Martin Klumpp, Prälat i. R.: JA zum Ausstieg !

Liebe Bürgerinnen und Bürger, Freundinnen und Freunde unserer Stadt !

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“. Sie kennen dieses Wort.  Nach biblischer Tradition kommen der „Obrigkeit“, also Stadt und Staat, drei wichtige Aufgaben zu, auf die sie sich konzentrieren sollen. Ich nenne sie.
1. Stadt uns Staat schaffen eine Atmosphäre, in der Menschen Heimat finden.
2. Stadt und Staat achten auf Gerechtigkeit für alle.
3. Stadt und Staat stehen für den Frieden.
Wenn man Stuttgart 21 an diesen Zielen misst, ist die Planung in allen Punkten durchgefallen.
Wir geben Stadt und Staat das, was sie von uns brauchen: Unser Engagement.
Deshalb: Ja zum Ausstieg, Ja zum Oben Bleiben!

Zum ersten: Stadt und Staat schaffen eine Atmosphäre, in der Menschen Heimat finden. Stuttgart hat eine ganz eigene Schönheit, die von Landschaft und Natur geprägt ist: Das berühmte grüne U, das im Herzen unserer Stadt beim neuen Schloss beginnt, die Stadtlandschaft mit ihrer Symbiose von Natur und urbanem Leben, von Berg und Tal, von Wald und Reben. Das alles wird zerstört. Da, wo der Park am schönsten ist, da soll gerodet werden. Stuttgart 21 zieht einen bis zu 9 Meter hohen Wall, auf dem dann noch die viereinhalb Meter hohen Glubschaugen sitzen, vom Bahnhofsturm bis zum Wagenburgtunnel quer durch den engen Kessel.
Die Luft, die wir brauchen, strömt von West nach Ost; das Wasser im Erdreich fließt von West nach Ost. Der enge Kessel ist nicht abgeschlossen. Er öffnet sich  zum Neckartal. Genau da soll er abgeriegelt werden. Neues Schloss, die Oper und der Landtag sind nicht mehr Ausgangspunkt zum grünen U, sind abgeriegelt, isoliert. Wer über die Heilbronner Straße in die Stadt hereinfährt, sieht nichts mehr von dieser schönen Landschaft, nur noch Betonschluchten, so hässlich, wie es wird, wenn Investoreninteressen allein den Städtebau bestimmen. Wir wollen, dass Stuttgart Stuttgart bleibt! Wir wollen, dass dort, wo das Herz ist, ganz in der Mitte dieser Stadt die wunderbaren alten Bäume weiter wachsen!
Weil wir Stuttgart mögen, deshalb: Ja zum Ausstieg, Ja zum Oben Bleiben!

Zum zweiten: Stadt und Staat achten auf Gerechtigkeit für alle.
Stuttgart 21 fördert nicht Gerechtigkeit für alle. Es dient Finanzinteressen großer Investoren, von denen viele meinen: Wer die größten Schulden macht, wird am schnellsten reich. Am Ende kommt oft Insolvenz. Der Bürger zahlt es dann.
Wer ist eigentlich die Deutsche Bahn AG? Letzter Rest von falschem Sozialismus, bei dem die Funktionäre nicht verdienen müssen, was sie investieren wollen? Wenn die Bahn –wie ein ehrlicher Kaufmann- verdienen müsste, was sie investieren will, dann wäre Stuttgart 21 längst am Ende.
Neulich sollte ich am Sonntagmorgen 9. 30 Uhr in Friedrichshafen Dienst tun, wähle einen Zug, 6.56 Stuttgart ab, umsteigen in Ulm, 9.06 in Friedrichhafen.
Am Schalter frage ich, ob der Zug auch pünktlich fährt, mein Dienst beginnt auch pünktlich. Blick in den PC, nein, der hat ja schon in Stuttgart, wenn er ankommt, 14 Minuten Verspätung, in Ulm gibt’s höchstens 10 Minuten Zeit zum Umstieg. Der wird nicht pünktlich sein. Ich, heraus aus dem Bahnhof, hinein ins Auto und fahre an diesem Tag über 400 Kilometer unsinnigerweise auf der Straße,  nur weil die Bahn nicht richtig funktioniert. Wenn die Bahn Geld investieren will, dann dort, wo es für alle einen Nutzen bringt, und nicht bei Stuttgart 21, das ohne Nutzen sehr viel Geld verschlingt. Stuttgart 21 ist Modellprojekt, an dem man sehen kann, woher die Krise kommt, in der wir uns befinden.  Banken- und die Schuldenkrise sind Krise der Gerechtigkeit, wenn man von Wachstum oder Fortschritt redet und in Wirklichkeit nur unvorstellbar hohe Schulden macht, die auf dem Bürger lasten. Wir wollen, dass Stuttgart Stuttgart bleibt! Wir wollen, dass es hier gerecht zu geht und nicht mit Lug und Trug!
Deshalb im Sinne der Gerechtigkeit: Ja zum Ausstieg, Ja zum Oben Bleiben.

Zum dritten: Stadt und Staat stehen für den Frieden. Wenn der Bürger merkt, dass es nicht ums allgemeine Wohl, sondern vor allem um Interessen großer Schuldenmacher geht, da wächst nicht Friede, sondern Streit. Wenn Herr Grube drohend behauptet, falls der Querriegelbahnhof nicht komme, sei Verbesserung der Strecke Richtung Ulm nicht möglich, dann provoziert er uns als Bürger. Wenn man ein Projekt beschließt, dabei falsche Zahlen angibt und Nachteile verschweigt, dann wächst nicht Friede, sondern Streit. Manche Parteien und Anhänger von Stuttgart 21 liefern bewusst keine Argumente. Sie setzen darauf, dass das ganze Thema vielen Bürgern schon zum Halse raushängt, dass sie nichts mehr davon hören wollen und deshalb alles laufen lassen. Wer mit solchem Kalkül Politik macht, muss sich schämen, vor allem, wenn er sagt er sei ein Demokrat.
Wir wollen, dass Stuttgart Stuttgart bleibt, dass hier der Friede wieder einkehrt.
Deshalb sagt es allen weiter, auch im ganzen Land: Ja zum Ausstieg, Ja zum Oben Bleiben.

Martin Klumpp, Prälat i. R., Stuttgart

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4 Antworten zu “Martin Klumpp, Prälat i. R.: JA zum Ausstieg !

  1. Wir beten in unserer Gemeinde regelmäßig für die Anliegen der Stadt und des Landes. Allerdings ist die Mehrzahl der Leute eher pro S21. Aus dem einfachen Grund: wir glauben, dass Stuttgart überregionale Bedeutung hat, und ein wichtiger Knotenpunkt ist, und wir glauben und beten für die Zukunft der Stadt. Wir glauben und beten, dass Stuttgart im Einundzwanzigsten Jahrhundert eine gute Zukunft hat. Die Zukunft von Stuttgart im 21 Jahrhundert (dafür steht Stuttgart 21) ist bei uns kein gestriges Thema. Geistlich gesehen könnte man noch interpretieren, dass es ja nicht nur um Personen- und Materialtransport geht, sondern um den „geistlichen“ Transport aus und nach Stuttgart.

  2. Wo bleibt der gesunde Menschenverstand.

    Liebe S21-Gegner,
    es ist schon richtig S21 ist teuer, S21 bringt nicht den Nutzen der erwartet wird und das politische Verfahren ist einer modernen Demokratie nicht würdig. Trotzdem es geht hier nur um einen BAHNHOF! Die Erde dreht sich auch mit S21 weiter, die Schöpfung ist nicht bedroht!
    In den nordafrikanischen Ländern werden täglich friedliche Demonstranten erschossen. In Spanien und Griechenland hat jeder 2. unter 25 keine Arbeit. In Japan können Tausend nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Das Land ist auf Jahrzehnte verstrahlt. In Europa bangen Millionen um Ihre Währung und die Folgen eines Zusammenbruchs.
    Die richtige Relation zu S21 habt ihr nicht wirklich gefunden. Etwas mehr Demut täte Christen gut, vor allem ob der wirklichen Not in der Welt…

  3. Liebe Frau / lieber Herr Gutmensch,
    die Schöpfung ist auch nicht durch jedes einzelne Fußballfeld abgeholzten tropischen Regenwalds bedroht; das wird Ihnen Herr Stihl, der sein Geld u.a. mit der Lieferung von Motorsägen nach Südamerika verdient, gern erklären. Die Erde wird sich auch weiterdrehen, wenn der gesamte tropische Regenwald weg ist.
    Irgendwann wird auch der Mensch von der Erde verschwunden sein – und unser Planet sich noch Millionen von Jahren weiterdrehen. Was soll also Ihre Empörung über erschossene Demonstranten, über arbeitslose Jugendliche, über radioaktiv verseuchte Landstriche … Sie haben einfach noch nicht die richtige Relation zur „wirklichen Not in der Welt“ gefunden.
    Übrigens: Wie engagieren Sie sich gegen die wirkliche Not in der Welt ?!

  4. 1. Schönes Stuttgart: Stuttgart, wie es jetzt ist, mit dem riesigen hässlichen Gleisfeld mittenn drin, soll schön sein, schöner als das, was geplant ist? Das ist doch einfach lächerlich. Ich freue mich auf die großartigen Aspekte der Stadt mit ihrem neuen Bahnhof und dem neu entstehenden Stadtteil einschließlich deutlich erweiterter Grünzonen. Andere Städte mit ähnlichen Gegebenheiten würden sich um eine solche Chance reißen.
    2. Gerechtigkeit: Der Ausgang der Volksabstimmung hat gezeigt, wie eine deutliche Mehrheit das Projekt einschätzt. Es sind nicht „alle“, aber es ist die deutliche Mehrheit. Was soll die Rede von der Gerechtigkeit für alle? Der Protest gegen S21 hat die Institutionen unserer repräsentativen Demokratie unterminiert (Parlament, Gemeinderat, Gerichte, sonstige zuständige demokratisch gewählte Gremien), indem die dort getroffenen Entscheidungen missachtet wurden. Was hat das mit Gerechtigkeit für alle zu tun?
    3. Frieden: Demonstrationen sind in Ordnung. Was wir beim Protest gegen S21 erlebt haben, war oft genug nicht mehr Demonstration, sondern offener Aufruhr. In massivster Weise wurde und wird Unfrieden in die Stadt hineingetragen.

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