Archiv der Kategorie: Müller-Enßlin

Rede von Guntrun Müller-Enßlin am 12. September

Was die Mitunterzeichnerin der Gemeinsamen Erklärung „Pfarrerinnen und Pfarrer gegen S21“ am 12. September 2011 bei der 91. Montagsdemo gesagt hat, finden Sie hier:
http://www.youtube.com/watch?v=tXdChvFBzic

GEWALT IST ABZULEHNEN

Gewalt als Methode, um Interessen durchzusetzen,
ist abzulehnen

Abzulehnen ist körperliche Gewalt gegen Menschen, die deren Leib und Leben in Gefahr bringt und ihre Gesundheit aufs Spiel setzt.
Abzulehnen ist Gewalt gegen die Umwelt, gegen Landschaften mit ihren Lebewesen, gegen Bäume, Pflanzen, Gewässer, die unseren Lebensraum und die Grundlage unserer Gesundheit und Lebensqualität bilden.
Abzulehnen ist Gewalt gegen Dinge. Hierunter fällt die Sachbeschädigung von Baumaterialien ebenso wie die Zerstörung denkmalgeschützter Gebäude.
Abzulehnen ist verbale Gewalt, die Sachverhalte und Wahrheiten verdreht, verschweigt, aufbauscht, frisiert, klein oder groß redet und damit die Realität manipuliert und Menschen wie Verbrecher an den Pranger stellt.
Abzulehnen ist mediale Gewalt, die einseitig unüberprüfte Behauptungen streut, vervielfältigt und dadurch Hetzkampagnen anzettelt, die Schäden an der Psyche einer Allgemeinheit anrichtet und ihr Klima vergiftet.
Abzulehnen ist strukturelle Gewalt, die Menschen ver-ge-waltigt, indem sie mit der Ignoranz und Arroganz der Macht über berechtigte Anliegen hinweggeht, die täuscht, trickst, lügt, betrügt und Menschen in unverschämter Dreistigkeit an der Nase herumführt und für dumm verkauft.

Gewalt provoziert neue Gewalt.
GEWALT IST ABZULEHNEN.

Guntrun Müller-Enßlin

Für eine lebendige Stadt begeistert auf-er-stehen – Gottesdienst im Park am 15.5.2011

Ein ganz herzliches Willkommen an Sie alle, liebe Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher,
liebe Bewegte, die Sie von innerhalb und außerhalb dieser Stadt hierher gekommen sind, wo wir an einem der schönsten Plätze Stuttgarts diesen Gottesdienst feiern wollen.

Zu Anfang ein kurzer Spot rückwärts: Es war am 5. April 2010, am Ostermontag, hier an diesem Ort: Damals haben wir den ersten Gottesdienst im Schlossgarten gefeiert unter dem Motto „Sucht der Stadt Bestes“. Ich freue mich sehr, dass Sie heute, etwas mehr als ein Jahr später an diesem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten dabei sind, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht sind Sie aber auch wieder dabei  – und wenn es so ist, dass Sie wieder dabei sind, dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir: Das Jahr, das seither vergangen ist, zieht an mir vorbei und angesichts der unglaublichen Geschichte, die sich in Stuttgart seither vollzogen hat, bin ich immer noch von den Socken und möchte dann und wann sagen: He, kneift mich mal, ich glaub, ich träum. Kein Stückeschreiber hätte besser erfinden, kein Regisseur besser in Szene setzen können, was da als atemberaubende Realität ihren Lauf genommen hat mit uns Bürgerinnen und Bürgern als Akteuren.  Der Gottesdienst heute ist denn auch alles andere als ein Déjà Vue. Damals vor einem Jahr hatten wir in Analogie zum Proprium von Ostern, der Auferstehung, gerade begonnen, aufzustehen. Der Aufstand  war noch jung, wir hatten uns gerade auf den Weg gemacht, das Beste für unsere Stadt zu suchen, wir hatten zu träumen begonnen und gewagt unseren Träumen zu folgen, wir hatten appelliert an die Stadtoberen, unseren Argumenten zuzuhören. Mir kommt das heute fast vor wie in einem anderen Leben. Denn was klein anfing, hat sich zu einer mächtigen Bewegung entfaltet, beispiellos in Stuttgart, beispiellos in ganz Deutschland. Blitzlichter flammen vor mir auf: Bauzaunaufstellung, Nordflügelabriss, Schwarzer Donnerstag, Faktencheck, die folgende Depression, die Ereignisse um Fukushima, schließlich die Wahlen und ihr sensationelles Ergebnis, und schließlich, letzten Donnerstag, die Vereidigung der neuen Landesregierung  mit Winfried Kretschmann als erstem grünem Ministerpräsidenten in Deutschland. Weiterlesen

Montagsdemo 24.01.2011 – Ansprache von Guntrun Müller-Ensslin

Liebe nimmermüde Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe penetrante Zuversichtliche, liebe unverbesserliche Gerechtigkeitssucherinnen und –sucher, die Sie Winter und Wetter, Regen, Sturm, Schnee und Eis nicht scheuen, um hierher zur Demo zu kommen,

Als ich vor fast einem Jahr am Ende des Winters hier am Bahnhof eine Rede gehalten habe, da hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir Stuttgarterinnen und Stuttgarter einen zweiten Winter durch-stehen müssten; noch weniger allerdings hätte ich mir träumen lassen, dass wir ihn tatsächlich durchstehen würden.
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„Mütter stellen sich quer“ – Guntrun Müller-Enßlin

Statement zu „Stuttgart 21“ anlässlich der Aktion „Mütter stellen sich quer“ am 06.08.2010

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

Mütter aus Stuttgart haben sich heute Abend hier versammelt und angekettet. Wir Mütter protestieren dagegen, dass Milliarden von Steuergeldern in einem großen Loch namens Stuttgart 21 verbuddelt werden sollen. Als Mütter stehen wir ein für die Zukunft unserer Kinder und setzen mit dieser Aktion ein Zeichen dafür. Die Zukunft unserer Kinder steht für uns an erster Stelle. Für diese Zukunft fehlt  das Geld derzeit an allen Ecken und Enden.

Beim Blick auf die Verteilung der Finanzmittel hier in Stuttgart ergibt sich ein groteskes Bild: Die Stadt steckt mit über einer Milliarde Euro im Projekt Stuttgart 21, bringt aber beispielsweise nicht die 340 Millionen €uro auf, die für Schulsanierungen gebraucht würden.

Bei der Betreuung von Kindern zwischen 0 und 12 Jahren sind gerade mal 30% abgedeckt, der Bedarf liegt bei über 50%. Und laut neuesten Erhebungen lebt jedes achte Kind unter 7 Jahren in Baden-Württemberg an der Armutsgrenze, Ten denz steigend.

Wir Mütter sagen: Die Qualität der Zukunft unserer Kinder hängt nicht davon ab, ob sie künftig in einem tiefer gelegten Bahnhof ankommen und abfahren können. Wenn sie eines Tages hier in Stuttgart keine Zukunft mehr haben, werden sie so oder so einen Weg finden, um wegzukommen. Die Zukunft unserer Kinder hängt davon ab, ob sie ein gutes Bildungsangebot und die entsprechenden Rahmenbedingungen bekommen. Sie hängt davon ab, dass ihnen nicht nur ein Minimum an sozialer Absicherung zuteil wird, sondern eine finanzielle Förderung, die auch Kindern aus ärmeren Bevölkerungsschichten eine echte Chance bietet. Die Ganztagesbetreuung muss gefördert werden, Schulküchen müssen eingerichtet werden, die Möglichkeiten der Hausaufgabenbetreuung intensiviert werden. Wenn die 14.000 Kinder, die in Stuttgart an der Armutsgrenze leben, monatlich 50,- €uro auf die Bonuscard bekämen, würde das die Stadt jährlich gerade mal schlappe achteinhalb Millionen Euro kosten, ein Klacks gegenüber den Tausend Millionen, die unsere Stadt für Stuttgart 21 locker macht.

Wir wissen ganz genau: Für all diese wichtigen Dinge, die unseren Kindern nützen würden, ist im Prinzip Geld da, es muss nur entsprechend eingesetzt werden.

Gleiches gilt für die Finanzmittel auf Bundesebene. Da hat doch Ministerpräsident Mappus kürzlich bei der Bekanntgabe der Kostenneuberechnung für die Neubaustrecke Wendlingen – Ulm sinngemäß verlauten lassen, die zusätzlichen Mehrkosten von fast 900 Millionen €uro brauchten uns nicht zu bekümmern, die zahle sowieso der Bund. Seine Aussage ist an Zynismus nicht zu überbieten! Da fragen wir Mütter uns:  Ja, sind das etwa keine Steuergelder von Bürgerinnen und Bürgern, nur weil sie vom Bund kommen? Steuergelder, die zwischen Stuttgart und Ulm auf der Strecke bleiben und ebenfalls ohne Not verbuddelt werden sollen, in einem Projekt, das eine überwältigende Bürger-Mehrheit gar nicht will? Während gleichzeitig auf Bundesebene ein Sparpaket geschnürt wird, das in skandalöser Weise die sozial Schwachen benachteiligt? Es schreit zum Himmel, wenn die Kürzung des Elterngeldes ausgerechnet  auf dem Rücken von Hartz IV-Empfängern ausgetragen wird,  man fasst es nicht! Die Leidtragenden sind hier insbesondere allein erziehende Mütter und, abhängig von ihnen, wiederum die Kinder.

Und hier ist die Botschaft von uns Müttern, die wir heute Abend hier sind – an alle, die es angeht – an die Stadt, an das Land und nach Berlin: Wir brauchen beide Projekte nicht! Wir brauchen weder den Bahnhof, noch die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Was wir brauchen, ist eine solide und großzügige Finanzierung der Zukunft unserer Kinder. Erfolgt kein Ausstieg aus dem Großprojekt, so wird das nicht nur uns, sondern auch noch unsere Kinder auf Jahrzehnte hinaus finanziell in Ketten legen.

Wir appellieren an die Verantwortlichen an den Schaltstellen:  Tun Sie alles, um das Bauprojekt Stuttgart 21 zu stoppen, noch ist nichts wirklich begonnen! Lassen Sie das Projekt Neubaustrecke erst gar nicht beginnen! Ergreifen Sie die Chance! Nie wieder haben Sie die Möglichkeit, mit soviel Bürgerunterstützung so schnell zu Geld zu kommen. Geld, das Sie dann dort investieren können, wo es nötig ist: Bei unseren Kindern, auf eine Weise, die ihnen ein lebenswürdiges qualitätsvolles Heranwachsen ermöglicht. Und da soll uns keiner erzählen, dass das nicht geht! Es soll uns keiner erzählen, dass unser Geld nicht umverteilt werden kann. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Der Wille von uns Bürgerinnen und Müttern ist da! Nun liegt es an unseren gewählten Vertreterinnen und Vertreter, diesen Willen auch umzusetzen.

Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin

Predigt im Schlossgarten, Ostern 2010 – Guntrun Müller-Ensslin

Predigt beim Gottesdienst im Grünen mit Fürbitte um Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Stadt im Stuttgarter Schlossgarten am Ostermontag, 05.04.2010 um 17 Uhr.

Predigttext: „Sucht der Stadt Bestes!“ Jeremia 29,7

Liebe Gemeinde,

Städte waren von jeher faszinierende und gefährdete Orte zugleich. Nirgendwo liegen Schönes und Hässliches, Positives und Negatives, Anziehendes und Abstoßendes, Jammer  und Glück so nahe beieinander wie in den Städten. Stadtluft kann frei, aber sie kann auch krank machen. In Städten können Menschen aufblühen, aber sie können auch verzweifeln.

Stadtleben, das heißt Kunst und Kultur, das heißt Innovation und Tempo, das heißt Bildung und Architektur. Aber Stadtleben heißt auch Lärm, Verkehrschaos, Abgase, Stress, Anonymität, Kriminalität. Städte sind Zentren von Macht und Geld, aber jede größere Stadt hat auch ihre sozialen Brennpunkte. Nirgendwo sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich größer als in Städten. Nirgendwo leben Menschen näher beieinander, sind derart angewiesen aufeinander und nirgendwo sind sie einander fremder. Nirgendwo gibt es soviel Vielfalt auf engstem Raum, im Guten wie im Schlechten und darum liegt auch nirgendwo soviel Potential an Sprengstoff herum wie in einer Stadt. Das ist in Stuttgart nicht anders als in jeder anderen Stadt der Welt.

Weil das so ist, deswegen bedürfen gerade die Städte einer besonderen Sorgfalt im Umgang mit ihren Belangen. Es lohnt sich, dass diejenigen, die das Stadtgeschehen lenken, viel investieren in die Pflege und die Fürsorge daraufhin, was einer Stadt gut tut und was nicht. Man tut gut daran, sich in Bezug auf  Zukunftsplanungen viel Zeit zu nehmen, auch mal etwas wieder zu kippen, wenn es nicht mehr aktuell ist,  Besonnenheit und Achtsamkeit  walten zu lassen daraufhin, welche Prioritäten man setzen will. Insbesondere bei Bauvorhaben ist Fingerspitzengefühl und Feingefühl vonnöten in Bezug auf das, was angebracht ist und was die Menschen wirklich brauchen. Wer das Augenmaß verliert, steht allzu schnell vor einem Trümmerhaufen.

Diese Erfahrung haben Bewohner von Städten  immer wieder gemacht, auch die Bibel erzählt von ihnen. In der Stadt Babel schätzten die Menschen ihre Kräfte falsch ein, so dass der kühne Plan eines Turmbaus bis in den Himmel in einem Fiasko endete. Die Stadt Jerusalem wurde im Lauf ihrer Geschichte mehrmals platt gemacht, weil ihre Tribunen immer wieder mit den falschen Leuten paktierten. Das Bewusstsein um das Gefährdungspotential von Städten war sehr präsent, weswegen Menschen in der Bibel das Phänomen Stadt auch immer wieder explizit zum Thema gemacht haben. Die Gedanken kreisten darum, es wurde über Städte nachgedacht, es wurde über Städte geweint und es wurde in Städten geweint. „An den Wassern von Babylon saßen wir und weinten“ …heißt es in einem Psalm.

Auf dem Hintergrund der Erfahrungen, die Menschen in alter Zeit mit ihren Städten gemacht haben, ist wohl auch der Aufruf zu hören: „Sucht der Stadt Bestes!“
Sucht der Stadt Bestes – das sagt der Prophet Jeremia ausgerechnet den Menschen, die  aus dem wieder einmal zerstörten Jerusalem weggeschleppt im fernen Babylon Zwangsarbeit leisten müssen. Sie finden sich wieder, gezwungen zum Leben in einer Stadt, die ihnen fremd ist und in der ihnen die Freiheit verloren gegangen ist. Und offenbar stand es mit dieser Stadt selber auch nicht gerade zum Besten. Das Wort Sündenbabel kommt nicht von ungefähr. Macht und Korruption, Ausbeutung der Schwachen, Prunk und Willkür auf  Kosten der Armen waren an der Tagesordnung.  Jeremia ermutigt die Gefangenen, sich in der fremden Stadt nicht rauszuhalten, in der Hoffnung, dass sie bald wieder nach Hause können. Er ermutigt sie, eben nicht zu sagen, macht, was ihr wollt, das geht mich nichts an, sondern ihr Schicksal anzunehmen, die Stadt zu ihrer Stadt zu machen, für sie zu beten und sich aktiv zu beteiligen an der Sorge um das Wohl dieser Stadt. „ Sucht der Stadt Bestes!“ appelliert er. „Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut. …Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft.“

Sucht der Stadt Bestes also. Aber was ist das Beste für eine Stadt? Woran kann sich dieses Beste orientieren?
Auch hier haben biblische Menschen weitergefragt. Und aus dem Bewusstsein des Negativpotentials von Städten  heraus haben sie den Prototypen einer vollkommenen, einer vollkommen  neuen Stadt entworfen. In einer kühnen Vision, die wir vorhin gehört haben, entwirft der Seher Johannes das neue Jerusalem als Modellstadt, an dem sich unsere Städte messen können.

Diese Stadt hat ihre besondere Qualität vor allem darin, dass sie eine durch und durch einladende Stadt ist, zu erkennen an der Zahl ihrer Tore, die nie geschlossen werden. Ein Zeichen dafür, dass bei Gott  alle Ausgrenzungen aufhören,  alle dürfen teilnehmen am Leben in dieser Stadt und an ihren Geschicken.. Die Stadt ist außerdem eine kommunikative Stadt. Die kommunalen Belange haben Vorrang vor den Privaten, Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Es ist eine begrünte Stadt mit einem Fluss, an dem Bäume wachsen, deren Blätter und Früchte den Menschen zur Lebengrundlage und zur Gesundheit dienen. Des Weiteren ist die Stadt Gottes eine wirklich demokratische Stadt, in der die Regierenden einhergehen wie jedermann, und in der sogar Gott mitten unter den Menschen wohnt, ansprechbar für alle. „Gleichheit“ lautet also der erste und einzige Verfassungssatz dieser Stadt. Und schließlich: In dieser Stadt kommen alle kriminellen Machenschaften an ihr Ende: „Nichts Böses dringt in sie ein, obwohl sie absolut offen ist.“

An dieser Modellstadt also können wir uns orientieren, wenn wir nach der Stadt Bestem suchen, wenn wir nach dem suchen, was für unsere Stadt Stuttgart das Beste ist. Und das wollen wir tun an diesem Ostermontagnachmittag 2010, an dem außer der Osterfreude und der Freude über den Einzug des Frühlings in Stuttgart nach dem langen Winter auch so viel Unruhe und Besorgnis über der Stadt liegt, gerade in den letzten Tagen.

Was also gehört zu einer Stadt im Sinne von Gottes Prototyp?

Zunächst: Eine Stadt muss atmen können. Wer ein Empfinden für Städte hat, der weiß wie wichtig es ist, Natur in ihr zu haben, und wie schwer es ist, Natur zu erhalten. Zu einer Stadt gehört eine grüne Lunge, die nicht amputiert werden darf, auch nicht Teile von ihr, auch nicht auf Zeit. Auch nicht für 10 oder 15 Jahre. 10/15 Jahre, das ist eine ganze Kindheit. Das ist eine Spanne, an deren Ende viele von uns nicht mehr da sein werden. Und auch hinterher wird diese Lunge für die Lebenszeit einer ganzen Generation nicht mehr das sein, was sie einmal war. Diese Stadt und wir Menschen in ihr leben von den Bäumen. Wir bekommen von ihnen unendlich viel mehr, als wir ihnen je geben können. Und deswegen leihen wir den Bäumen, die keine Stimme haben, an dieser Stelle unsere Stimme und wir rufen: Diese Bäume, die unsere Freunde sind und die Freunde der Vögel und der Insekten, deren Lebensraum sie bilden: Diese Bäume wollen wir nicht hergeben, diese Bäume wollen wir behalten! Diese Bäume müssen wir nicht erst suchen, sondern die sind schon da; die sind der Stadt Bestes; die sind etwas vom Besten, was diese Stadt hat. Und wir werden alles tun, damit wir Euch Bäume behalten.

Wenn wir bei der Suche nach dem Besten für unsere Stadt Maß nehmen an der neuen Stadt Gottes, dann gehört dazu auch der soziale Friede. Das heißt zum Beispiel, dass nicht vorhandenes Geld nicht ausgegeben werden darf, weil es diese und künftige Generationen in Armut stürzt. Es heißt, dass wir vorhandenes Geld so verteilen müssen, dass alle in gleicher Weise etwas davon haben und von Kultur, Bildung, Unterhaltung, den Aushängeschildern unserer Stadt, profitieren.

Und schließlich: Bei der Suche  nach dem Besten für diese Stadt darf eine gepflegte, respektvolle Kommunikation der Bürger untereinander nicht fehlen. Kultur ist auch Gesprächskultur, und zwar auf Augenhöhe. Wenn Menschen in einer Stadt etwas Wichtiges zu sagen haben, dann zeugt es von Kommunikationskultur, wenn man sie anhört. Wenn Menschen erst mit ihrem Anliegen auf die Straße gehen und laut werden müssen, dann lässt das darauf schließen, dass da in Sachen Anhören offenbar etwas versäumt worden ist. Zur Gesprächskultur  würde gehören, dass man den Protestierenden spätestens jetzt intensiv zuhört und sie ernst nimmt, insbesondere wenn es sich bei ihren Anliegen um so vernünftige Dinge wie maßvollen Umgang mit Geld, Lebensqualität und Erhaltung der Schlossgartenbäume handelt. Eine kluge Stadtverwaltung, die merkt, dass da eine Protestbewegung im Gang ist, würde noch mal in sich gehen und ihr Vorhaben prüfen. Wenn so viele Bürger einer Stadt signalisieren, hier stimmt was nicht – und es sind ja nicht die Dümmsten, die das signalisieren – dann würde eine souveräne Führung, die auf Demokratie setzt, innehalten und sagen: Moment mal, vielleicht sehen die was, was wir nicht sehen. Anstatt sich diese Menschen zu Gegnern zu machen, würde sie aufs reine Kräftemessen verzichten; sie würde verzichten, schon um Polarisierung  und Eskalation bis hin zum irreparablen Vertrauensschaden – dem sicheren Herztod einer Stadt – zu verhindern. Denn die Menschen, deren Kräfte, deren Phantasie im Moment gebunden sind im blanken Widerstehen gegen Brachialgewalten, das sind ja Menschen, die sorgen sich um ihre Stadt, die wollen sich mitkümmern, mitreden, mithandeln! Darüber müsste eine kluge, am Besten für ihre Stadt orientierte Crew von städtischen Abgeordneten in Jubel ausbrechen und begeistert sagen: Prima! Was für ein großartiges Kapital, was für eine Chance für unsere Stadt! Jede Regierung  könnte darauf stolz sein. Und sie würde, aus Erfahrung klug und wissend, dass man bei einem so anspruchsvollen stadtplanerischen Projekt alles an Erkenntnis zu Hilfe nehmen muss, was zu haben ist, sie würde sich die Ideen, Phantasien, Kompetenzen dieser Bürgerbewegung zu Nutze machen und sie  bündeln. Alle gemeinsam  würden wir unsere Kräfte in den Dienst der gewaltigen Aufgabe stellen, miteinander überlegen, Zwischentöne äußern – auch das wäre wieder möglich, nicht nur das für und das Gegen -, wir würden vielleicht verwerfen, wieder überlegen, um am Ende das zu finden, was für unsere Stadt das Beste ist.

Noch ist es dazu nicht zu spät! Noch ist Zeit! Noch ist nichts passiert, was nicht gestoppt, modifiziert und  in eine andere Richtung gelenkt werden könnte. Noch ist Zeit, der Stadt Bestes zu suchen! Nichts ist unumkehrbar! Das Wort unumkehrbar ist eines, das es in der Bibel nicht gibt. Dort findet sich vielmehr sehr oft der Aufruf zur Umkehr. So oft, dass es einen Grund haben muss. Die Bibel kennt verfahrene Situationen, Situationen, wo sich Menschen vertan, geirrt, verstiegen oder einfach falsch geplant haben. Solche Situationen sind menschlich. Sie kommen häufig vor.  In diesen Situationen ist das Wort von der Umkehr der Schlüssel. Es sagt: Man kommt wieder heraus. Weil Verirrungen so menschlich, so normal sind, wird niemand ausgelacht, der umkehrt. Es kann jedem passieren. Auf niemanden, der umkehrt, wird hämisch mit dem Finger gezeigt. Nach dem Motto: Wir habens ja schon immer gewusst. Umkehr löst auch keine Schadenfreude aus, sondern nur reine Freude. Und niemand, der umkehrt, wird sein Gesicht verlieren; er wird es im Gegenteil wieder gewinnen.

Der Umkehr ist eigen, dass sie nicht aufschiebbar ist. Sie kann sofort anfangen. Zum Beispiel heute, am Ostermontag 2010. Denn auch Ostern ist das Datum einer beispiellosen Umkehr, der Umkehr vom Tod ins Leben. An Ostern hat alles unter umgekehrten Vorzeichen neu angefangen. Ostern wäre ein guter Termin auch für einen Neubeginn in Stuttgart.

Amen.

Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin

Offener Brief von Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin, 6.09.2010

An die Kolleginnen und Kollegen, an die Kirchenleitung und alle, die sich angesprochen fühlen.

Man kann sich bestimmte Entwicklungen lange Zeit mit mehr oder weniger Geduld anschauen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem das Maß voll ist. Dieser Punkt ist bei mir derzeit erreicht, wenn ich auf die Rolle der Evangelischen Kirche in Sachen Stuttgart 21 blicke, darauf, was sie tut, bzw. was sie nicht tut.

Als eine, die einmal Theologie studiert hat und Pfarrerin der Landeskirche geworden ist, in der Hoffnung, damit in einer Institution zu arbeiten, die in einer gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft ein Gegengewicht der Menschlichkeit bildet, bleiben einem gegenwärtig nur noch Trauer und Scham darüber, dieser Institution anzugehören.

Was ist das für ein klägliches Bild, das die Kirche derzeit nach außen abgibt, wenn sie hartnäckig –oder ängstlich? – darauf beharrt, sich nicht einmischen zu wollen angesichts eines Projekts mit mittlerweile allseits bekannten und absehbar katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen! Als Institution von immer noch bedeutendem gesellschaftlichem Ansehen räumt sie damit freiwillig den Platz als ethisches Korrektiv, das ihr von der Mehrheit unserer Gesellschaft ganz selbstverständlich zugestanden wird!
Seit Monaten zieht sich die Kirche in Sachen S21 auf diese unsägliche Raushalte-Position zurück, mit fragwürdigen Argumenten, die den zahllosen im Widerstand gegen S21 engagierten Christen und Kirchenmitgliedern weder verständlich noch vermittelbar sind.
Da geht es auf einer formalen Ebene um Dienstwege, bzw. um das, was man als InhaberIn eines kirchlichen Amtes darf oder nicht darf, was richtig oder falsch ist, anstatt darum, sich beizeiten umfassend mit dem Thema und seinen Inhalten zu beschäftigen, um dann zu erkennen, welcher Gruppierung in unserer Gesellschaft man als Kirche stärkend zur Seite stehen muss.

Ich frage mich wirklich, warum ich auf Seiten der S21-Gegner als Pfarrerin ganz alleine dastehe. Wenn es heißt, Kirche dürfe nicht Partei ergreifen sondern müsse für alle da sein, ist zu sagen, dass ihr das, indem sie sich raushält und schweigt, jedenfalls bestimmt nicht gelingt. Indem Kirche keine Stellung bezieht, steht sie immer auf der Seite der Macht und des herrschenden Status Quo und macht sich zu deren Handlanger, was ihr von intellektueller Seite seit eh und je zum Vorwurf gemacht wird.
Der Meinung, Religion sei Privatsache, sei entgegengehalten, dass Religion seit jeher eine ethische Komponente besitzt, die das Gemeinwohl betrifft. Im Fall von Stuttgart 21 sind mit der Verschiebung von Milliarden von Steuergeldern von unten nach oben sowie mit dem Kahlschlag hunderter alter Bäume höchst offensichtlich ethische Themen berührt und Grundwerte in Gefahr. Sich hier herauszuhalten, gar nobel eine Vermittlerrolle in Aussicht zu stellen, wenn sich die Parteien ordentlich gezofft haben, halte ich geradezu für zynisch. Die einzige adäquate Haltung wäre stattdessen, mit Zivilcourage auf der Seite derer zu streiten, die ganz offensichtlich den Schaden haben.

Wie gesagt, die Zurückhaltung der Kirche ist schwer nachzuvollziehen und noch schwerer auszuhalten. Vollends unerträglich wird es, wenn nun auch noch ausgerechnet ein Pfarrer sich für eine Pro Stuttgart 21 –Bewegung stark macht und sich auf dem Podium der FAZ als Opfer militanter und intoleranter S21-Gegner feiern lässt. Offenbar ist sich über die Ruf schädigende Wirkung dieser Aktivitäten für die Kirche niemand im Klaren. Es ist einfach nicht zu glauben, dass sich nicht einmal jetzt auf breiter Front Widerstand bei Kirchenvertretern regt, sich niemand distanziert und niemand sagt, der spricht nicht für uns.
Stattdessen sehe ich mich als die einzige Pfarrerin, die sich öffentlich gegen S21 exponiert hat, in der grotesken Lage, als Gegenspielerin jenes Pfarrers in den Zirkusring der Öffentlichkeit, auch den der Fernsehmedien, steigen zu sollen. Mit diesem Befürworter kloppe ich mich dann stellvertretend für die Kirche, die sich vornehm zurückhält und muss außerdem noch damit rechnen, dass von erhabener Stelle der Zeigefinger erhoben wird.

Mich würde mal interessieren, wieweit meine Kollegenschaft sich noch traut, unabhängig von der Obrigkeit eindeutig und öffentlich sozialpolitisch Position zu beziehen. Wenn sich große Bevölkerungsgruppen gegen einbetonierte Machtpositionen zur Wehr setzen, kann sich die Kirche nicht unparteiisch geben. Es geht darum, entsprechende Machtträger in der Gesellschaft zur Besinnung und zur Reflektion zu bringen.  Ich bin gespannt auf Reaktionen oder auch Nicht-Reaktionen.

Hier gibt’s diesen Text als PDF