Geschlichtet?

„Da spürt man, wer an welcher Stelle lügt“
heißt es in dem Kommentar einer renommierten Zeitung am Tag nach der so genannten Schlichtung. Gemeint sind die Bilder von den Fakten-auf-den-Tisch-Gesprächen. „Das andauernde, zur Schau getragene Grinsen ist endlich vorbei“, seufzte erleichtert einer, der die Übertragungen verfolgt hatte. In den Debatten am Runden Tisch wurde mehr offen gelegt, als manchem der Befürworter von S21 lieb sein konnte.
Die „Fakten“, die auf den Tisch kamen, manchmal zögerlich und spät, einige auch gar nicht („Wettbewerbsverzerrung“), wären im Verborgenen geblieben, hätten nicht in großer Anzahl Bürgerinnen und Bürger geduldig, hartnäckig, deutlich ihre Kritik geäußert und Transparenz eingefordert.

Und die Fakten hinter den „Fakten“? „Doch nur ein Infrastrukturprojekt“ wurde früher immer wieder verharmlosend behauptet, als spielten Behinderte, Alte, Kleinkinder keine Rolle bei der Planung von Infrastruktur?
„Keine Kompetenz in verkehrpolitischen und juristischen Fragen“ wurde unterstellt. Unzutreffend! Selbst vehemente Betreiber konnten im Nachhinein nicht umhin, die Kompetenz auf Kritikerseite anzuerkennen.
Damit ist auch das Gerede von „unreflektierter Agitation“, von „Halbwahrheiten“ und wie die Schmähungen gegen die Kritiker alle hießen, widerlegt. Leitende und weniger leitende Vertreter der Kirchen, obwohl sie „ethische Kompetenz“ für sich in Anspruch nahmen, haben zu solchen Diskriminierungen geschwiegen, in angestrengter „Neutralität“. Immer wieder mit dem Hinweis auf „die einen – die anderen“. Gedruckte, veröffentlichte Herabsetzungen der Kritiker wurden unverhältnismäßig aufgewogen gegen Rufe aus der Menge der Protestierenden.
Die eindrücklichen, „unausgewogenen“ alten Geschichten von denen, „die sich einen Namen machen wollten“, und von dem Hirtenjungen, der gegen den Hochgerüsteten antrat, schienen sie ebenso außer Acht zu lassen wie die Option für die Armen, von der Jesus und die Apostel überzeugt waren.
Und Bewahrung der Schöpfung? Nähmen ja beide Seiten für sich in Anspruch, hieß es. Auch da lohnte sich anstatt eines „die Einen – die anderen“ genaueres Hinschauen und Hinhören. (Vgl. dazu auf diesem Blog u.a. den Artikel: „Sich einmischen – Kirche hat schon Stellung bezogen“ von Hans-Eberhard Dietrich)

Erstaunlich und mehr als respektabel war und ist, wie sich Ehrenamtliche fachkundig behauptet haben. Mit Kompetenz und Gelassenheit, Redlichkeit und Engagement gegen die materiell bestens ausgestattete Riege der Betreiber.
Vom hohen Ross herunter geholt wurden sie, die im Gestus der Arroganz der Macht anfangs nichts weiter wussten, als auf Legalität zu pochen und großmundige Sprüche zu klopfen. Und schließlich mit blanker Gewalt aufzutrumpfen.
Übrigens: Dabei ging es nicht „um die Bilder, die wir nicht mehr sehen möchten“, sondern um Menschen, die an Körper und Seele – zum Teil erheblich – verletzt worden sind.
Das „bestgeplante Großprojekt“ hat sich an etlichen Stellen als schlecht geplant erwiesen. Leistungsfähigkeit, Sicherheitsvorkehrungen, Berücksichtigung Behinderter, um nur einige Beispiele zu nennen: fraglich bis mangelhaft.
Ökologische Bestandsaufnahme: windig!
Mächtige alte Bäume aus der so wichtigen Frischluftschneise umzupflanzen: abenteuerlich!
Die Mängelliste ist lang, die Ungewissheiten angesichts erster Kommentare der Betreiber erheblich.

Dass das Projekt S21 seit Anfang mehr als ein „Geschmäckle“ hat, war vorher offenkundig und ist durch die so genannte Schlichtung nicht ausgeräumt worden.  (Vgl. dazu auf diesem Blog u.a.: Presse, „Geistige Kessellage“, SZ vom 19.10.2010; und Bassler, die Rede des ehemaligen Stadtrats vom 30.8.2010)
Das Gerede von der Alternativlosigkeit des Projekts S21 wurde entzaubert. K21 musste als ernst zu nehmende Alternative anerkannt werden. Nur sei sie („leider, leider“) nicht realisierbar, weil nicht durchgeplant und nicht finanziert, beteuerte der so genannte Schlichter. Machtlos!
Vor seinem Spruch waren die Mienen der Betreiber noch versteinert, nun hellten sie sich auf. Propaganda („Unumkehrbarkeit“) und Drohungen („Schadensersatzforderungen“) zeigten Wirkung. Wer kostenträchtige Fakten schafft anstatt rechtzeitig die Fakten offen zu legen, kann lächelnd so argumentieren.
Ob das die „besseren Argumente“ sind, darf bezweifelt werden.
Notwendigkeit und Qualität von S21 sind nach der so genannten Schlichtung nicht plausibler geworden.
Der Makel bleibt.

Karikatur: Süddeutsche Zeitung vom 2.12.2010, Seite 4

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Eine Antwort zu “Geschlichtet?

  1. Werner Scheffler

    Danke für den resoluten Artikel, der eigentlich eine absolute Bestätigung findet in einem Artikel von heute, 03.12.2010, in der Süddeutschen Zeitung.

    Ein kleiner Widerspruch regt sich in mir nur beim vorletzten Satz „Notwendigkeit und Qualität von S21 sind nach der so genannten Schlichtung nicht plausibler geworden.“ Es ist ja noch schlimmer: die Notwendigkeit von S21 wurde sogar vom Schlichter negiert, und die Qualität von S21 wird immer ein Stückwerk sein. Die einzige Rechtfertigung, die für S21 übrig bleibt, ist, dass es eben „von oben“ per Basta! so beschlossen wurde. Es hat nur gefehlt, dass Herr Geissler als Schlusswort gesagt hätte: „Ist halt dumm gelaufen für euch Stuttgarter!“

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