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Parkgebet am 19. März 2026

(hier diese Ansprache als pdf-Datei)

Ansprache zum Parkgebet am 19. März 2026 (von Pf.i.R. Martin Poguntke)

Liebe Parkgebetsgemeinde, wir haben ja einige wichtige Gründe, warum wir den Tiefbahnhof ablehnen: die mangelnde Leistungsfähigkeit, der praktisch nicht vorhandene Brandschutz, die Klimasünde Rosenstein und sicher noch einiges mehr.

Heute will ich auf den Kritikpunkt mangelnde Barrierefreiheit zu sprechen kommen. Das war ja von Anfang an eines unserer wichtigen Argumente: dass der Bahnhof für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ziemliche Erschwernisse und Gefahren birgt. Und auch für Leute, die einfach Kinder dabeihaben oder einen Kinderwagen oder einfach nur schweres Gepäck.

Kein einziger Bahnsteig ist ohne Treppen bzw. Aufzüge zu erreichen. Das ist schon im Alltagsbetrieb eine oft unüberwindbare Hürde. Denn Aufzüge und Rolltreppen fallen bekanntlich immer wieder aus. Und natürlich, weil im Brandfall die Aufzüge gar nicht benutzt werden dürfen – entgegen allen Lügen der Bahn – und Gehbehinderte dann nicht schnell genug entkommen können. Die Rolltreppe Richtung Haltestelle Staatsgalerie ist z.B. nur eine einfache; sie fährt entweder nach oben oder nach unten; es gibt keine zweite.

Und auch schon jetzt ist ja der „Fernwanderweg“ für Menschen mit Gehbehinderung eine reine Katastrophe. Daran ändert der kleine Shuttle-Service nichts Grundsätzliches.

Was oft auch nicht bedacht wird: Für Menschen mit geistiger Behinderung ist ein Kopfbahnhof viel übersichtlicher. Der Tiefbahnhof aber, bei dem man von jedem Bahnsteig zum nächsten Treppen hoch und wieder runter gehen und die Richtung ändern muss, der ist für sie fast ein Labyrinth.

Es gibt zum Glück die UN-Behindertenrechts-Konvention. Sie fordert in den Unterzeichner-Staaten vergleichbare Lebensbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderungen. Und Deutschland hat diese Konvention unterschrieben. Aber auch schon vorher war es für uns fast eine Selbstverständlichkeit, dass auf Menschen mit Einschränkungen Rücksicht genommen wird.

Als Rechtsnorm ist das eine Errungenschaft dieses Jahrhunderts. Aber als ethische Grundorientierung ist das eine uralte Sache, die schon von Beginn an die Bibel prägt. Wir Theologen nennen diesen roten Faden, der sich da durch die Bibel zieht, die „vorrangige Option für die Schwachen“. Das soll heißen: Wo wir die Wahl haben, uns auf die Seite der Starken oder der Schwachen zu stellen, da ist es durchgängig biblische Forderung, dass wir aufseiten der Schwachen zu stehen haben.

Ich habe in letzter Zeit immer wieder darüber nachgedacht, wie das eigentlich zusammenpasst: Die Bibel richtet einerseits eine so hohe ethische Forderung an den Menschen, und andererseits wird ja doch der Mensch als sündiger, gefallener Mensch gesehen. Wir kennen sie alle, die Geschichte vom Sündenfall, mit der Schlange und in der Mitte des Paradiesgartens dem Baum mit der begehrenswerten Frucht, von der Adam und Eva gegessen haben, obwohl ihnen das verboten war.

Es ist üblich, mit dieser sogenannten Sündenfall-Geschichte nicht die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen zu verbinden, sondern das traurige Kapitel des zum Sünder gewordenen, aus dem Paradies verbannten Menschen. Ich will heute einmal den Versuch unternehmen, genau diesen „Sündenfall“ als „Glücksfall“ zu deuten, durch den erstmalig in der Geschichte der Pflanzen und Tiere genau diese Rücksicht auf die Schwachen erst möglich wird.

Die Erzählung vom Sündenfall ist, wie die meisten biblischen Geschichten, eine bildhafte Erzählung. Sie erzählt – wie ein Gleichnis – nicht von der Sache selbst, sondern bildhaft von einer Sache, die sich hinter dem Erzählten verbirgt.

Was verbirgt sich hinter ihr? Das scheint mir zunächst die Erfahrung der damaligen Hirten und auch der Bewohner erster Städte zu sein: dass sie zwar ohne Zweifel Teil der sie umgebenden Natur waren, aber doch spürten, dass sie irgendwie nicht dazugehörten. Sie lebten und starben, wie alles Leben, und doch hatten sie viel größere Macht und Freiheit, dieses Leben und Sterben zu gestalten. Ein Stück weit waren sie auch Herren, die über Leben und Sterben, Gutes und Böses, Aufbauen oder Zerstören bestimmen konnten. Sie spürten: Menschen sind dem Leben unterworfen und doch auf irgendeine Weise auch Herren des Lebens. „Wenig niedriger als Gott“, heißt es im Psalm acht.

Menschliches Leben unterscheidet sich so elementar vom übrigen Leben, dass es schon damals als getrennt vom Leben, der Natur, der Schöpfung wahrgenommen wurde: getrennt, abge„sond“ert, abge„sünd“ert, „sünd“ig. Daher das Wort „Sün­de“. Deshalb schon damals die Frage: Warum leben wir Menschen so getrennt von der Natur, der Schöpfung und damit wohl auch von Gott? Und das steckt hinter der Sündenfall-Geschichte: die Frage: Warum leben wir in „Sünde“, und welche Folgen hat das? Die Sündenfall-Geschichte versucht erzählerisch einen Erklärungsversuch, woran das liegt.

Recht scharfsinnig erkennt die Sündenfall-Geschichte, dass das einen Zusammenhang mit unserer Fähigkeit zu denken haben muss. In der Bildsprache dieser Geschichte spricht sie davon, dass die ersten Menschen „vom Baum der Erkenntnis gegessen“ hätten. Und wer „Erkenntnis“ hat, wer Verstand hat, denken kann, der passt nicht mehr ins Paradies. Folgerichtig werden Adam und Eva aus dem Paradies verbannt.

Adam ist ja nicht wirklich ein Name, sondern das hebräische Wort für „Mensch“. Die Sündenfall-Geschichte erzählt nicht von einem einzelnen Menschen namens Adam – oder von zweien, wenn wir Eva mit dazurechnen –, sondern von „dem“ Menschen, von der Gattung Mensch. Die Gattung Mensch wurde aus dem Paradies verdammt, weil sie mit ihrer Fähigkeit zu denken keine Tiergattung mehr war. Ins Paradies passen keine Lebewesen, die durch ihr Denken aus dem selbstverständlichen Funktionieren der Natur ausscheren.

Das müssen wir uns klarmachen: Wir Menschen können mit unserem Verstand nicht nur die Welt um uns her auf komplexe Weise in unserem Gehirn abbilden – das können auch Tiere. Sondern wir können auch diese Abbildungen wiederum in unseren Gedanken abbilden und beliebig umgestalten. Und wir können auf diese Weise die Welt nicht nur gedanklich in uns und im Gespräch mit anderen abbilden. Sondern wir können ja sogar gedanklich eine ganz neue Welt erschaffen. Und wir können diese Welt gedanklich weiterverarbeiten und umgekehrt in Beziehung setzen zu der realen Welt, die uns umgibt.

Und ja, wir können mit diesen Bildern im Kopf sogar umgekehrt die reale Welt um uns her gestalten und verändern, können der Welt unsere eigenen Regeln geben usw. Und wir können das Ganze auch noch untereinander austauschen und uns gegenseitig mit unseren Bildern von der Welt anregen, sie ergänzen, sie gegeneinander abwägen, gemeinsame Bilder, Wege, Utopien entwickeln und unser Leben gemeinschaftlich an dem ausrichten, was wir gemeinsam erdacht haben. Usw. usw.

Schier unendlich ist das, was wir mit unserem Verstand anstellen können. Und das führt dazu, dass wir sogar die Frage, wer welche Zukunftschancen hat, selbst in die Hand nehmen können. Bei uns Menschen kommt es deshalb nicht mehr auf gute Gene an, damit unsere Art gute Überlebenschancen hat. Vielmehr sind unsere Gene fast bedeutungslos für unsere Lebenschancen. Stattdessen sind die wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen wir aufwachsen, und unsere Stellung in der Gesellschaft entscheidend dafür, welche Überlebenschancen wir und unsere Kinder haben.

Und jetzt kommt der Knackpunkt: Bei Tieren und Pflanzen ist es so: Sie müssen die starken Gene weitergeben, damit ihre Art oder Gattung gute Überlebenschancen hat. Sie müssen deshalb im Kampf der Natur automatisch immer ihre stärksten Mitglieder nach oben kommen lassen, damit in der nächsten Generation möglichst starke von den Genen weitergegebene Eigenschaften das Überleben der nächsten Generation absichern.

Und wir Menschen – müssen das nicht. Vielmehr können wir ohne Probleme schwache, kranke, alte, behinderte Menschen in unserm Alltag mit leben lassen. Das bedroht unsere Überlebenschancen überhaupt nicht. Denn wir haben ja, bildlich gesprochen, mit unserem Verstand ein so starkes Gerüst von Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur erbaut, dass es durch Menschen mit Schwächen überhaupt nicht bedroht wird. Wir Menschen können deshalb etwas, was im Tier- und Pflanzenreich niemand sonst kann: Wir können systematisch auch die Schwachen unter uns leben lassen und ihnen gleichwertige Lebensmöglichkeiten bieten wie den Starken.

Und warum können wir das? Weil wir, bildlich gesprochen, vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Weil wir Menschen geworden sind. Ins Paradies passen wir deshalb nicht mehr. Um dorthin zu passen, muss ein Lebewesen ohne zu großes Bewusstsein einfach nur Teil des genetisch bestimmten Funktionierens der Natur sein. So viel Verstand, dass die Gene nicht mehr die Hauptrolle spielen, passt nicht ins Paradies.

Und so ergibt sich die paradoxe Situation: Ausgerechnet durch den „Sündenfall“ haben wir Menschen die Fähigkeit bekommen, die Schwachen zu schützen. Wohlgemerkt: nur die Fähigkeit dazu. Leider nicht auch, dass wir das deshalb automatisch auch immer täten. Im Gegenteil ja sogar: Die Freiheit und den Verstand, die wir haben, um die Schwachen zu schützen, können wir auch nutzen, um rücksichtslos uns selbst Vorteile zu verschaffen und – letztlich – sogar die Welt zu zerstören.

Wenn Gott die Kraft ist, die in der Schöpfung bis heute wirkt, dann ist diese Kraft mit der Erschaffung des denkenden Menschen ein unglaubliches Risiko eingegangen: Mit der Fähigkeit zu lieben und die Schwachen zu schützen geht die unglaubliche Gefahr einher, dass dieser Mensch die Schöpfung zerstört. Um dieser Gefahr zu begegnen – auch in uns selbst – hilft nur eines: Wir müssen miteinander einen spirituellen Austausch pflegen, bei dem wir die liebevollen, verantwortungsbewussten, demütigen, vergebenden Kräfte immer neu miteinander austauschen und leben. Wir müssen sie immer neu in Worte und Bilder und Geschichten und Lieder packen, um uns gemeinsam an der Menschenliebe und am Schutz der Schwachen auszurichten.

Das ist es, was wir hier im Parkgebet machen und was – hoffentlich – landauf, landab in Gottesdiensten geschieht. Möge die Schöpferkraft uns darin immer neu stärken. Amen.