Mit konservativer Grundhaltung gegen S21 – Teil 2

Die Gemeinsame Erklärung „Theologinnen und Theologen zu ‚Stuttgart 21’“ betrachte ich als gut gelungen, weshalb sie meine volle Zustimmung findet, was ich dadurch zum Ausdruck gebracht habe, dass ich sie, wie dem Internet zu entnehmen ist, unterzeichnet habe.
Ich bin von der Gemeinsamen Erklärung „Theologinnen und Theologen zu ‚Stuttgart 21’“ dermaßen überzeugt, dass ich auch anderen, Theologen und „Laien“ empfehle, sich diese ebenfalls zu eigen zu machen und dies dann durch Unterzeichnung öffentlich zu machen.

Freilich, solch eine Gemeinsame Erklärung kann, damit sie überhaupt noch überschaubar bleibt und darauf gehofft werden kann, dass sie gelesen wird, nicht zu umfangreich ausfallen. Bei einem so umfassenden und komplexen Thema wie „Stuttgart 21“ ist darum Beschränkung ein Gebot und deshalb ist Vollständigkeit weder machbar noch überhaupt anzustreben. Es kann ganz einfach nicht alles, was zu sagen wäre, auch gesagt werden; lediglich einige Facetten dieses an Facetten reichen Themas können deshalb überhaupt nur vermittelt werden.
Deshalb muss, wie im Falle der Gemeinsamen Erklärung „Theologinnen und Theologen zu ‚Stuttgart 21’“ auch geschehen, wenn der „Rohentwurf“ vorliegt, gekürzt und gestrafft werden. Wenn sie – wie im vorliegenden Fall – das Ergebnis der Zusammenarbeit mehrere Autoren ist, dann ist die Erstellung des endgültigen Textes nur durch Kompromisse – wenn auch keinen faulen – möglich, so dass sie, mathematisch ausgedrückt, den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt, also das zum Ausdruck bringt, dem alle ehrlicherweise zustimmen können, wohingegen auf Lieblingsthemen und Sonderfündlein des je einzelnen Mitarbeiters, die also deren jeweiligem Befürworter richtig und wichtig erscheinen mögen und auch nicht schon falsch sind, denen andere aber nur mit Bauchschmerzen oder unter Umständen eben auch nicht, zustimmen können – dann muss auf solche Lieblingsthemen und Sonderfündlein aus Rücksichtnahme auf andere verzichtet werden.
Aber es besteht ja durchaus die Möglichkeit, eine solche Erklärung mit eigenen Gedanken, was zu „Stuttgart 21“ auch noch wichtig ist, zu ergänzen, zu erklären, zu kommentieren und zu stützen. Von dieser Möglichkeit möchte ich im folgenden Gebrauch machen und zwar, wohl wissend, dass dies auch nur zwei Aspekte sind, die leicht um viele andere ergänzt werden könnten und müssten, und dies sogar sinnvoll wäre, so dass andere damit dazu angeregt werden sollen, ebenfalls ihre Gedanken zur Gemeinsamen Erklärung „Theologinnen und Theologen zu ‚Stuttgart 21’“ zu Papier zu bringen und als Ergänzungen, Erklärungen, Kommentierungen öffentlich zu machen.
Lediglich auf zwei nicht zu unterschätzende Tatbestände, die in der Gemeinsamen Erklärung mehr zwischen den Zeilen, mehr implizit als explizit vorkommen, möchte ich wiederum auch nur durch die Nennung einiger Facetten des bereits facettenreichen Teilaspekts ansprechen, die zunächst einfach unverbunden nebeneinander stehen, ihre gegenseitige Verklammerung indes aber durch das Gesamtthema „Stuttgart 21“ erfahren. Es sind dies die Teilaspekte: 1. Architekturzerstörung; 2. ausufernde, laufend explodierende Kosten und damit Geldverschwendung.
(Die Darstellung erfolgt in Thesenform, deren Reihenfolge nicht über die Wichtigkeit der jeweiligen These aussagt.)

Zu 1. Architekturzerstörung
– Das Projekt „Stuttgart 21“ zerstört ohne Notwendigkeit das unter Denkmalschutz stehende Bahnhofsgebäude und das ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Gleisvorfeld mit seinem imposanten „Tunnelgebirge“, die in der ansonsten stark zerstörten Stadt den Krieg überstanden haben.
– Bahnhof und Gleisvorfeld sind Meisterleistungen der Baukunst bzw. Höchstleistungen des Bauingenieurswesens und der Verkehrstechnik.
– Der zumindest in Fachkreisen weltbekannte „Bonatz-Bau“, der wie nur ganz wenige Bahnhöfe weltweit, die große Chance hätte, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen zu werden, wozu auch ein Antrag vorliegt, wird durch den Abriss des Nord- und Südflügels zu einem fast funktionslosen Torso verunstaltet, der lediglich eine Fassade abgibt, und nie mehr die Chance hat, UNESCO-Weltkulturerbe zu werden.
– Der Muschelkalk-Bau von Paul Bonatz (+1956) der auch im Innern viel Beachtenswertes aufweist, wird in dem, was vom neu geplanten Ingenhoven-Bahnhof aus dem Boden herausragt, durch langweiligen Glas-Beton-Bau ersetzt, von dessen anderen Mängeln über und unter der Erde an dieser Stelle ganz zu schweigen.
– Die schweren denkmalschützerischen Bedenken, die das Landesdenkmalamt sowohl hinsichtlich des Bahnhofsgebäudes als auch des Gleisvorfeldes anmeldete, wurden von den politisch Maßgeblichen einfach ignoriert, was nahe legt, dass – kurzfristige – wirtschaftliche Interessen denkmalschützerischen weit vorgeordnet werden, wobei sich die Frage stellt, wessen wirtschaftliche Interessen dadurch am meisten bedient werden.
– Bei der Urheberrechtsklage des Bonatz-Enkels und –Erben, des Stuttgarter Architekten Peter Dübbers, stufte das Landgericht Stuttgart die Modernisierungsbestrebungen der Bahn als höheres Rechtsgut als das Urheberrecht eines Einzelnen ein, das 70 Jahre lang nach Bonatz’ Tod gilt, also bis 2026. Diese Entscheidung, sowie der spätere Abweis eines Eilantrags von Peter Dübbers, stellen neben anderen Vorkommnissen Anfragen an die Unparteilichkeit des Rechtswesens, das den Eindruck erweckt, staatliche und wirtschaftliche Belange zu bevorzugen und stellen damit Anfragen an das demokratische Staatswesen, dessen sich die Politik rühmt.

Zu 2. Ausufernde, laufend explodierende Kosten und damit Geldverschwendung
– Angesichts der ungeheuren Schulden von Bund Land/Ländern und Kommunen und der Sparappelle der Politiker und immer größerer Abgaben der Bürger können die Milliarden für „Stuttgart 21“, die laufend steigen und sich explosionsartig erhöht haben, den Bürgern nicht vermittelt und nicht zugemutet werden.
– Die Stadt Stuttgart, die selbst tief verschuldet ist, wird mit hohen Summen am Projekt beteiligt. Dabei ist sie auch am Umbau des Gottlieb-Daimler-Stadions finanziell beteiligt, wobei man an dessen Umbau-Notwendigkeit durchaus berechtigte Zweifel haben kann.
– Es steht zu befürchten, dass aufgrund der Schwindel erregenden Kosten an anderen Stellen eingespart wird, etwa bei der Kultur und im Sozialen, und zwar nicht allein in der Landeshauptstadt, sondern im ganzen Land.
– Hohe Schulden zu machen widerspricht dem Verhalten des ehrlichen, ehrbaren Kaufmanns und des charaktervollen Bürgers, zumal dann, wenn nicht bekannt ist, wie diese in absehbarer Zeit abbezahlt werden können, sondern, wenn sie überhaupt abbezahlbar sind, diese noch Generationen belasten. Das, was in der Mitte des Schwabenlandes zur Durchführung kommen soll, widerspricht guter schwäbischer Mentalität.
– Die Bibel im Allgemeinen, sowie Jesus im Besonderen sind mit politischen Ratschlägen im weiteren und engeren Sinne zurückhaltend. Deshalb ist es um so wichtiger, folgenden am Realismus orientierten Ratschlag Jesu zu beachten, der darauf abzielt, das zu tun, was machbar ist: „Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob er’s habe, hinauszuführen? Auf dass nicht, wie er den Grund gelegt hat und kann’s nicht hinausführen, alle die es sehen, fangen an, sein zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hob an zu bauen, und kann’s nicht hinausführen“ (Lukas 14,28-30). Anders zu handeln steht christlicher Ethik entgegen.
– In Wirklichkeit ist „Stuttgart 21“ ein durch Steuern, besser: durch neue Schulden finanziertes Konjunkturprogramm für Baukonzerne usw., von denen allerdings eine ganze Anzahl aus dem Ausland kommen, bei dem es nicht um eine erstrebenswerte Sache, sondern um große Gewinne geht. Damit erscheint die angestrebte Klage von Winfried Herrmann (Tübingen) wegen Steuerverschwendung als berechtigt.
– Angesichts der desolaten Haushaltslage von Bund, Land, den Landkreisen und Kommunen sind Ausgaben, die noch explodieren und wozu noch Zinsen kommen, nicht gerechtfertigt. Da die Kosten zum größten Teil durch Steuern abbezahlt werden müssen, und zwar über Jahrzehnte, falls sie jemals abbezahlt werden können, werden finanziell an dem Projekt alle Steuerzahler beteiligt. Und das, obwohl die Mehrzahl dieser das Projekt ablehnt, womit die Demokratietauglichkeit dieses Projekts nicht gegeben ist.
– Entgegen der Behauptung, die ganze Region, ja das ganze Land, profitierten von diesem Projekt, ist festzuhalten, dass zwar das ganze Land zur Kasse gebeten wird, aber der Profit nur für einige Wirtschaftsunternehmen anfällt, die durch dieses Projekt Planungssicherheit und sichere Einnahmen auf Jahre hinaus haben.
– Dasselbe gilt für die geplante freiwerdende Fläche, wenn das jetzige Gleisvorfeld beseitigt ist. Dadurch werden u. a. auch zweifelhafte Investoren, Finanzhaie usw. angelockt, wobei festzustellen ist, dass in Stuttgart bereits jetzt Gewerbe-, Verwaltungsflächen usw. besonders im Innenstadtbereich leer stehen, weil entweder die Mieten viel zu hoch sind oder einfach kein Bedarf dafür besteht. Weshalb dann zusätzliche Bebauungen, die das Stadtbild verändern und leicht zur Geisterstadt werden können? Die Einwohnerzahl der Landeshauptstadt wird zukünftig nicht zu-, sondern abnehmen, so dass auch von daher keine zwingende Notwendigkeit für neuen Wohnraum besteht.
– „Stuttgart 21“ bedeutet, um der vermeintlichen Ökonomie willen eine nicht mehr gut zu machende Zerstörung hochwertiger Architektur, ist gegen die Demokratie gerichtet, missachtet geologische Vorfindlichkeiten, zerstört Ökologie, führt zu mehr Unsicherheit im Zugverkehr und ist letztlich unwirtschaftlich.
– Fragt man, wem das Projekt dann nützt, so ist darauf zu antworten: dem Bürger nicht, dem Bahnreisenden auch nicht, nicht einmal dem Unternehmen Bahn, und auch nicht seinen jetzigen Promotoren aus der Politik, denn die Bauzeit ist ja so gewaltig, dass diese bis zur Projektfertigstellung, ob sie noch leben oder aber bereits verstorben sind, längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. So nützt das Projekt einflussreichen Wirtschaftsunternehmen, die in Wirklichkeit die Kräfte sein dürften, die es vorantreiben; und solche aus der politischen Klasse gehören zu deren Lobbyisten. Die Bahn selbst wollte in der ersten Hälfte und dann wieder am Ende der 1990er Jahre, damals allerdings unter einem anderen Bahn-Chef, das Projekt „Stuttgart 21“ selbst mit der Begründung der Unwirtschaftlichkeit kippen. Dass es ein Jahrhundertprojekt werde, hat die Bahn damals jedenfalls durch ihre Absicht verneint. Wird der Bau vorangetrieben und nicht gestoppt, so wird aus dem von interessierter Seite angepriesenen Jahrhundertprojekt ein „Milliardengrab“, ob es nun fertig gestellt wird oder als halbfertige Sache liegen bleibt, die nur teilweise oder gar nicht benutzt werden kann.
– Geht es hier auch vor allem um Gründe der Vernunft, so kann doch, für einen (evangelischen) Theologen jedenfalls, die Heilige Schrift nicht einfach übergangen werden, zumal dann, wenn ihr dazu Gewichtiges zu entnehmen ist. Jesus warnt eindeutig vor dem Mammon (vgl. etwa Matthäus 6,24: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“). Der Mammon ist eine ungeheure Kraft und Verführung, mit Sicherheit eine der stärksten Versuchungen in dieser Welt. Er nimmt den Menschen gefangen, lässt ihn blind werden für sich selbst und den Nächsten, verblendet und bewirkt, entgegen der eigentlichen Absicht, auch unvernünftige, irrationale Entscheidungen. Wie geradezu gefährlich er ist, das zeigt sich an dem bekannten Wort Jesu, das diese Weltzeit bereits transzendiert und die Ewigkeit des Menschen anvisiert: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele“ (Matthäus 16,26).
– Es werden, wenn Bahnhof und Strecke vollendet werden, völlig unwirtschaftliche Projekte sein.
– Gerade as dem Grund der Unwirtschaftlichkeit nahm doch die Bahn bereits Anfang der 1990er Jahre von diesem Projekt Abstand, das erst viel später wieder aus der Versenkung geholt wurde.
– Zudem wäre die neue Trasse, weil sie für den Güterverkehr so gut wie nicht nutzbar ist und der Nahverkehr, der doch möglichst viele Haltepunkte anfahren soll, sie auch nur wenig nutzen könnte, wenig befahren, so dass doch angesichts allein schon dessen die Ausgaben sich nicht rechtfertigen ließen, die aber einen Anstieg der Fahrpreise – und nicht allein für solche Fahrgäste, die diese Strecke benutzen, sondern auch auf andere umgelegt würden – bewirkten, und auch den Steuerzahler nicht ungeschoren ließen.
– Die vorgegebene Zeitersparnis, die zudem geringer ausfallen dürfte, als die Befürworter dies vorgeben, steht in keinem Verhältnis zu den ungeheuren Kosten.
– Wirtschaftlichkeitserwägungen können nur vor solch einem Projekt wie „Stuttgart 21“ zurückschrecken lassen.
– Aufgrund des überaus kostenintensiven Prestigeprojekts „Stuttgart 21“ wird die Finanzierung anderer wichtiger Bahnprojekte, wie etwa viergleisiger Ausbau der Rheintalstrecke, Ausbau der Strecke Frankfurt – Mannheim und Verbesserung der Strecke Ulm – Friedrichshafen negativ betroffen, so dass diese langsamer, verspätet, als Sparvariante oder auch gar nicht erfolgen können.
– Die Baumaßnahmen, die sich realistischerweise über Jahrzehnte erstrecken, führen zu Verspätungen und Zugausfällen. Das macht das Verkehrsmittel Bahn nicht attraktiver, was auch finanziell spürbar werden dürfte, zumal davon nicht allein Stuttgart und seine nähere Umgebung betroffen sein werden, sondern ein großer Bereich.
– Um einen Eisenbahnverkehrskollaps zu vermeiden, ist die Anlage von Provisorien in Stuttgart auf Jahre hinaus nötig, was ebenfalls Millionen verschlingen wird.

Abschließend erkläre ich: Für mich bedeutet die Durchführung des Projekts „Stuttgart 21“, wie ich dies bereits an anderer Stelle deutlich zum Ausdruck gebracht habe, nicht weniger als das, was ich durch die Aufzählung einiger weniger Stichworte (in alphabetischer Reihenfolge) zum Ausdruck bringen möchte: Architekturzerstörung, Demokratiegefährdung, Geologiemissachtung, Geldverschwendung, Ökologiezerstörung, Ökonomiebesessenheit, (Verkehrs)Unsicherheit, Unwirtschaftlichkeit.

Walter Rominger, evangelischer Theologe, Albstadt

 

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