Offener Brief von Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin, 6.09.2010

An die Kolleginnen und Kollegen, an die Kirchenleitung und alle, die sich angesprochen fühlen.

Man kann sich bestimmte Entwicklungen lange Zeit mit mehr oder weniger Geduld anschauen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem das Maß voll ist. Dieser Punkt ist bei mir derzeit erreicht, wenn ich auf die Rolle der Evangelischen Kirche in Sachen Stuttgart 21 blicke, darauf, was sie tut, bzw. was sie nicht tut.

Als eine, die einmal Theologie studiert hat und Pfarrerin der Landeskirche geworden ist, in der Hoffnung, damit in einer Institution zu arbeiten, die in einer gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft ein Gegengewicht der Menschlichkeit bildet, bleiben einem gegenwärtig nur noch Trauer und Scham darüber, dieser Institution anzugehören.

Was ist das für ein klägliches Bild, das die Kirche derzeit nach außen abgibt, wenn sie hartnäckig –oder ängstlich? – darauf beharrt, sich nicht einmischen zu wollen angesichts eines Projekts mit mittlerweile allseits bekannten und absehbar katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen! Als Institution von immer noch bedeutendem gesellschaftlichem Ansehen räumt sie damit freiwillig den Platz als ethisches Korrektiv, das ihr von der Mehrheit unserer Gesellschaft ganz selbstverständlich zugestanden wird!
Seit Monaten zieht sich die Kirche in Sachen S21 auf diese unsägliche Raushalte-Position zurück, mit fragwürdigen Argumenten, die den zahllosen im Widerstand gegen S21 engagierten Christen und Kirchenmitgliedern weder verständlich noch vermittelbar sind.
Da geht es auf einer formalen Ebene um Dienstwege, bzw. um das, was man als InhaberIn eines kirchlichen Amtes darf oder nicht darf, was richtig oder falsch ist, anstatt darum, sich beizeiten umfassend mit dem Thema und seinen Inhalten zu beschäftigen, um dann zu erkennen, welcher Gruppierung in unserer Gesellschaft man als Kirche stärkend zur Seite stehen muss.

Ich frage mich wirklich, warum ich auf Seiten der S21-Gegner als Pfarrerin ganz alleine dastehe. Wenn es heißt, Kirche dürfe nicht Partei ergreifen sondern müsse für alle da sein, ist zu sagen, dass ihr das, indem sie sich raushält und schweigt, jedenfalls bestimmt nicht gelingt. Indem Kirche keine Stellung bezieht, steht sie immer auf der Seite der Macht und des herrschenden Status Quo und macht sich zu deren Handlanger, was ihr von intellektueller Seite seit eh und je zum Vorwurf gemacht wird.
Der Meinung, Religion sei Privatsache, sei entgegengehalten, dass Religion seit jeher eine ethische Komponente besitzt, die das Gemeinwohl betrifft. Im Fall von Stuttgart 21 sind mit der Verschiebung von Milliarden von Steuergeldern von unten nach oben sowie mit dem Kahlschlag hunderter alter Bäume höchst offensichtlich ethische Themen berührt und Grundwerte in Gefahr. Sich hier herauszuhalten, gar nobel eine Vermittlerrolle in Aussicht zu stellen, wenn sich die Parteien ordentlich gezofft haben, halte ich geradezu für zynisch. Die einzige adäquate Haltung wäre stattdessen, mit Zivilcourage auf der Seite derer zu streiten, die ganz offensichtlich den Schaden haben.

Wie gesagt, die Zurückhaltung der Kirche ist schwer nachzuvollziehen und noch schwerer auszuhalten. Vollends unerträglich wird es, wenn nun auch noch ausgerechnet ein Pfarrer sich für eine Pro Stuttgart 21 –Bewegung stark macht und sich auf dem Podium der FAZ als Opfer militanter und intoleranter S21-Gegner feiern lässt. Offenbar ist sich über die Ruf schädigende Wirkung dieser Aktivitäten für die Kirche niemand im Klaren. Es ist einfach nicht zu glauben, dass sich nicht einmal jetzt auf breiter Front Widerstand bei Kirchenvertretern regt, sich niemand distanziert und niemand sagt, der spricht nicht für uns.
Stattdessen sehe ich mich als die einzige Pfarrerin, die sich öffentlich gegen S21 exponiert hat, in der grotesken Lage, als Gegenspielerin jenes Pfarrers in den Zirkusring der Öffentlichkeit, auch den der Fernsehmedien, steigen zu sollen. Mit diesem Befürworter kloppe ich mich dann stellvertretend für die Kirche, die sich vornehm zurückhält und muss außerdem noch damit rechnen, dass von erhabener Stelle der Zeigefinger erhoben wird.

Mich würde mal interessieren, wieweit meine Kollegenschaft sich noch traut, unabhängig von der Obrigkeit eindeutig und öffentlich sozialpolitisch Position zu beziehen. Wenn sich große Bevölkerungsgruppen gegen einbetonierte Machtpositionen zur Wehr setzen, kann sich die Kirche nicht unparteiisch geben. Es geht darum, entsprechende Machtträger in der Gesellschaft zur Besinnung und zur Reflektion zu bringen.  Ich bin gespannt auf Reaktionen oder auch Nicht-Reaktionen.

Hier gibt’s diesen Text als PDF

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16 Antworten zu “Offener Brief von Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin, 6.09.2010

  1. Guten Tag,
    mir hat es fast die Sprache über die Wortwahl von Frau Ensslin als quasi „Amtsperson“ in Richtung unserer Politiker verschlagen.

    Würde ein normaler Beamter so auftreten, hätte er mit Sicherheit das Gebot der Zurückhaltung bei öffentlichen Meinungsäußerungen verletzt und müsste mit einem Disziplinarverfahren rechnen.

    Man kann gegen S 21 sein – aber die Gegner meinen, sich ALLES erlauben zu können – man sieht das im Schlossgarten – Normalbürger könnten dort kein derartiges Tohuwabhohu veranstalten und diesen zu einem wilden und wüsten Campingplatz umfunktionieren !!!

    • Martin Poguntke

      Lieber Herr Edger,
      ich freue mich, dass Sie sich dafür interessieren, wie und warum sich Christen gegen S21 wenden. Ich habe deshalb auch die Hoffnung, dass Sie auch offen dafür sind, dass christlicher Glaube vielleicht (auch) anders ist als Sie immer gedacht hatten.
      Vielleicht gelingt es Ihnen, sich vorzustellen, mit welcher Wortwahl Jesus geredet haben muss, dass er solchen Zorn der Etablierten hervorgerufen hat, dass diese ihn beseitigen wollten. Wenn wir glauben, dass Christus in die christliche Gemeinde hinein auferstanden ist – sollte dann nicht auch in unserern Gemeinden etwas zu spüren sein von dem heiligen Zorn dessen, der mit der Peitsche den Tempel geräumt hat?
      Noch ein Wort zum beschädigten Park: Ich bin auch nicht glücklich darüber, wie der Schlossgarten inzwischen zertreten ist. Aber für mich ist es eine Frage der Verhältnismäßigkeit: Um so großen Schaden von Stuttgart abzuwenden, wie ihn der Tiefbahnhof bedeuten würde, muss man, glaube ich, inkauf nehmen, dass der Protest dagegen nicht ganz ohne Schaden auskommt, den leider auch er anrichtet.
      Bleiben Sie ein nachdenklicher Mensch!
      Martin Poguntke

    • Guten Tag Herr Edger,
      bei Ihrem Kommentar könnte man auf die Idee kommen, als wäre hier jemand auf einem Auge blind. Heißt das, was Sie schreiben, dass Sie die von der Ordnungsmacht am 30. September ausgehende Gewalt gegen friedliche Bürger billigen, gar gut heißen; jenes brutale unverhältnismäßige Vorgehen, bei denen Hunderte verletzt wurden, einige so schwer, dass sie ihr Augenlicht teilweise verloren haben? Das würde mir die Sprache verschlagen, mit Verlaub. Aber andernfalls ist Ihre Empörung über die bei der Rede am 1. Oktober geäußerte Kritik an bestimmten Politikern, auf die Sie sich offenbar in Ihrem Kommentar beziehen, nicht nachvollziehbar. Was am 30. September passiert ist, legt die Vermutung nahe: Nicht die S-21-Gegner dürfen sich bei uns offenbar alles erlauben, sondern eine Politikerriege, die eigentlich dazu gewählt worden ist, für Schutz, Sicherheit und Wohlergehen aller Bürger zu sorgen. Auch die Zerstörung des Parks nahm im Übrigen mit dem Anrücken des Polizeiaufgebots und der Wasserwerfer am 20. September ihren Anfang und wird nun scheinheilig den Gegnern in die Schuhe geschoben. Last not least könnte man sich fragen, warum ausgerechnet diejenigen sich über den derzeitigen Zustand des Parks so aufregen, die doch seine Zerstörung für den Tiefbahnhof ohnehin in Kauf nehmen.

    • Sehr gehrter Herr Edger, ich bin das erste Mal „hier drauf“ und hatte – ehrlich – nur Demagogie und Mittelalter erwartet. Überrascht bin ich deshalb über die Kritik an dieser Frau Müller-Enßlin. Richtig macht es die Kirche , sich offiziell ‚rauszuhalten. –
      Leider erfahre ich auch nicht mehr was mein Vater, später Pfarrer in Brandenburg, zum Thema gesagt hätte. Als Schüler von Karl Barth, Bekennender Kirche und Schwierigkeiten mit Nazis und Kommunisten, war so ein Stuss von mittelalterlichen Bibellesart – s.o. – eben nicht Thema! So etwas stößt einen wissenschaftlich gebildeten Menschen (Ing.) ab. Auch mit Bräuchle habe ich auch ein bisschen Schwierigkeiten.
      Ich darf Sie (und die anderen, unten) zu Ihren kritischen Äußerungen beglückwünschen. Ich bin natürlich für den Hitechbahnhof! Th. Liebert

  2. Werner Scheffler

    Das ist schon immer das Schicksal der Wissenden, dass sie von den Unwissenden diffamiert werden. Aber was stört den Mond, wenn ein Hund ihn anbellt. Frau Müller-Enßlin, bitte machen Sie so weiter, Sie sind ja gar nicht alleine.

    • Lieber Herr Scheffler,
      danke 🙂
      Sie haben recht, wir sind sehr viele, das macht viel Mut!

    • Lieber Herr Werner Scheffler, als nach Ihrer Definition „Unwissender“ gratuliere ich (etwas unernst) zur Einschätzung, dass Sie sich zu den „Wissenden“ zählen und sich offenbar u.a. von Frau Müller-Enslin beflügelt sehen! Übrigens – was Diffamierungen anbelangt, sind auch K21-Anhänger wenig zimperlich…

  3. Sehr geehrte Frau Müller-Enßlin,

    ich kann an dieser Stelle (mit vorgegebenem Textrahmen) in meiner Meinungsäußerung nicht ausführlich auf Ihr Wirken gegen S21 eingehen. Vermutlich käme ich auch, nachdem ich mehrere Ihrer Beiträge gelesen habe, schwerlich an ein Ende.

    Natürlich hat jeder das Recht, gegen ein vermeintlich „unrechtes“ Projekt anzutreten. Wie es getan wird und in welcher Eigenschaft jemand auftritt, ist aber schon bezeichnend.

    Als Stuttgarter Christ – wie Sie – möchte, nein muss ich Ihnen sagen, dass ich die Art und Weise (Wortwahl, liturgische Handlungen, Deutung der Schöpfung) Ihrer öffentlichen Ablehnung in Verbindung mit Ihrem Amt in keiner Weise nachvollziehen kann und ablehne. Verwundert, mehr noch: Verärgert bin ich auch, wie zielsicher Sie zu erkennen glauben, was Gottes Schöpfung dient und was ihr entgegensteht.

    Auch ich, als Gemeindemitglied der Ev. Kirche Stuttgart, appelliere an Sie, sich als Pfarrerin zurückzunehmen. Sprechen Sie als Privatperson, wenn Sie glauben, sich in dieser Weise gegen das Projekt verkämpfen zu müssen und alte Parolen gegen „böse“ Kapitalisten wiederbeleben wollen.

  4. Werner Scheffler

    Man denkt immer, es geht nicht schlimmer, aber doch, es geht. Lieber Herr Jeschke, jetzt erklären Sie mir doch bitte, inwiefern ein Tiefbahnhofprojekt Gottes Schöpfung dient? Oder, umgekehrt, der Erhalt der Natur nicht der Schöpfung Gottes dienen soll? Dient es Gottes Schöpfung, Bäume zu fällen, Löcher in den Boden zu graben, Tunnel zu bohren? Dient es den Menschen? Nein, nicht mal denen dient es, denn die haben bereits einen Bahnhof. Es dient nur einem: dem Kapital. Und damit Sie sich bestätigt sehen: ja, es dient dem bösen Kapital.

    • Lieber Herr Werner Scheffler, in meinen Augen wird die Diskussion um einen Bahnhofsneubau völlig überhöht geführt. Manche Äußerungen von Christen tragen hierzu leider bei. Gottes Schöpfung ist ein Geschenk an seine Kreaturen und wir sind tunlichst aufgefordert, diese zu bewahren. Das leider notwendige Fällen von ca. 270 Bäumen bei Neuanpflanzung der 2-3fachen Anzahl (zugegebenermaßen kleinerer Bäume), das Untertunneln von Verkehrstrassen und das Tieferlegen eines neuen Bahnhofs als Frevel an Gottes Schöpfungsplan zu sehen, verlangt wirklich zuviel von mir ab und sollte auch von christlichen K21-Befürwortern dringend überdacht werden. Die Kritik am nur „bösen Kapital“ stammt sicher aus einer anderen Zeit (die ich leider in der ehemaligen DDR erleben musste…).

  5. Dr. M. J. Göck

    Sehr geeehrte Damen und Herren,

    zur christlichen lebensweise gehört auch der repektvolle Umgang mit der Schöffung. Gerade wir Christen sind aufgefordert mit den Ressorsen unserer Erde verantwortlich umzugehen. Bei S 21 ist dies aus meiner Sicht nicht so. Deshalb müssen wir all unseren Mut aufbringen um dieses Projekt zu stoppen. Wir können und dürfen in dieser Verantwortung nicht wegschauen. Frau Müller-Enßlin machen Sie weiter so! Wenn ich Sie dabei unterstützen kann bitte ich um Rückmeldung.
    Leider konnte ich erst zum zweiten mal beim Parkgebet dabei sein. Vielleicht können wir und beim nächsten Parkgebet persöhnlich kennen lernen.

  6. Werner Scheffler

    Lieber Herr Jeschke,
    Sie schreiben: „das leider notwenige Fällen von ca. 270 Bäumen“. Wozu ist das notwendig? Hätte Stuttgart keinen Bahnhof, und müssten zum Bau dieses wichtigen Verkehrsträgers die Bäume gefällt werden, würde wohl nur ein Bruchteil der jetzigen Protestierer auf die Straße gehen. Aber Stuttgart hat einen Bahnhof, hat einen funktionierenden Bahnhof, sogar einen der besten in Deutschland. Was jetzt aber geplant ist, ist eine Verschleuderung von Ressourcen, verbunden mit der Ignoranz der technischen Gefahren (die Ingenieure werden es schon richten?). Ich frage Sie, warum das alles? Ich höre von den Befürwortern oft: für den Fortschritt! Wo ist in diesem Projekt Fortschritt? Ich sehe nirgendwo einen technischen Gewinn in diesem Projekt, das ja auch in seinem architektonischem Konzept bereits veraltet ist. Mir fällt als Lösung leider eben immer nur das böse Kapital ein.

  7. Lieber Herr Scheffler,
    unsere Einschätzungen unterscheiden sich ganz offenbar gravierend. Sie favorisieren einen strikt bewahrenden Umgang mit vorhandenen Lösungen. Ich hingegen halte bezogen auf den Bahnhof nach ca. 100 Jahren Weiterentwicklungen für erforderlich – vor allem dann, wenn die eigentlichen Wahrzeichen, nämlich der Bahnhofsturm und der Querflügel, erhalten bleiben. Diese Vorteile sehen Sie nicht. Deshalb erreicht unsere Disskussion einen Totpunkt, über den wir leider nicht hinaus kommen. Allerdings wird bei jeder baulichen Umgestaltung das in Ihren Augen „böse“ Kapital mit beteiligt sein müssen.
    Ihnen alles Gute für die Zukunft!

  8. Sehr geehrte Damen und Herren,

    vorweg ein Wort zu meinem Beitrag vom 8. 12.2010. Natürlich kann man seinen Unmut oder Ärger zu S 21 unterschiedlich zum Ausdruck bringen. An der Herausforderung zur Bewahrung der Schöpfung ändert das nichts.

    Was heißt Schöpfung?
    Das erste Kapitel der Bibel deutet die Welt als das wohlgeordnete Werk eines planenden, schöpferischen göttlichen Willens. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe, es wahr sehr gut“ (1. Mose 1,31).
    Unangetastet haben wir Menschen die Welt spätestens seit Beginn des Ackerbaus und der Tierzählung nicht gelassen. Können wir sie unzerstört lassen?

    Die jeweiligen Grenzen des Wachstums sind eine Folge des jeweiligen Standes der Technik. Die moderne Technik ist in so rascher Entwicklung, dass wir die objektiven Grenzen unseres Wachstums nicht kennen. Ich kann nicht ausschließen, dass wir zehnmal soviel Menschen ernähren könnten, als heute auf der Erde leben; ich kann es auch nicht bestätigen – ich weiß es nicht. Jedenfalls sind aber die Grenzen des Wachstums ungeheuer hinausgeschoben durch die moderne technische Entwicklung. Hier ist eine Aufgabe der Wissenschaft, und die Wissenschaft unternimmt Anstrengungen, sich mit diesen Dingen auseinander zusetzen. Gleichwohl wage ich zu behaupten, dass unsere Wissenschaft und unsere Technik noch nicht erwachsen sind. Die Wissenschaft ist, wie jede Menschliche Tätigkeit, für ihre Folgen moralisch verantwortlich – auch wo es legal ist. Das zu Wissen, nennt man Gewissen. Die erste Betätigung dieser Verantwortung ist, dem Studium dieser Folgen nicht weniger Nachdruck zu widmen als der Mehrung des Wissens über Grundlagen und über förderliche, technische Anwendungen. Davon sind wir weit entfernt, und wir werden die Folgen zu tragen haben.

    Liebe Leserinnen und Leser, es ist ein untechnisches Verhalten, alles zu realisieren, was technisch möglich ist. Wir sind heute in Gefahr, die Existenzbasis der Pflanzen, Tiere und Menschen im Ablauf einiger Jahrzehnte zu zerstören. Deshalb müssen wir jetzt entschieden Handeln. Jeder nach seinen Möglichkeiten.

    In Erwartung auf die Geburt Christi wünschen wir Euch friedliche Weihnachten, frohe Stunden in Gemeinschaft mit Familie, Verwandte und Freunde. Alles Gute im Neuen Jahr.

  9. Werner Scheffler

    Lieber Herr Jeschke,
    zunächst einmal möchte ich mich für die sachliche Diskussion mit Ihnen bedanken. Die Zuschriften hier unterscheiden sich erfreulich von dem, was man in anderen Foren zu lesen bekommt.
    Als ich vor Jahren die ersten Pläne zu S21 zu sehen bekam, war ich begeistert. Erst durch meine Tochter, die damals in Stuttgart Architektur studierte, wurde ich auf viele Dinge aufmerksam gemacht, vor allem was mit dem Bau des neuen Bahnhofs zu tun hat. Wer sich die schönen Bilder anschaut, denkt nicht sofort an die unschönen Bilder einer Baugrube. Und an eine Bauzeit von 10 Jahren. Und an die möglichen Gefährdungen. Nur geht das Eine ohne das Andere nicht. Dann habe ich mir den vielgepriesenen Fortschritt angesehen, den der neue Bahnhof bringen soll, das, was Sie Weiterentwicklungen nennen, andere nennen es Fortschritt. Und ich konnte am neuen Bahnhof nichts davon entdecken. Es ist weiterhin nichts anderes als ein Bahnhof. Er ist nicht einmal architektonisch eine Weiterentwicklung. Was bleibt, ist der Gewinn an einigen zig Hektar Gelände, deren angedachte Nutzung auch keine Hoffnung aufkeimen ließ. Wenn man sich allerdings „die Fakten“ anschaut, dann erkennt man schnell, dass es weder der Bahn, noch dem Land oder der Stadt um einen neuen, besseren Bahnhof geht (Herr Kefer hat das ja zugegeben), sondern nur um die damit verbundenen Kapitalflüsse. Ob gutes oder böses Kapital, das sei dahingestellt, Kapital an sich ist nicht böse, darin sind wir uns sicher einig. Die Bahn bekam Geld von der Stadt, vom Land, vom Flughafen, vom Bund. Letztlich alles von uns, dem Steuerzahler. Die Verlogenheit hinter diesem Deal offenbart sich schon durch die Aussage, der Bahnhof sei ein Geschenk an die Stadt Stuttgart. Sinn und Zweck des gesamten Projektes ist also eine Kapitalverschiebung zu Gunsten der Bahn, damit die dortigen Verantwortlichen endlich ihren Traum erfüllen können, die Bahn an die Börse zu bringen. Dass dieser Traum seit Jahren von Ex-Managern der Firma Daimler-Benz (oder wie auch immer sie im Moment offiziell heissen mag) verfolgt wird, ist entlarvend. Ex-Manager, denen es mehrmals beinahe gelungen wäre, dem eigenen Ruhme zuliebe, diese Firma zu ruinieren. So fehlt mir letzten Endes das Vertrauen in das Projekt sowie in die Projektbetreiber.
    Natürlich haben Sie vollkommen Recht mit der Feststellung, dass jede Baumassnahme Eingriffe in der Umwelt hervorruft und mit dem Fluss von Kapital verbunden ist. Umso wichtiger ist es, abzuwägen, was sinnvoll ist. Die Prämisse ‚was technisch machbar ist‘ ist – in meinen Augen – ein schlechter Ratgeber.
    Heiner Geissler hat vor einigen Monaten einen interessanten Vortrag in der Friedenskirche gehalten mit dem Titel ‚Metanoeite‘, ‚kehrt um‘. Insofern finde ich es schade, dass er sich in seiner Beurteilung des Projektes nicht an das Motto des eigenen Vortrags gehalten hat.
    Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachtstage!

  10. Wolfgang Schiegg

    All jenen, die sich darüber empören, dass engagierte Theologen/innen wie zum Beispiel Frau Pfarrerin Müller Ennßlin und andere – sicher nicht mit leichtem Herzen, aber mit Herzblut – das Wort ergreifen, möchte ich dringend empfehlen, sich einmal die Zeit zu nehmen, die Denkschrift der EKiD „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ von 2008 zu studieren. Daraus seien hier nur zwei Abschnitte, die trefflich in unseren Kontext passen, zitiert. Sie haben die Überschrift: „Wozu spricht die Kirche“?
    „(30) Kirchliche Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen wollen
    vom christlichen Glauben her das rechte Wort zur rechten
    Zeit sagen. Sie machen aufmerksam auf gegenwärtige und absehbare
    Herausforderungen und Problemlagen. Sie antworten
    auf aktuelle Fragen, die von gesamtgesellschaftlicher und politischer
    Bedeutung sind. Sie versuchen, auch selbst wichtige
    Fragen zu formulieren, Th emen neu ins Bewusstsein zu heben
    und die Horizonte aufzuzeigen, vor denen Antworten gefunden
    werden können. Sie nehmen Stellung zu divergierenden
    Positionen im öff entlichen Diskurs, zu widerstreitenden Interessen
    und zu notwendigen Güterabwägungen.
    (44) Kirchliche Äußerungen zu gesellschaftlichen und politischen
    Fragen müssen bereit sein, Partei (im Original kursiv!) zu ergreifen:
    Im Gehorsam gegen Gottes Gebote und im Wissen
    darum, dass im bedürftigen Mitmenschen Christus begegnet (Matthäus
    25,31ff .), vertreten Christenmenschen vorrangig die Option
    für die Armen und Schwachen, aber auch für die kommenden,
    noch nicht geborenen Generationen und ihre Lebensmöglichkeiten
    – und zwar im konkreten, materiell-physischen
    und im übertragenen psychischen sowie im geistlichen
    Sinn. Für sie die Stimme zu erheben, ihr Anwalt zu sein,
    ihnen Wege zu gerechter Teilhabe und faire Chancen zu eröffnen,
    ist wesentliches Merkmal des Dienstes, zu dem christlicher
    Glaube motiviert. Zugleich ist es notwendig, diejenigen
    zu ermutigen, zu bestärken und ihre Anliegen zur Sprache zu
    bringen, die sich mit »Herzblut«, mit Fantasie, Kreativität
    und Kraft für ein menschenwürdiges Leben in der Gesellschaft einsetzen
    – die Kinder erziehen, alte, kranke und behinderte
    Menschen pflegen, und so als unverzichtbare Leistungsträger
    zum Wohl der Allgemeinheit beitragen.“
    Aus: Das rechte Wort zur rechten Zeit
    Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
    zum Öffentlichkeitsauftrag der Kirche (2008)
    Besonders möchte ich die Lektüre dieser Denkschrift aber unseren kirchenleitenden Funktionären ans Herz legen, die eben jenes notwendige Sprechen der Kirche in Blick auf S 21 verweigern und für die nun andere Theologen/innen in die Bresche springen müssen, um ihrer christlichen Veranwortung gerecht zu werden.
    Wolfgang Schiegg

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