auf den Wegen, im Verkehrsnetz, unter freiem Himmel, kommt nicht vor. Und dort lauern nach meiner Einschätzung und Erfahrung die Risiken. All das soll nicht diskutiert werden. Man muss sich schon fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, eine solche Mammutveranstaltung eben nicht auf der größten Baustelle Europas abzuhalten.

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7 Antworten zu “Brief 6 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

  1. Susanne Bödecker

    Aus diesem Grund gibt es auch in der Friedenskirchengemeinde das „Zentrum Frieden“ mit Veranstaltungen während des Kirchentags, die friedenspolitischer sind, als der Kirchentag erlaubt.
    http://www.zentrumfrieden2015.de/programm/

  2. Liebe Susanne Bödecker,
    vielen Dank für den Hinweis! Was mit dem Kirchentag passiert ist, dass seine LeItung in dieser Weise die Friedensgruppen ausgeschlossen hat und sich dennoch nicht geniert, diesen KIrchentag als „Kirchentag des Friedens“ zu verkaufen, sollte eine nachhaltige und entschiedene Diskussion nach sich ziehen.
    Viele Grüße
    Michael Harr

  3. Andreas Maurer

    Liebe Mitstreiter,
    man kann den Kirchentag aus vielen Gründen kritisieren. Wenn es ihn nicht gäbe wäre aber vieles noch schlechter.
    Im Programm gibt es aber u.a. die folgende Veranstaltung:

    Aus Stuttgart 21 klug werden

    Können Großprojekte Demokratie?
    ◾Erfahrungen aus dem Stuttgart 21-Widerstand
    Dr. Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), ehem. Sprecherin Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, Ulm
    Dieter Reicherter, Vorsitzender Richter am Landgericht a.D., Althütte
    Uwe Stuckenbrock, ehem. Leiter Städtebauliche Planung Mitte, Stuttgart
    ◾Was lernen wir aus S21 über unsere Demokratie?
    Prof. Dr. Dieter Rucht, Soziologe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
    ◾Wie gehen Demokratie und Großprojekte zusammen?
    Thomas Burchardt, Bürger für die Lausitz – Klinger Runde, Forst/Lausitz
    Prof. Dr. Dieter Rucht, Soziologe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
    Dr. Michael Wilk, Bündnis der Bürgerinitiativen Kein Flughafenausbau, Wiesbaden

    Moderation: Arnd Henze, Journalist WDR, Berlin
    Anwältin und Anwalt des Publikums:
    Irene Armbruster, Stuttgart
    Peter Jörgensen, Berlin
    Kabarett: Arno Hermer, Wiesbaden
    Musik: Seeside, Greifswald
    Straßenbahnwelt, Große Halle, Veielbrunnenweg

    Falsche Fronten aufzubauen hilft nicht weiter!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Andreas Maurer

  4. Martin Poguntke

    Lieber Andreas Maurer,
    ja, wir wissen um diese eine einzige Veranstaltung (von ca. 2.500), bei der S21 explizit vorkommt – und wir werben sogar dafür auf unserem Flugblatt.
    Ich bin selbst in der Vorbereitungsgruppe dieser Veranstaltung – was glauben Sie, welche Mühe es gekostet hat, auch nur den Titel der Veranstaltung durchzusetzen? Noch in den letzten Tagen und Wochen gab und gibt es Bestrebungen, bei dieser Veranstaltung S21 etwas weiter aus dem Fokus zu nehmen.
    Ich bin sicher: Wir haben trotz dieses halbwegs geglückten Einzelfalls alle Gründe, grundsätzliche Kritik am Kirchentag zu üben – gerade weil dies eben nur ein Einzelfall ist.
    Herzliche Grüße, Martin Poguntke

  5. Inzwischen war zu hören, dass der Kirchentag es abgelehnt habe, eine Veranstaltungsreihe über Dietrich Bonhoeffer in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Stuttgart-Weilimdorf in das Programm aufzunehmen. Begründet worden sei das damit, dass Bonhoeffer nicht ins Kirchentagsprogramm passe,.
    Wer der Meinung ist, dass Bonhoeffer durchaus zum Kirchentag passt, sollte sich diese Veranstaltungsreihe nicht entgehen lassen.
    Der „Tunnelblick“ druckt in seiner Ausgabe vom 21. Mai einen längeren Text Bonhoeffers ab „Von der Dummheit“ – passend zum Motto des Kirchentags.
    Bonhoeffer-Lesen gefährdet die Dummheit. Meinen deswegen die Kirchentagsverantwortlichen, dass Bonhoeffer nicht auf den Kirchentag gehöre?

  6. Man traut seinen Augen nicht: Selbst das „Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg“ kommt nicht umhin, seine Leserinnen und Leser über den Ausschluss von Friedensgruppen aus dem Kirchentag und über die entsprechenden Parallelveranstaltungen zu informieren. Mit dem Wort „Skandal“ wird die badische Oberkirchenrätin Hinrichs zitiert, die damit das Fehlen eines Friedenszentrums auf dem KIrchentag gerügt habe.. Immerhin hat ja sogar die badische Landeskirche an einem solchen Parallelunternehmen zum Friedensthema mitgewirkt, das der Kirchentag nicht in seinem Programm haben wollte.
    Wenn beim Berliner Kirchentag in zwei Jahren die württembergische Landeskirche an einem Parallelunternehmen zum Thema „Stuttgart 21“ mitwirkt, dann glaube ich, dass selbst unsere Landeskirche die Zeichen der Zeit zu erkennen vermag. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben.

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